Der Deutsche Fußball-Bund plant die Abschaffung von Wahlen von Spitzenfunktionär:innen auf der Verbandsversammlung und nimmt mit neuen Sanktionsmöglichkeiten die Meinungsfreiheit in Angriff. Das Ziel ist ein für Investoren stabiler Verband, meint Andrej Hoffmann.
„Fußball vereint“. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) inszeniert sich gern als größtes soziales Netzwerk. Mit einem pyramidenförmigen Aufbau werden die ganzen Regionalverbände und Tochterunternehmen gemanagt. Doch wer an der Spitze der über 8 Millionen Mitglieder steht, darüber dürfen die allermeisten nicht mitbestimmen. Gewählt wird dort nicht von Vereinen, Spielern oder Fans, sondern von 255 Delegierten auf dem sogenannten DFB-Bundestag.
So weit, so gut. Die entscheidende Macht liegt jedoch seit Jahrzehnten bei den Regional- und Landesverbänden sowie den Funktionärsnetzwerken im Hintergrund. Wer ins Präsidium aufsteigen darf, wird gewöhnlich lange vor der eigentlichen Abstimmung in Hinterzimmerrunden ausgehandelt. Die Delegierten nicken diese Personalien anschließend meist nur noch ab.
Doch in den vergangenen Jahren geriet dieses System kurzzeitig ins Wanken. Bei den DFB-Bundestagen 2022 und 2025 kam es zu echten „Kampfabstimmungen“. Die Sportwissenschaftlerin Silke Sinning kandidierte jeweils gegen die von den Regionalverbänden favorisierten Kandidaten – und gewann überraschend. Damit zeigte sich, dass selbst die begrenzten demokratischen Spielräume innerhalb des DFB ausreichen können, um die eingespielten Machtverhältnisse durcheinanderzubringen. Zum Ärger der DFB-Strategen.
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Genau diese Möglichkeit soll nun laut Recherchen der Süddeutschen Zeitung offenbar beseitigt werden. Hinter den Kulissen arbeitet die Verbandsspitze an einer Satzungsänderung, die freie Kandidaturen faktisch abschaffen würde. Künftig sollen die Delegierten nur noch die von den Regionalverbänden vorab bestimmten Kandidaten bestätigen dürfen. Der DFB-Bundestag würde damit endgültig zu einer reinen Abnick-Veranstaltung degradiert werden.
Begründet wird der Vorstoß offiziell mit einer „Gleichbehandlung“ zwischen Amateur- und Profibereich. Tatsächlich geht es jedoch um Kontrolle. Überraschungen wie die Wahlsiege Sinnings sollen unmöglich gemacht werden. Die Funktionärsschicht will Stabilität und Machtsicherung, nicht Demokratie.
Das Ziel: marktkonformer Fußball
Für Investoren und wirtschaftliche Partner des DFB ist das durchaus attraktiv. Ein Verband, dessen Führung kaum noch abgewählt werden kann, bietet verlässlichere Bedingungen für langfristige Kooperationen. Sponsoren, Medienpartner und Kapitalinteressen profitieren von planbaren Machtverhältnissen und einer Spitze, die nicht ständig durch interne Konflikte oder unerwartete Wahlergebnisse gefährdet wird.
Weniger demokratische Unsicherheit bedeutet aus Sicht des Marktes mehr Stabilität. Der DFB entwickelt sich damit weiter zu einem Apparat, der nicht primär den Fußballvereinen oder Fans verpflichtet ist, sondern den Anforderungen eines milliardenschweren Fußballgeschäfts, dem „marktkonformen Fußball“.
Meinungsfreiheit? – Nicht im Stadion!
Die geplante Änderung steht zudem nicht isoliert da. Erst Anfang des Jahres verschärfte der DFB seine Rechts- und Verfahrensordnung massiv – damit einher geht eine massive Einschränkung der Meinungsfreiheit in Stadien. Künftig können nämlich auch Äußerungen sanktioniert werden, die sich auf „politische oder sonstige Anschauungen“ beziehen. Gleichzeitig wurden Strafrahmen von bis zu fünf Millionen Euro geschaffen.
Offiziell verweist der Verband dabei auf Vorgaben der FIFA. Praktisch eröffnet die Regelung jedoch enorme Spielräume, um Kritik an Funktionären oder politische Botschaften in Stadien zu unterdrücken. Das Ziel: Kurven, die für die Bosse des Fußballs unbequem sind, durch die Bestrafung der Vereine zum Schweigen zu bringen.
Laute Kurven – Leise Kurven?
Doch schon jetzt sind die Kurven in Deutschland häufig politisch sehr still oder zumindest sehr selektiv im Vergleich zu internationalen Kurven. So forderten viele Fans mit der Kampagne „Show Israel the red card“ eine Verurteilung des Genozids in Gaza und den Boykott von israelischen Mannschaften. In Deutschland beteiligten sich nur die Fans des Regionalligisten Carl Zeiss Jena.
Bei einigen Fans herrscht sogar die Meinung: Politik hat nichts im Stadion verloren. Wie widersprüchlich diese Haltung ist, zeigt sich bei jedem Politikerbesuch in Stadien, bei der Verschärfung von Versammlungs- und Polizeigesetzen, welche immer auch Fanrechte einschneiden, oder der Frage danach, wem der Fußball gehört – den Fans oder Investoren.
Doch dass es auch anders geht, zeigten zuletzt 2024 die Fanproteste gegen den Investoreneinstieg bei der DFL. Diese Proteste vereinten nicht nur Zehntausende Fans dutzender Vereine in ganz Deutschland, sie erreichten auch ihr Ziel: Durch zahlreiche Sprechchöre, Banner und vor allem Spielstörungen gelang es den Fans, den Investoreneinstieg abzuwenden und so zumindest ein Stück der deutschen Fußball- und Fantradition vor dem unsichtbaren Würgegriff des Marktes fernzuhalten.
Proteste gegen die Deutsche Fußball Liga (DFL): Ein Sieg, der Hoffnung macht
Wem gehört der Fußball?
Genau solch aktive Mitbestimmung der Fans ist den Entscheidungsträgern im deutschen Fußball aber schon lange ein Dorn im Auge und das gilt nicht nur für die Profiverbände, sondern auch für den Amateurbereich. Mit den Reformen entsteht dann ein klares Bild: Der DFB baut demokratische Möglichkeiten Schritt für Schritt ab. Erst werden Meinungsäußerungen stärker kontrolliert, nun sollen selbst minimale Wahlmöglichkeiten eingeschränkt werden.
Dass ausgerechnet ein Verband, der sich gern gesellschaftspolitisch und demokratisch gibt, intern immer autoritärere Strukturen entwickelt und mögliche Kritik daran bestraft, ist kein Zufall. Der moderne Profifußball ist längst eng mit wirtschaftlichen Interessen verflochten. Eine Mitbestimmung, derer die den Reichtum erst schaffen, stört dort häufig nur noch die reibungslose Verwaltung des Geschäfts.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob der DFB demokratischer wird – sondern wem dieser Verband überhaupt noch dienen soll: Dem Fußball und seinen Fans oder den Machtinteressen seiner Funktionäre und Investoren?

