Wachstumsprognose halbiert, Inflationsrate gestiegen

Noch im Herbst des vergangenen Jahres rechneten führende Wirtschaftsinstitute für 2026 mit einem Wachstum von 1,3 Prozent. Im Zuge der aktuellen Frühjahrsprognose wurde dieser Wert mehr als halbiert und liegt nun bei 0,6 Prozent. Verantwortlich für diesen Rückgang sei vor allem der anhaltende Krieg im Iran und der damit einhergehende hohe Energiepreis.

Während die Ergebnisse des letzten Herbstes ein Wachstum der deutschen Wirtschaft von 1,4 Prozent im Jahr 2026 prognostizierten, sind die zuletzt veröffentlichten Zahlen deutlich weniger ambitioniert: Die Wirtschaftsinstitute korrigieren das voraussichtliche Wachstum der deutschen Wirtschaft von 1,3 Prozent auf nur noch 0,6 Prozent herunter. Für das Jahr 2027 sinkt die Wachstumsprognose von 1,4 Prozent auf 0,9 Prozent.

Die Hauptprognosen der deutschen Wirtschaftsinstitute werden für gewöhnlich zweimal im Jahr – eine im Frühling und eine im Herbst – vorgelegt. In diesen Prognosen wird unter Berücksichtigung verschiedener Parameter die Entwicklung der deutschen Wirtschaft analysiert. Anhand dieser Vorausberechnungen lassen sich dann Wirtschaftswachstum, Inflationsrate und Preisentwicklungen für die Verbraucher:innen ermitteln.

Diese Bewegungen gehen auf den Beginn der Wirtschaftskrise 2018/2019 zurück, die durch die COVID 19-Pandemie und besonders den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine noch verstärkt wurden. Ihren letzten Höchstwert hatte die Industrieproduktion in Deutschland im November 2017 erreicht. In den Jahren 2024 und 2023 war das Bruttoinlandsprodukt (BIP) preisbereinigt um 0,5 bzw. 0,9 Prozent gesunken. 2025 erholte es sich: das BIP nahm einen Aufschwung um 0,2 Prozent. Für dieses Jahr 2026 wurde dann erstmals seit 2022 ein Anstieg von über 1 Prozent prognostiziert. Nach der Korrektur wird dieser Anstieg jedoch weniger hoch ausfallen als angenommen. Eine Erholung der deutschen Wirtschaft scheint also noch nicht in Aussicht.

3 Prozent Inflation als bestes Szenario

Infolge des anhaltenden Angriffskriegs der USA gegen den Iran und der daraus hervorgehenden Blockade der Straße von Hormus im Persischen Golf stieg z.B. der Preis für Gas im Vergleich zum Niveau vor dem Krieg innerhalb weniger Tage nach Kriegsausbruch um knapp 50 Prozent an. Während sich diese Teuerung direkt auf die Verbraucher:innenpreise in Deutschland auswirkt, treibt sie auch die Inflationsrate nach oben. Diese war laut der letzten Prognose im Herbst auf 2 Prozent geschätzt worden.

Irankrieg: Super-GAU für die Weltwirtschaft?

Sollte die Straße von Hormus ab Sommer 2026 wieder passierbar sein, gehen führende Wirtschaftsinstitute nun von 3 Prozent Inflation im zweiten Quartal aus. Wenn die Energiekosten herausgerechnet werden, geht man von einer Kerninflation von 2,4 Prozent und für das Jahr 2027 von 2,8 Prozent aus. Das ist allerdings noch das „beste“ Szenario, andere Voraussagen sehen deutlich düsterer aus.

Sollte es in Deutschland zu Produktionsstillständen aufgrund von fehlendem Gas oder Öl kommen – oder Unternehmen nicht mehr an Vorprodukte gelangen, weil die Lieferketten nicht mehr funktionieren, beziehungsweise im kommenden Winter das Gas für die Wärmeversorgung nicht ausreicht –, würden die Wirtschaftsinstitute eine ganz andere Prognose machen.

Hohe Staatsausgaben für Militär trägt zur Krise bei

Der Konjunkturchef des Münchener Ifo-Instituts, Timo Wollmershäuser, bestätigt die Annahme, dass ein Großteil der Korrekturen auf den Anstieg der Energiepreise zurückgeführt werden kann. Außerdem merkt er an, dass die Prognosen noch negativer ausgefallen wären, hätte der deutsche Staat die Binnenwirtschaft nicht mit sehr hohen Investitionen und Sondervermögen unterstützt. Diese flossen in den Rüstungssektor und wurden für Infrastruktur zur Verfügung gestellt.

So haben sich die Umsätze und das Auftragsvolumen vor allem bei Unternehmen, die in diesen Wirtschaftsbereichen angesiedelt sind, verbessert: Der börsennotierte deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall z.B. erwartet für das Jahr 2026 einen Umsatzanstieg von 40 Prozent auf 14 bis 14,5 Milliarden Euro. Im Januar hatte Rheinmetall in Aussicht gestellt, noch in diesem Jahr internationale Auftragseingänge von 80 Milliarden Euro zu verzeichnen. Deutschland ist mit dieser Politik zum weltweit viertgrößten Waffenexporteur geworden.

Deutschland mittlerweile viertgrößter Waffenexporteur

Arbeiter:innen zahlen, Konzerne kassieren

Hohe Umsätze im Rüstungssektor und bei der Infrastruktur sind aber nicht gleichbedeutend mit einer allgemeinen Entlastung der Bevölkerung. Viel eher wälzen Konzerne die steigenden Energiekosten auf die Verbraucher:innen ab.

Währenddessen wartet die Bevölkerung vergeblich auf konkrete Entlastungspläne der Regierung, um steigende Kosten auszugleichen. Zwar wurde vergangene Woche die sogenannte Spritpreisbremse beschlossen, nach der Tankstellen nur einmal am Tag ihre Preise erhöhen dürfen – die Effekte sind jedoch umstritten.

Was die Spritpreisbremse bringt

In der Regierungspressekonferenz am 01. April wurden das Wirtschafts- und das Finanzministerium befragt, ob es Pläne für konkret spürbare Maßnahmen wie einen Tankrabatt oder eine Pendlerpauschale gäbe. Außer einem Hinweis, dass dazu weiterhin Gespräche innerhalb der Regierung geführt würden, äußerte sich Susanne Ungrad, die Pressesprecherin des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz, vor allem zu den geplanten Strukturreformen. So liege der Fokus weiterhin darauf, Reformprojekte in den Bereichen Steuern, Renten, Gesundheitssystem, Stromversorgung und beim Bürokratieabbau auf den Weg zu bringen.

Dass dieser „Marathon der Reformen“, wie Lars Klingbeil (SPD) die Pläne der Regierung ankündigte, nicht den Arbeiter:innen zugute kommt, bleibt unterdes verschwiegen. Geplant hat die Bundesregierung stattdessen den Abbau des Sozialstaats. Unter anderem wird das Bürgergeld zum 01. Juli 2026 abgeschafft und durch die sogenannte „Grundsicherung“ ersetzt. So sollen härtere Sanktionen gegen Arbeitslose schneller ermöglicht werden. Auch bei der Debatte um das Rentensystem wird vor allem über eine Kürzung des Rentenniveaus, beziehungsweise eine Erhöhung der Rentenbeiträge diskutiert. Ein Anheben des allgemeinen Lohnniveaus, aus dem sich die Renten finanzieren, steht dabei nicht im Raum.

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