Am Freitag streikte das Kabinenpersonal der Lufthansa für einen Sozialplan. Denn Lufthansa möchte beim Konzernumbau auf kostengünstigere Tochtergesellschaften auch 800 Stellen abbauen. Während das Kabinenpersonal mit UFO auf der Straße stand, hat ver.di nun einen Tarifabschluss bei CityAirlines bekannt gegeben – ohne gestreikt zu haben.
Hunderte Flugzeuge standen am Freitag an mehreren deutschen Flughäfen still – und das nicht wegen des Iran-Krieges, wie man vermuten könnte, sondern wegen eines Streiks des Kabinenpersonals der Lufthansa. Dieser wurde von der Spartengewerkschaft UFO, der Unabhängige Flugbegleiter Organisation, geführt.
Lufthansa, der größte Airline-Konzern Europas, verfolgt seit längerem eine Linie zu Ungunsten der Beschäftigten: Teure Bereiche sollen aufgespalten und das Geschäft auf Tochterunternehmen mit geringeren Kosten verlagert werden – mit Stellenabbau als Folge. 4.000 Stellen der rund 103.000 Stellen sollen bis 2030 gestrichen werden, wie der Konzern im vergangenen Jahr mitteilte.
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Umbau des Geschäfts auf kostengünstigere Töchter
Die Strategie des Lufthansa-Konzerns lautet: Umbau des Geschäfts auf kostengünstigere Tochtergesellschaften. So übernimmt Discover Airlines zunehmend Teile des Mittel- und Langstreckengeschäfts.
Die Zubringerflüge, bislang von Lufthansa CityLine durchgeführt, sollen künftig verstärkt von City Airlines übernommen werden. Weil nämlich die 2023 gegründete Lufthansa-Tochter City Airlines – ähnlich wie der ebenfalls neue Flugbetrieb Discover – deutlich kostengünstiger arbeiten und mit geringeren Personalkosten als die Kernmarke Lufthansa (Classic) auskommen soll. Sowohl bei Discover Airlines als auch bei City Airlines scheint ver.di die stärkere Gewerkschaft zu sein.
Für die Beschäftigten von Lufthansa hat gerade dieser Konzernumbau von Lufthansa CityLine auf City Airlines konkrete Folgen: bei CityLine droht rund 800 Mitarbeitenden der Arbeitsplatzverlust. Für sie steht bei den diesjährigen Tarifverhandlungen somit auch die Forderung nach einem Sozialtarifvertrag im Mittelpunkt, der die Folgen der Umstrukturierung abfedern soll.
Konkret fordert die Gewerkschaft, dass für die rund 800 betroffenen Beschäftigten der CityLine – deren Betrieb perspektivisch eingestellt werden soll – verbindliche Regelungen geschaffen werden, die ihre berufliche Zukunft absichern. Dazu gehören insbesondere finanzielle Absicherungen (z. B. Abfindungen), Übergangsregelungen und Schutzmaßnahmen für verschiedene Beschäftigtengruppen, etwa ältere Mitarbeitende oder solche kurz vor dem Ruhestand.
Und auch die Arbeitszeitregelungen stehen zur Debatte: So möchte die Chefetage von Lufthansa wohl die monatlich möglichen Arbeitsstunden im Manteltarifvertrag deutlich anheben. Gerade in der Hochsaison im Sommer könnte das zu besonders dichten Arbeitsplänen führen – so die Befürchtung der Gewerkschaft UFO.
Ausfall hunderter Flüge am Freitag
Vor diesem Hintergrund rief die UFO am Mittwoch zu einem bundesweiten Streik zwei Tage später, am Freitag, auf. 94,02 Prozent der Mitglieder von UFO sprachen sich dabei für Arbeitskämpfe bei Lufthansa aus, während es bei CityLine sogar 98,63 Prozent waren.
Die Beschäftigten kritisieren auch die mangelnde Verhandlungsbereitschaft des Konzerns. Seit Monaten habe es keinen belastbaren Vorschlag gegeben. Nachdem die Verhandlungen als gescheitert gelten, zeigt sich die Gewerkschaft entschlossen, ihre Forderungen im Arbeitskampf durchzusetzen.
Statt zur Arbeit zu erscheinen, ging also das Lufthansa-Kabinenpersonal auf die Straße, um Druck auf den Konzern auszuüben. Mit Erfolg: Nach Angaben des Flughafenbetreibers Fraport wurden am Freitag in Frankfurt 580 der insgesamt 1.053 vorgesehenen Starts und Landungen gestrichen. Gestreikt wurde außerdem noch an anderen wichtigen Drehkreuzen Deutschlands: in München, Hamburg, Bremen, Stuttgart, Köln-Bonn, Düsseldorf, Berlin und Hannover.
Auch die Pilot:innen von Lufthansa haben für Montag und Dienstag einen Streik angekündigt, wie die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) am Samstag mitteilte. Auch VC kritisiert dabei die mangelnde Gesprächsbereitschaft des Arbeitgebers und fordert Lufthansa auf, ein Angebot vorzulegen, um den Streik abzuwenden: „Die Arbeitgeberseite hat jederzeit die Möglichkeit, den Streik abzuwenden, indem sie verhandlungsfähige Angebote vorlegt“, so VC-Präsident Andreas Pinheiro.
Gleichzeitiger Tarifabschluss von ver.di bei City Airlines ohne Streik
Während das von der UFO vertretene Kabinenpersonal für einen Sozialplan bei CityLine streikte, erzielte ver.di bei Lufthansa City Airlines – der Tochterfirma von Lufthansa, die in Zukunft die Zubringerflüge von CityLine übernehmen soll – einen ersten Tarifabschluss. Dies wurde am Freitag – dem Streiktag bei UFO – mitgeteilt. Gestreikt wurde für diesen Tarifvertrag allerdings nicht.
Für rund 500 Beschäftigte von City Airlines gilt damit erstmals ein Tarifvertrag mit Laufzeit bis Ende März 2029. Nach Angaben von ver.di sollen die Gehälter in mehreren Schritten um 20 bis 35 Prozent steigen. Zusätzlich wurden weitere Verbesserungen vereinbart, darunter eine jährliche Sonderzahlung ab 2027 sowie erhöhte Zulagen. Details des Tarifvertrags sind bislang nicht öffentlich.
Dieser Tarifabschluss hat Auswirkungen über seine Laufzeit hinaus: Die Spartengewerkschaften UFO, die das Kabinenpersonal vertritt, und VC, die Pilot:innen als Mitglieder haben, stehen dabei der deutlich größeren Dienstleistungsgewerkschaft ver.di gegenüber. Während ver.di weiter an Einfluss gewinnt, könnten die Berufsgruppengewerkschaften noch weiter an Bedeutung verlieren.
Die Spartengewerkschaft UFO hat deshalb deutliche Worte an ihre Kolleg:innen von ver.di zu verlieren: „Der zunehmende Druck auf die Lufthansa‑Kabine ist vor allem eine Folge davon, dass ver.di vor fast drei Jahren in einen tariflichen Unterbietungswettbewerb innerhalb des Konzerns eingestiegen ist – zunächst bei Discover Airlines, nun vermutlich auch bei der City Airlines.“
Lufthansa erhöht Ticketpreise, um steigende Kerosinpreise auszugleichen
Mitten in den strategischen Umbau des Lufthansa-Konzerns fällt eine Phase internationaler Spannungen, die sich auch auf die Verfügbarkeit und Preise von Kerosin auswirken. Das Flugzeugbenzin besteht aus Erdöl – allerdings nicht „rohem“ Erdöl. Somit hat sich der Angriffskrieg der USA und Israels auf den Iran und die mit ihm zusammenhängenden Teuerungen von Öl und Gas auch auf die Kerosinpreise ausgewirkt.
Für den Konzern ist das ein weiterer Faktor in einer ohnehin angespannten wirtschaftlichen Lage. Bis zu 40 Flugzeuge könnten demnächst stillstehen, so Lufthansa-Chef Carsten Spohr Anfang April. Um die Kosten zu bewältigen, müsse man die Ticketpreise erhöhen, so Spohr weiter.
Auch diese internationale Lage wirft der Konzern den streikenden Beschäftigten vor: Ein Streik inmitten des Kriegs, zudem am Ende der Osterferien sei eine „Eskalation“ und „verantwortungslos“, so Michael Niggemann, Vorstandsmitglied der Lufthansa AG. „Gerade auch in einer Zeit, in der wir mit geopolitischen Herausforderungen umgehen müssen wie extremen Kerosinpreisentwicklungen und großen Unsicherheiten für die kommenden Monate“, wird Niggemann zitiert.
Außer Acht scheint der Konzern dabei zu lassen, dass sich der Krieg gegen den Iran derzeit auch negativ auf seine Beschäftigten auswirkt. Auch diese müssen mit erhöhten Benzinkosten zur Arbeit kommen und stetig steigende Preise bewältigen, egal, ob in Supermärkten oder im eigenen Zuhause. Und anders als ordentliche Vorstandsmitglieder stehen die Beschäftigten von Lufthansa – auch wenn sie teilweise im Vergleich zu vielen anderen Berufsgruppen „gut“ verdienen – keine 860.000 Euro jährlich plus Boni und Dienstwagen zur Verfügung.
Internationalisieren, modernisieren und Krieg eskalieren
Ungeachtet dessen hält das Management von Lufthansa an der Internationalisierung des Konzerns fest: Vorstandschef Carsten Spohr kündigte an, ein Angebot für die portugiesische Staatsairline TAP zu prüfen. Denn Portugal plant, die während der Corona-Krise im Jahr 2020 verstaatlichte Fluggesellschaft wieder teilweise zu privatisieren. Die Regierung in Lissabon hatte im Juli angekündigt, 44,9 Prozent der Anteile verkaufen zu wollen.
Parallel dazu wird die Flottenmodernisierung fortgesetzt. Die Einsparungen aus den kostengünstigeren Tochtergesellschaften sollen so in internationale Expansion und Wettbewerbsfähigkeit investiert werden.
Auch wenn sich Lufthansa derzeit noch über den Iran-Krieg und steigende Kerosinpreise beschwert, könnte auch sie mit Aufrüstung und Krieg Profite machen: Die Tochter Lufthansa Technik, bislang auf Wartung und Umbau von Passagierflugzeugen spezialisiert, soll künftig unter dem Namen Lufthansa Technik Defense stärker im Rüstungsbereich aktiv werden. Geplant sind unter anderem Wartung und Instandhaltung militärischer Luftfahrzeuge sowie die Zusammenarbeit mit Rüstungsunternehmen wie Elbit im Bereich Drohnen. Auch der Umbau ziviler Flugzeuge für militärische Zwecke könnte künftig Teil des Geschäfts sein.

