Das deutsche Pharmaunternehmen BioNTech verkleinert sich drastisch. Mehrere Werke werden geschlossen und sollen verkauft werden. Tausende verlieren nun potenziell ihren Arbeitsplatz und die deutsche Impfstoffproduktion kommt in die Bredouille. – Ein Kommentar von Vinzent Kassel.
Das Mainzer Pharmaunternehmen BioNTech baut massiv Stellen ab. Insgesamt sollen bis Ende nächsten Jahres 1.860 Arbeiter:innen von diesen Maßnahmen betroffen sein. Ganze Werke sollen geschlossen werden.
Darunter die Standorte Idar-Oberstein und Marburg sowie die Tübinger Produktionsstätte der erst 2025 übernommenen Tochterfirma CureVac. Auch der singaporische Produktionsstandort fällt den Sparmaßnahmen zum Opfer. BionTech hofft durch diesen Kahlschlag insgesamt bis zu 500 Millionen Euro pro Jahr einsparen zu können.
Geringer Bedarf an Covid-Impfstoffen
Vor der Corona-Pandemie war BionTech ein wenig beachteter Pharmazieentwickler, der sich der Forschung von mRNA-Impfstoffen gegen Krebserkrankungen verschrieben hatte. Erst durch COVID wurde die Mainzer Firma weltbekannt. Gemeinsam mit dem US-amerikanischen Pharmariesen Pfizer brachten sie einen Impfstoff gegen die Corona-Erkrankung heraus.
Die Forschung und Produktion dessen wurden massiv von der Bundesrepublik gefördert. Bis zu 375 Millionen Euro erhielten sie an staatlichen Subventionen, da die Impfstoffe für die Allgemeinheit wichtig waren. Dass es für BioNTech der Marktlogik nach aber nicht um die Gesellschaft, sondern darum, Profit zu machen, geht, lässt sich daran erkennen, dass die Impfstoffproduktion nun aufgrund des starken Rückgangs des Bedarfs eingestellt wurde.
Merzialische Kürzungen gehen mit der Gesundheitsreform weiter
Im ersten Quartal dieses Jahres ist der Umsatz, welcher durch den Covid-Impfstoff generiert wurde, im Vergleich zum Vorjahr nämlich um mehr als ein Drittel gesunken. Als weitere Gründe werden die strauchelnde deutsche Wirtschaft, hohe Energie- und Laborkosten sowie das grundsätzlich hohe Risiko bei Forschungsunternehmen angeführt. Doch Wirtschaftsanalyst:innen gehen derweil davon aus, dass BioNTech in Coronazeiten ihre Kapazitäten zu stark ausbauten und sich nun mit nicht ausgelasteten Werken konfrontiert sieht.
Dass die hohe Nachfrage nicht dauerhaft bestehen bleibt, wäre vorhersehbar gewesen. Vermutlich war sich der Konzern dessen auch bewusst, trotzdem stürzten sie sich sehenden Auges in den Abgrund. Denn die Marktlogik im Kapitalismus zwingt Konzerne immer wieder dazu in jeder Situation den größtmöglichen Profit abzuschöpfen, auch wenn man dann das Risiko läuft, auf einem Haufen unverkäuflicher Waren oder unverhältnismäßigen Produktionskapazitäten sitzen zu bleiben.
Arbeiter:innen und Gesundheitssystem müssen Krise ausbaden
Die Leidtragenden sind in diesem Fall mal wieder die Vielzahl an Arbeiter:innen, die ihre Anstellungen verlieren. Jetzt sorgen sie sich darum, ob die Standorte wirklich einen Abnehmer finden werden. Dies sei zumindest der Plan von BioNTech. Ob und in welchem Umfang die einzelnen Produktionsstätten übernommen werden können, ist bisher aber noch unklar.
Die Entlassungswelle rollt weiter – nun gerät auch der Kündigungsschutz ins Visier
Kritik kommt auch von der Gewerkschaft IG BCE. Sie bemängeln, dass von BionTech ein Sparkurs ohne jedwede Rücksicht auf ihre Belegschaft durchgeführt werde. Dies sei nicht nur für mehr als ein Tausend Beschäftigte ein signifikanter Einschnitt, sondern ebenfalls ein herber Schlag für die „Resilienz des Pharma- und Biotech-Standorts Deutschland.“
Momentan ist noch nicht abzusehen, ob die Auswirkungen für die BRD sogar noch tiefgreifender sein könnten. Sebastian Dullien, der wissenschaftliche Direktor vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung, weist darauf hin, dass durch die wegfallenden Produktionskapazitäten Deutschland für den Krisenfall eventuell nicht mehr ausreichen gerüstet sein könnte. Er fordert die Bundesregierung auf dies zu prüfen und gegebenenfalls Gegenmaßnahmen einzuleiten.
Keine Solidarität im Kapitalismus
Es zeigt einmal mehr, dass es im Kapitalismus eben keinen Platz für Solidarität gibt. Die Impfstoffe wurden nicht aus Nächstenliebe produziert, sondern um größtmöglichen Profit zu generieren.
Der deutsche Staat machte sich zum Handlanger der Profitgier von BioNTech, indem er großspurig Steuergelder in das Unternehmen pumpte. Doch bei der ersten Gelegenheit lässt der Pharmakonzern den deutschen Staat und all die von den Schließungen betroffenen Städte im Regen stehen. Knapp 2.000 Menschen werden voraussichtlich arbeitslos, ohne dass sie vorgewarnt wurden, den Städten entgehen eingeplante Steuereinnahmen und der Bundesrepublik fallen auf einen Schlag riesige Produktionskapazitäten für Impfstoffe weg.
Im Kapitalismus werden immer die Zahlen sprechen und nicht die Bedürfnisse der Menschen. Für 375 Millionen Euro hätte Deutschland auch staatliche Produktionsstätten errichten können, auf die man in Krisenzeiten zurückgreifen könnte. Oder man hätte zumindest gewisse Garantien für die Impfstoffproduktion sichern aushandeln können. Aber es wurde sich auf ein privates Unternehmen verlassen, das sich der Gesellschaft keineswegs verpflichtet fühlte.
Die beiden, während der Pandemie noch hochgelobten, BionTech-Gründer:innen Ugur Sahin und Özlem Türeci wollen sich bis zum Ende dieses Jahres aus dem Unternehmen zurückziehen. Sie planen bereits das nächste Forschungsprojekt, welches sich diesmal ausschließlich auf die mRNA-Technologie fokussieren solle. Ein neues StartUp ist eben auch immer eine Chance auf neue staatliche Förderungen.

