1. Mai 2026: Mehr Zuspruch für revolutionäre Antworten auf Krieg und Krise

Die Proteste rund um den 1. Mai werden weiterhin größer – und auch in diesem Jahr hielt sich die Polizei verhältnismäßig zurück. Am Vorabend, auf den DGB-Versammlungen und auf revolutionären Demonstrationen protestierten Zehntausende gegen Aufrüstung und soziale Kürzungen.

Zum internationalen Kampftag der Arbeiter:innenklasse haben im ganzen Land zehntausende Menschen protestiert. Besonders die revolutionären Demonstrationen am Nachmittag des 1. Mai sind auch in diesem Jahr erneut leicht angewachsen und haben viel Zuspruch erfahren.

Schon im Vorfeld wurden bundesweit in über 50 Städten revolutionäre Aktionen oder klassenkämpferische Beteiligungen an den traditionellen DGB-Demonstrationen angekündigt. Inhaltlich stand besonders der Kampf gegen die zunehmende Aufrüstung mitsamt neuem Wehrdienstgesetz und drohender Weltkriegsgefahr im Vordergrund.

Aktionsübersicht: Revolutionäre Demonstrationen am 1. Mai in ganz Deutschland

Revolutionäre Demos in Hamburg und Leipzig größer als erwartet

Eigenständige revolutionäre Demonstrationen zum 1. Mai werden besonders in den deutschen Großstädten organisiert. Diese haben besonders in den letzten zwei Jahren einen sprunghaften Zuwachs erfahren: in Hamburg etwa versammelten sich im Laufe des Abends über 10.000 Menschen am Bahnhof Altona, letztes Jahr waren es noch knapp 6.000.

Die Demonstration des revolutionären Bündnisses war dabei so groß, dass die Polizei den Aufzug anfangs stoppte – bis dieser eine andere Route einschlug als geplant. Auch in Leipzig konnten die tausenden Teilnehmer:innen nicht wie geplant in der Leipziger Innenstadt protestieren und wurden umgeleitet.

Im letzten Jahr wurde die revolutionäre Demonstration in Leipzig noch massiv angegriffen, im Nachhinein folgten zudem weitere polizeiliche Maßnahmen und gewaltsame Identitätsfeststellungen von mutmaßlichen „Straftäter:innen” am 1. Mai 2025. In Erinnerung bleibt dabei die massive Polizeigewalt gegenüber Aktivist:innen in einer Straßenbahn wenige Wochen nach dem 1. Mai.

In diesem Jahr hat die traditionelle Demonstration am Südplatz zum fünften Mal stattgefunden und hat dabei mit etwa 5.000 Teilnehmer:innen knapp doppelt so viele Menschen angezogen wie im Jahr zuvor. Der Protestzug war im vorderen Teil besonders von kommunistischen Kräften dominiert: allem voran wurde hierbei mittels Parolen und Transparenten der Kampf gegen die Militarisierung und den Sozialabbau zum Ausdruck gebracht.

Erster Mai in Berlin – zwischen Party und Protest

In Berlin findet klassischerweise immer die größte revolutionäre Aktion statt. Inhaltlich wurde unter anderem die Umstellung des lokalen Rheinmetall-Werks in Berlin-Wedding auf die Rüstungsproduktion aufgegriffen.

Die Teilnehmer:innenzahlen der Demonstration schwanken dabei massiv, bewegen sich aber im Bereich von über 10.000. Auffällig war dabei erneut, dass der Szene-Kiez Kreuzberg von unzähligen feiernden Menschen besucht wurde, was dem Demonstrationszug ein Durchkommen für die ersten Stunden stark erschwerte.

In einem besonders schlechten Licht hat sich dabei die Berliner Linkspartei dargestellt: Während die revolutionäre Demonstration am Abend vom Oranienplatz aus startete, organisierte die Linkspartei zeitgleich ein kostenloses Konzert mit Rapperin Ikkimel nur wenige hundert Meter entfernt davon. Das erntete schwere Kritik und befeuerte erneut die Debatte, ob der 1. Mai mit Party-Laune und Alkohol oder doch eher mit politischen Inhalten gefüllt werden sollte.

Anfangs zeigte sich die Polizei auf der Demonstration noch eher verhalten. Zwischendurch wurde allerdings erneut der Palästina-Block angegriffen – die Repressionen gegenüber palästina-solidarischen Kräften haben besonders in Berlin Tradition.

Internationale Solidarität in Süddeutschland und anderswo

Größere revolutionäre Demonstrationen fanden auch in süddeutschen Städten wie Stuttgart, Nürnberg, Regensburg, Augsburg und München statt. Auch hier waren die Aktionen größtenteils von starkem Zuwachs gekennzeichnet. In Nürnberg waren es etwa 5.000 Teilnehmer:innen, das Fronttransparent verkündete: „Gegen Krieg, Sozialabbau und Rechtsentwicklung! Kapitalismus überwinden!“

In Stuttgart war besonders die internationale Solidarität mit Kämpfenden in anderen Ländern zu spüren. So trugen hunderte Teilnehmer:innen über ihren Köpfen Schilder in den Farben der kurdischen Selbstverwaltung in Rojava, die sich besonders Anfang des Jahres mit starken Angriffen seitens des türkischen Staats und islamisch-fundamentalistischer Milizen konfrontiert sah. Der gemeinsame Block der Organisationen Kommunistischer Aufbau, Zora und Young Struggle wiederum forderte mit einem großen Überkopf-Transparent die Freiheit der in Syrien inhaftierten Journalist:innen Eva & Ahmet.

In Köln und Frankfurt zogen die revolutionären Demonstrationen ebenfalls mehrere tausend Menschen an. In der Domstadt kam es im Stadtteil Kalk zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, wobei einzelne Teilnehmer:innen festgenommen wurden. Auch am Ende der Aktion wurden Teile des Protestzugs angegriffen. Bis zum Schluss wurde die Polizeigewalt aber mit entschlossener Solidarität beantwortet.

In Frankfurt startete die Demonstration nach einem internationalistischen Klassenfest im Gallusviertel mit 3.000 Personen. Auch hier standen besonders der Kampf gegen die zunehmende Aufrüstung und der Einfluss der Militarisierung auf den Alltag der Bevölkerung im Vordergrund.

Lauwarmer DGB-Protest mit viel roter Beteiligung

Unter dem Motto „Erst unsere Jobs, dann eure Profite“ hat außerdem auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) zu Protesten in etlichen Städten aufgerufen. Diese Schwerpunktsetzung und die versöhnlerische Haltung des DGB mit dem Kapital wurde auch auf den Protesten selbst schwer kritisiert.

DGB-Aufruf zum 1. Mai: Kompromisse statt Klassenkampf

Darüber hinaus fand der DGB in seinem 1. Mai-Aufruf auch keine Worte zur Aufrüstung – dabei fließen aktuell besonders die Milliarden, die im Rentensystem und der Krankenversicherung vorgeblich fehlen, in den Kriegsapparat des deutschen Staats. Ein Teilnehmer in Leipzig hat Perspektive Online dabei erklärt, dass es dennoch wichtig sei, der Gewerkschaftsbasis und allen interessierten Beschäftigten eine Stimme auf den DGB-Protesten zu geben, um somit auch klassenkämpferische Positionen zu stärken.

Die antikapitalistischen und revolutionären Teile auf den Veranstaltungen des DGB waren dabei oft größer als die gewerkschaftliche Vertretung selbst. Neben antimilitaristischen Inhalten war hier besonders der Protest gegen den zunehmenden Sozialabbau und die angekündigten Angriffe auf die Arbeiter:innenklasse vorherrschend: Während die Bundesregierung offen über eine faktische Aufweichung des hart erkämpften Acht-Stunden-Tags debattiert, sind gleichzeitig satte Abstriche in der Rentenversorgung und der gesetzlichen Krankenversicherung angekündigt.

Protest zum Teil unerwünscht

Auch in kleinen Städten wie Finsterwalde oder Sangerhausen mit Einwohner:innenzahlen im niedrigen fünfstelligen Bereich waren auf den DGB-Veranstaltungen kämpferische Positionen wahrnehmbar. Das geschah zum Teil auch gegen den Willen der Veranstalter:innen: in Sangerhausen wurde zum Beispiel eine Ortsgruppe der Jugendorganisation Internationale Jugend des Platzes verwiesen, nachdem sie die Parole „Hoch die internationale Solidarität“ angestimmt hatte.

In der sächsischen Landeshauptstadt Dresden wiederum wurde der palästina-solidarische Teil der Demonstration von zionistischen DGB-Mitgliedern und Ordner:innen bedräng – wie bereits im Jahr zuvor. In Leipzig sorgte ein internes DGB-Schreiben im Vorfeld des 1. Mai für Unruhe: in ihm wurden kommunistische und internationalistische Gruppen als „problematisch“ eingestuft, sie sollten von der Versammlung verwiesen werden, hieß es dort. Der sächsische Landesverband des DGB distanzierte sich später von dem Papier.

Im baden-württembergischen Waiblingen wiederum landete ein Aktivist und ver.di-Mitglied kurzzeitig im Krankenhaus. Zuvor hatte er wohl versucht, eine „kreative Aktion“ auf einer Parallelstraße zur Demonstrationsroute durchzuführen – um welche Aktion es sich gehandelt haben soll, ist unklar. Dabei wurde er von einem mutmaßlich rechten Kampfsportler zu Boden geworfen und zehn Minuten lang mit dem Knie auf dem Boden fixiert, bevor die Polizei den Aktivisten anzeigte.

Teils erfolgreiche Blockaden gegen Naziaufmärsche

Der Kampf gegen den zunehmenden Rechtsruck wurde dabei in manchen Orten ziemlich konkret: Im thüringischen Gera protestierten z.B. über 700 Antifaschist:innen gegen einen deutlich kleineren Demonstrationszug der Nazi-Kleinstpartei Der III. Weg. Dank einzelner Blockaden wurde die ursprüngliche Route der Faschist:innen verkürzt. In Braunschweig wiederum wurde eine Versammlung von 40 Neonazis durch fast 2.000 Gegendemonstrant:innen mehrmals unterbrochen.

In Essen wiederum kündigte die faschistische Partei Die Heimat, ehemals NPD, einen Aufmarsch an. In der Ruhrmetropole versammelten sich schlussendlich aber nur knapp mehr als 100 Neonazis – angekündigt waren über 500. Revolutionäre und antifaschistische Kräfte protestierten dabei zuerst gegen die faschistische Demonstration und veranstalteten später ihrerseits eine eigene kämpferische Versammlung.

Aber auch anderorts versuchten faschistische Kräfte, den Arbeiter:innenkampftag für ihre Ideologie umzudichten: So hielten Der III. Weg und die faschistische AfD jeweils größere Wahlveranstaltungen in Zeitz und Schönebeck in Sachsen-Anhalt ab. Hier finden noch dieses Jahr Landtagswahlen statt, und es ist mit großen Wahlerfolgen seitens der AfD zu rechnen.

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Vorabenddemonstrationen in mehreren Städten

Vielerorts begann der 1. Mai aber schon am Vortag. Auch hier fanden besonders in kleineren Städten bereits eigenständige und revolutionäre Demonstrationen statt, etwa in Erlangen, Dessau, Wuppertal oder Rosenheim.

Auf der Vorabenddemonstration in Bochum wurde unter anderem Solidarität mit der angegriffenen Global Sumud Flotilla kundgetan. Im sächsischen Chemnitz wiederum fand überhaupt das erste Mal seit Jahren eine eigenständige revolutionäre Demonstration zum 1. Mai statt: knapp 250 Personen schlossen sich hier einer Versammlung der Internationalen Jugend Chemnitz an.

Der 1. Mai ist vorbei – der Kampf geht weiter

Alles in allem ist also auch in diesem Jahr ein leichter Zuwachs bei den 1. Mai-Versammlungen zu beobachten. Auffällig ist dabei, dass vor allem die revolutionären Aktionen besonders jugendliche Teile der Bevölkerung anziehen. Das hängt nicht zuletzt auch damit zusammen, dass die Pläne der Bundesregierung zur „Kriegstüchtigkeit“ mitsamt Wehrdienstgesetz und verpflichtenden Musterungen besonders auf dem Rücken der Jugend ausgetragen werden.

Die Veranstalter:innen der revolutionären Aktionen werden ihre Arbeit auch nach dem 1. Mai fortsetzen. So wurde in Redebeiträgen mehrfach betont, wie wichtig es sei, sich zum Kampftag der Arbeiter:innenklasse die Straße zu nehmen – gleichzeitig dürfe man aber nicht hier stehenbleiben. Es benötige danach vor allem die gemeinsame Organisierung gegen die alltäglichen Probleme, um tatsächlich eine lebenswerte Zukunft zu erkämpfen.

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