Starker Anstieg der Kriegsdienstverweigerungen – Kein Ausweg, aber ein Anfang

Die Anzahl an Kriegsdienstverweigerungen steigt 2026. Im Zusammenhang mit der kommenden Wehrpflicht sichern immer mehr Arbeiter:innen ihre Interessen ab. Doch eine wirkliche, langfristige Veränderung erreichen wir nur gemeinsam. – Ein Kommentar von Michael Schirm.

Zwischen Januar und März 2026 haben 2.656 Arbeiter:innen einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) gestellt. Nach insgesamt 3.867 Anträgen im gesamten Jahr 2025 zeigt sich damit ein Trend nach oben, der wohl mit dem immer näher rückenden verpflichtenden Wehrdienst zusammenhängt.

Schwierigkeiten der Verweigerung

Der Kriegsdienst lässt sich in Deutschland unter Berufung auf Artikel 4 Absatz 3 Satz 1 des Grundgesetzes verweigern. Dieser spricht jedem Menschen die Freiheit des Glaubens und Gewissens, sowie der religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisse zu.

Damit die Verweigerung trotzdem nicht so einfach ist, erfordert sie „eine ausführliche und persönlich verfasste Begründung“, über dessen Nachvollziehbarkeit und Relevanz der Staat wiederum entscheiden kann. Sollte die Erklärung genügen, muss trotzdem ein ziviler Ersatzdienst erfolgen.

Sich der Kriegsmaschinerie also wirklich zu entziehen, ist damit nicht möglich. Eine Totalverweigerung, also auch des zivilen Ersatzdienstes, kann mit bis zu fünf Jahren Haft geahndet werden.

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Geschichte der Friedensbewegung

Die Kriegsdienstverweigerung hat in Deutschland eine langjährige Tradition, genau wie die deutsche Friedensbewegung allgemein. Der „Krefelder Appell“ hat 1980 mit über vier Millionen Unterschriften ein Zeichen gegen die Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenraketen in Europa gesetzt.

Die damit verbundenen Demonstrationen erreichten bis zu 500.000 Teilnehmer:innen und gehören damit zu den größten Massendemonstrationen der deutschen Geschichte.

Einen Höhepunkt der Kriegsdienstverweigerung gab es 2002, als fast 200.000 Arbeiter:innen den Dienst verweigerten. Doch sowohl die hohen Verweigerungszahlen, als auch die riesigen Massendemonstrationen, konnten den Krieg nie langfristig stoppen. Das merken wir heute jeden Tag.

Ein guter Anfang

Dass sich immer mehr Arbeiter:innen dieses Mittels bedienen, ist trotzdem ein gutes Zeichen. Der Staat führt diese Kriege nicht in unserem Interesse oder zur Verteidigung irgendwelcher Werte. Nicht in den fast sicheren Tod gehen zu wollen und deshalb zu verweigern, ist nur einer der vielen Gründe gegen die Kriegstreiberei vorzugehen.

Kriege dienen alleine jenen, die von ihnen profitieren. Als Arbeiter:innen haben wir aber nichts zu gewinnen, auch wenn immer das Gegenteil behauptet wird. Etwa die „Demokratie“, die uns allerdings von immer mehr Grundrechten befreit, im Kampf gegen den Faschismus alleine lässt oder aktiv am faschistischen Staatsumbau mitarbeitet.

Stattdessen haben wir alles zu verlieren. Die Wirtschaft wächst durch Kriegsprofite, der Sozialstaat schrumpft. Unsere Privatsphäre wird durch Massenüberwachung immer stärker eingeschränkt. Hass auf unsere Klassengeschwister im Ausland wird verbreitet und bestärkt. Und nachdem wir das alles ausgehalten haben, sollen wir mit der Waffe in der Hand an der Front in Stücke gesprengt werden.

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Der Kapitalismus bringt Krieg

Das Problem der Friedensbewegung und der individuellen Verweigerung ist, dass sie keinen systemischen Wechsel anstreben. Doch das System, der Kapitalismus, funktioniert nur mit Kriegen.

Er basiert auf der Idee des unbegrenzten und notwendigen Wachstums. Sobald die endliche Welt, auf der wir leben, aufgeteilt ist, müssen alle Kapitalist:innen ihre Absatzmärkte trotzdem erweitern. Die Einflussbereiche, die große Unternehmen besitzen, werden allerdings schon von anderen Unternehmen abgedeckt. Es muss also Platz geschaffen werden.

Und damit beginnt ein Krieg nach dem nächsten, in dem Absatzmärkte wie in Afghanistan oder der Ukraine verteidigt und erkämpft werden. Ein ewiges hin und her, das für alle Arbeiter:innen unendliches Leid und Tod bedeutet. Für die Kapitalist:innen bringt es Profit und eine Chance auf eine Vormachtsstellung in der internationalen Konkurrenz.

Unsere eigene Zukunft schaffen

Das müssen wir aber nicht hinnehmen. Wir sind alle von diesem System betroffen, wir leiden alle daran. Doch den Kriegsdienst zu verweigern oder auf eine Demo gegen die Wehrpflicht zu gehen, werden nur Schritte auf dem Weg sein.

Unsere Waffe, die uns stärker macht als alle Kapitalist:innen, ist die Solidarität. Die Solidarität untereinander, die Solidarität mit unseren Klassengeschwistern auf der anderen Seite des Schlachtfelds.

Wenn Krieg ist und keiner hingeht, dann werden wir gemeinsam diejenigen stürzen, die uns Arbeiter:innen schon immer für ihre Interessen haben sterben lassen. Dann werden wir eine Zukunft erkämpfen, die uns alle in Würde leben lässt.

Um das zu erreichen, braucht es Organisation. Eine Bewegung, die immer wieder Demos hält, dann langsam abebbt und hinter ihren Forderungen zurückbleibt, kann keinen Systemwechsel erwirken. Nur ein gemeinsamer, langfristiger und organisierter Kampf in unseren Vierteln, Bildungs- und Arbeitsstätten kann diesem Staat etwas entgegensetzen.

Michael Schirm
Michael Schirm
Student aus Wuppertal und Perspektive-Autor seit 2025. Schreibt themenübergreifend, mit Fokus auf die Arbeiter:innen, die vom Kapitalismus betroffen sind. „The true revolutionary is guided by a great feeling of love.“

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