Syrische Übergangsregierung an Entführung deutscher Journalistin beteiligt

Noch immer ist die Journalistin Eva Maria Michelmann vermisst, nachdem sie in Rojava verschleppt wurde. Ein Augenzeugenbericht gibt nun neue Einblicke auf den Fall, wodurch die Beteiligung oder wenigstens Hinnahme der Entführung durch die HTS-Übergangsregierung immer konkreter wird.

Über 80 Tage ist es nun schon her, seitdem jede Spur der Kölner Journalistin Eva Maria Michelmann und des türkischen Journalisten Ahmed Polad fehlt. Sie berichteten als eine der wenigen ausländischen Journalist:innen noch direkt aus Rojava. Die letzten Lebenszeichen führen in die nordsyrische Stadt Ar-Raqqa, die von islamistischen Banden und Truppen der syrischen Übergangsregierung belagert wurde. Dort wurden sie laut der türkischen Nachrichtenagentur ETHA das letzte Mal gesichtet.

Vor etwa einem Monat veranstalteten die Organisation People’s Bridge zusammen mit Familienangehörigen von Eva eine Pressekonferenz, auf der auch ihr Anwalt Roland Meister sprach. Der eigens für die Suche beauftragte Advokat zeichnete ein Bild von mehreren möglichen Szenarien:

So könnte sie von den Regierungseinheiten festgenommen und ihr Fall bewusst noch nicht veröffentlicht worden sein oder aber sie wurde verschleppt und die Regierung weiß noch nichts davon, dass sie gefangen genommen wurde. Andernfalls wäre es durchaus vorstellbar, dass beide aufgrund der türkischen Staatsbürgerschaft ihres Begleiters dem türkischen Staat übergeben worden sind. Zuletzt bestünde ebenfalls die traurige Möglichkeit, dass sie getötet wurde.

Durch die Pressekonferenz konnte ein großes Echo erzeugt werden. Mehrere Medienanstalten berichteten über den Vorfall, NGOs bemühten sich um Erkenntnisse und auch das Auswärtige Amt äußerte sich diesbezüglich. Sie seien informiert worden und arbeiteten daran, sie zu finden – Passiert ist seitdem jedoch nichts.

Deutsche Journalistin Eva Maria Michelmann weiter vermisst

Augenzeuge wirft neues Licht auf Entführung

Am Montag äußerte sich nun mit Casim Mihemmed ein Augenzeuge der Verschleppung. In einer Videoaufnahme, die Perspektive Online vorliegt, sprach er davon, dass er sich in Raqqa in einem revolutionären Jugendzentrum im Stadtteil Seyf El Dewlî aufhielt, als Eva Michelmann ebenfalls ins Zentrum des Viertels kam. Sie arbeitete an einer Reportage über den IS – sie wollte der Welt zeigen, wie sich in Raqqa neue IS-Gruppen gründeten.

Anschließend begannen islamistische Banden und Truppen der Übergangsregierung die Stadt zu belagern und auch das Jugendzentrum wurde umzingelt. Als die Situation unübersichtlich wurde, kontaktierte man die Allgemeine Sicherheit der Region Aleppo. Gegen ein Uhr nachts kamen diese an und evakuierten Mihemmed und die anderen, die sich im Jugendzentrum aufhielten, ins Al-Aqtan-Gefängnis, wo sie sicher ankamen.

Jedoch kamen Eva und Ahmed dort nie an. Mihemmed sah noch, wie die beiden Journalist:innen ebenfalls in ein Fahrzeug gesetzt wurden, allerdings in ein anderes, welches nicht in dieselbe Richtung wie sie fuhren. Das war das letzte Mal, dass er die beiden sah.

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Sicherheitschef mit HTS-Verbindung mutmaßlich an Verschleppung beteiligt

Für die Allgemeine Sicherheit in der Region war an diesem Tag Mohammed Abdulqani verantwortlich. Dieser ist Teil der Übergangsregierung und hat starke Verbindungen zur islamistischen Haiʾat Tahrir asch-Scham (HTS). Abdulqani war laut Mihemmed am 18. Januar auch im Jugendzentrum und wurde dort anhand eines Fotos wiedererkannt.

Die Vermutung, dass die HTS-Übergangsregierung in diesen Vorfall verwickelt ist, wurde durch die Aussage von Mihemmed nochmal bekräftigt. Im Interview spricht er mehrfach davon, dass Abdulqani eine Abmachung mit den islamistischen Banden traf, die das Jugendzentrum belagerten, um Mihemmed und die anderen zu evakuieren. Auch fragt er sich bezüglich Eva und Ahmed: „Warum sind sie nicht mit uns mitgekommen? Warum haben sie sie nicht mitgebracht?“

Es scheint also immer klarer, dass die Entführung von Eva und Ahmed entweder in direkter Absprache mit der HTS-Übergangsregierung durchgeführt wurde oder diese die Verschleppung zumindest bewusst hinnahmen. People’s Bridge fordert die Übergangsregierung auf, dem Fall umgehend nachzugehen und die beiden Reporter freizulassen.

Deutsche Regierung verbündet sich mit HTS

Während die Beteiligung der syrischen Übergangsregierung an der Verschleppung einer deutschen Journalistin also immer konkreter wird, wurde der syrische Präsident Ahmed al-Scharaa am Montag von der Bundesregierung als Gast mit Hochwürden empfangen.

Ob bei dem Gespräch der Fall Michelmann auf der Tagesordnung war, ist nicht nachzuvollziehen. Ein Regierungssprecher erklärte im Vorfeld lediglich, er sei sich sicher, „dass dieses Thema sowohl in der Vorbereitung als auch anschließend eine Rolle spielt.“ Bei einer anschließenden Pressekonferenz der deutschen und syrischen Staatsoberhäupter wurde Eva Maria Michelmann nicht erwähnt.

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Ebenso erklärte auch ein Vertreter vom Auswärtigen Amt im Vorhinein, man sei „dran“ und würde sich „sehr, sehr intensiv um Aufklärung kümmern“. Auch gab er zu verlauten, „dass es bei solchen Fällen, bei einzelnen Vermisstenfällen, manchmal besser ist, nicht sehr, sehr ins Detail zu gehen. Bitte vertrauen Sie darauf, dass sich die Bundesregierung wirklich hierum kümmert.“

Evas Bruder Antonius Michelmann prangert derweil gegenüber Spiegel die syrische Übergangsregierung an: „Es ist nun nicht mehr möglich, dass sich das syrische Übergangsregime auf eine Unübersichtlichkeit der Situation oder Unwissenheit beruft“. Auch vom Außenministerium erwartet er Konkreteres als bisher vorgelegt wurde: „Wir erhoffen uns und erwarten dringend konkrete Ergebnisse bei der Aufklärung des Verbleibs meiner Schwester und ihres Kollegen Ahmed“.

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