Unbefristeter Hungerstreik nach 4 Jahren Isolationshaft in der Türkei

Die politische Gefangene Seda Baykan ist am 1. April 2026 im türkischen Gefängnis in einen unbefristeten Hungerstreik getreten. Sie fordert ein Ende der ihr auferlegten Isolationshaft, die Verlegung in ein anderes Gefängnis oder alternativ mit anderen politischen Gefangenen zusammengelegt zu werden.

Seit dem 1. April befindet sich die politische Gefangene Seda Baykan im Hungerstreik. Sie ist seit ihrer Verhaftung am 17. September 2022 und ihrer anschließenden Inhaftierung im Frauengefängnis Diyarbakır (kurd.: Amed) in Isolationshaft. Ihr wird vorgeworfen, Mitglied der Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP) zu sein.

Neben ihr wurden auch die Revolutionär:innen Dilek Arsu und Mehmet Mustafa Uzkar gefangen genommen und inhaftiert. Alle erfuhren bereits zu Beginn ihrer Inhaftierung Folter in Form körperlicher Misshandlungen. Darüber hinaus wurde zunächst versucht, sie verborgen zu halten, sodass nur durch politischen Druck und Solidarität außerhalb der Gefängnisse erreicht werden konnte, dass ihre Aufenthaltsorte bekannt gegeben wurden. Ihnen wurde darüber hinaus der Kontakt zu ihren Anwält:innen über mehrere Tage verwehrt.

Körperliche Misshandlungen, systematisches Wachhalten und Isolation

Seda Baykan berichtete in den darauffolgenden Jahren von der systematischen Folter, mit der sie als politische Gefangene im Gefängnis konfrontiert wird. Darunter fallen beispielsweise Nacktdurchsuchungen sowie körperliche Misshandlungen in Form von Schlägen. Außerdem gehört dazu systematisches Wachhalten durch stündliche nächtliche Kontrollen, bei denen die Wärter:innen Baykan und andere Gefangene mit Taschenlampen anleuchten und sie dadurch in ihrem Schlafrhythmus empfindlich stören.

Langfristig kann dies massive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Gefangenen haben und unter anderem Panikstörungen zur Folge haben. Die stündlichen Kontrollen sind darüber hinaus nicht ausschließlich eine Methode, die nur nachts angewendet wird. So schreibt Baykan darüber, dass auch tagsüber die Wächter:innen unter dem Vorwand belangloser Fragen immer wieder die Zellen der politischen Gefangenen aufschließen und dadurch permanente Unruhe und Konzentrationsstörungen verursachen.

Diese Kontrollen sind ein Mittel, das bewusst zur Schwächung der politischen Gefangenen angewendet wird – sie sollen über längere Zeit schlicht zermürbt werden. Gerade durch den ständigen Eingriff in ihre Privatsphäre, selbst in den verletzlichen Momenten des Schlafs, soll eine dauerhafte Angst und Anspannung erzeugt werden.

Diese Verstöße gegen die Menschenrechte haben über die Jahre nicht abgenommen – im Gegenteil: So wird das Recht auf Lüften der Zelle, um frische Luft hineinzulassen, bei Seda Baykan auf drei Stunden pro Tag begrenzt. Zum Vergleich: Anderen Gefangenen sind zwischen zehn und zwölf Stunden Lüften erlaubt. Dazu kommt, dass das Fenster in Baykans Zelle mit dicht gewebten Drähten versehen ist, die das Eindringen von frischer Luft drastisch verringern.

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Systematische Verfahrensverweigerung durch die Staatsanwaltschaft

Unter diesen Haftbedingungen in Isolation ist Seda Baykan niemals still gewesen. Seit Beginn wehrt sie sich gegen die Methoden und Maßnahmen der Gefängnisleitung.

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Sie reichte bereits mehrmals Beschwerde gegen ihre Unterbringung in Isolationshaft ohne richterlichen Beschluss ein, wobei die Staatsanwaltschaft ihr aktiv die Verhandlung verweigerte. Ihre Briefe und Petitionen wurden von der Gefängnisleitung zurückgehalten. Auch wurde das Besuchsrecht zeitweise eingeschränkt und die Besucher:innen stets strengsten Sicherheitsüberprüfungen unterzogen.
Mehrmals ist Baykan gegen diese alltägliche Schikane und Folter in den Hungerstreik getreten und hat klargemacht: Egal, welche Mittel der türkische faschistische Staat auch anwenden mag – sie wird weder ihre Hoffnung verlieren, noch von ihren Überzeugungen Abstand nehmen.

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