In der vergangenen Woche gaben VW, Porsche, Conti, DeepL, die Commerzbank und Biontech erneut bekannt, dass sie tausende Stellen abbauen wollen. Mittlerweile schlagen sich die Entlassungen auch immer mehr in den Arbeitslosenzahlen nieder. Und während Konzerne weiter Rekorddividenen ausschütten, beginnen Diskussionen über die Aufweichung des Kündigungsschutzes.
Eine Horrormeldung jagt die andere: In der vergangenen Woche haben zahlreiche große Unternehmen in Deutschland den Abbau tausender Stellen sowie die mögliche Schließung von Standorten angekündigt.
Volkswagen will derweil 30 Milliarden Euro an Investitionen einsparen und prüft die Schließung seiner Werke in Emden, Zwickau und Hannover sowie des Audi-Standorts in Neckarsulm. Dies berichtete das Handelsblatt unter Berufung auf interne Unterlagen für den VW-Aufsichtsrat. Bereits im Februar war bekannt geworden, dass Europas größter Autokonzern bis 2028 die konzernweiten Kosten um 20 Prozent senken will. Auch Volkswagens Entwicklungstochter IAV plant aktuell den Abbau von 1.400 Stellen in Deutschland. VW-Tochter Porsche gab am Freitag ebenso bekannt, 500 Jobs in drei Tochterfirmen zu streichen.
VW ist jedoch bei weitem nicht allein mit seinen Spar- und Stellenstreichungsplänen. Arbeitsplätze abbauen wollen nämlich auch Continental (3000 Stellen), Festo (1300), die Commerzbank (3000), Biontech (1860), Ticketmaster (350) und der KI-Übersetzungsdienst DeepL (250).
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Branchenübergreifender Kahlschlag
Der Jobkahlschlag zieht sich damit durch alle Branchen: Die Krise der Autoindustrie etwa wirkt sich auch auf die Zulieferunternehmen aus. Continental zum Beispiel will sich durch den Verkauf eines Tochterunternehmens sanieren und sich künftig auf das Reifengeschäft konzentrieren. Die Sanierungspläne der Commerzbank geschehen vor dem Hintergrund der drohenden Übernahme durch die italienische Bank UniCredit. Biontech will sich künftig auf Krebstherapien statt Coronaimpfstoffe fokussieren.
Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Die deutsche Chemieindustrie befindet sich seit Jahren in der Krise und produziert aktuell gut 20 Prozent weniger als noch 2018. Seit 2022 hat die Branche bereits etwa 13.000 Jobs abgebaut. Eine Umfrage des Branchenverbands BAVC unter Chemiefirmen hat ergeben, dass ein Viertel der Unternehmen gar keine Erholung am Standort Deutschland mehr erwartet und 23 Prozent im Jahr 2026 planen, weiteres Personal abzubauen.
Ebenso wollen 12 Prozent der Betriebe Teile der Produktion an ausländische Standorte verlagern. Die Chemieindustrie ist ein Lieferant für eine Vielzahl von Industriebetrieben in Deutschland und wurde unter anderem durch die Energiekrise seit 2022 und sinkende Exporte nach China bei gleichzeitig wachsender Konkurrenz aus der Volksrepublik in Mitleidenschaft gezogen.
Im vergangenen November hatte das Statistische Bundesamt die Veränderung in der Zahl der Beschäftigten nach Branchen aufgeschlüsselt. Zwischen dem dritten Quartal 2024 und 2025 war die Beschäftigtenzahl in der Autoindustrie mit minus 6,3 Prozent am stärksten gesunken, gefolgt von Metallerzeugung und -bearbeitung (- 5,4 Prozent), Herstellung von Datenverarbeitungsgeräten, elektronischen und optischen Erzeugnissen (- 3 Prozent), der Kunststoffindustrie (- 2,6 Prozent), der Herstellung von Metallerzeugnissen (- 2,5 Prozent) und dem Maschinenbau (- 2,2 Prozent). Im gesamten Verarbeitenden Gewerbe entsprach der Rückgang 2,2 Prozent beziehungsweise 120.300 Stellen. Dort waren im dritten Quartal 2025 noch 5,43 Millionen Beschäftigte tätig.
Insolvenzen auf höchstem Wert seit Jahrzehnten
Mit kleinen und mittleren Unternehmen trifft die Entlassungswelle aber auch das Fundament der deutschen Industrielandschaft. Bereits im vierten Quartal 2025 hatte jedes vierte deutsche Familienunternehmen laut Handelsblatt Pläne für Personalabbau. Vergangene Woche meldete der Verband „Die Familienunternehmer“, dass aktuell zwanzig Prozent der Firmen entsprechende Vorhaben hegten. Der DATEV-Mittelstandsindex, der auf anonymisierten Finanzdaten von über einer Million kleinen und mittleren Unternehmen basiert, wies bei der Beschäftigung für März ein Minus von 0,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr aus, wobei der stärkste Rückgang mit minus 1,4 Prozent beim Verarbeitenden Gewerbe zu verzeichnen war.
Zudem befanden sich Insolvenzen im ersten Quartal 2026 auf dem höchsten Stand seit zwanzig Jahren. Im Baugewerbe, im Handel und in den sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen wurden laut Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) im März sogar die höchsten jemals gemessenen Werte verzeichnet. Insgesamt sind im ersten Quartal dieses Jahres 4.573 Firmen in die Insolvenz gegangen. Hiervon waren 54.000 Arbeitsplätze betroffen, rund 16.000 im Verarbeitenden Gewerbe.
Wie Steffen Müller, Leiter der IWH-Insolvenzforschung, erklärte, sähen auch die Frühindikatoren für die nächsten Monate nicht gut aus: „Wir erwarten weiterhin sehr hohe Insolvenzzahlen. Es ist möglich, dass sich die sehr hohen Werte aus dem März wiederholen.“
Das ifo-Institut meldete im April, dass trotz gewisser Erholungszeichen in der Baubranche noch immer 39 Prozent der befragten Baufirmen in einer Umfrage eine Behinderung ihrer Bautätigkeit durch Auftragsmangel beklagten, im Wohnungsbau waren es sogar 44 Prozent.
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Auswirkungen auf die Arbeiter:innenklasse
Die Stellenstreichungen scheinen sich inzwischen auch in den Arbeitslosenstatistiken niederzuschlagen. Im April 2026 lag die Arbeitslosenzahl bei 3.008.000 und damit um 77.000 höher als im April des Vorjahres. Im Februar waren 34,75 Millionen Menschen in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigt und damit 96.000 weniger als im Vorjahresmonat. Die Arbeitslosenquote befindet sich seit 2022, als sie noch bei 5,3 Prozent lag, in einem kontinuierlichen Anstieg und liegt inzwischen bei 6,5 Prozent.
Die meisten großen Unternehmen setzen bei ihren Jobabbauprogrammen zuerst auf die Nichtbesetzung frei werdender Stellen, freiwillige Programme, Abfindungen und Sozialpläne, während betriebsbedingte Kündigungen als „rechtlich unsicher“ gelten und deshalb häufig erst das letzte Mittel der Wahl sind. Vor diesem Hintergrund haben Politiker:innen aus den Unionsparteien und wirtschaftsnahe Zeitungen wie das Handelsblatt in den letzten Wochen Diskussionen über eine Aufweichung des Kündigungsschutzes angestoßen.
Bei Verhandlungen mit der SPD im Rahmen der Regierungskoalition haben CDU und CSU Berichten zufolge vorgeschlagen, den Kündigungsschutz in Betrieben mit weniger als 50 Beschäftigten und für Beschäftigte mit „besonders hohen Einkommen“ vollständig abzuschaffen. Die SPD favorisierte hingegen die Erweiterung von Befristungsmöglichkeiten für Arbeitsverträge. Beschlossen hat die Bundesregierung in dieser Hinsicht jedoch noch nichts.
Unternehmen beklagen zudem weiterhin einen Mangel an Fachkräften. Laut dem gewerkschaftsnahen Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gibt es derzeit 984.000 sofort zu besetzende offene Stellen. Den Arbeitskräftemangel sieht Eric Seils von der Hans-Böckler-Stiftung vor allem in einzelnen Branchen wie der Pflege, der Klempnerei, in IT-Berufen, Mechatronik, beim Fahrzeugbau oder in der Luftfahrt. Das Problem sei aber „nicht so gravierend“, so Seils, „wie manche Lobbyisten es beschreiben. (…) Der DIHK nennt als Beispiele für Branchen mit einem gravierenden Fachkräftemangel ausgerechnet die Leiharbeitsbranche, das Sicherheitsgewerbe und das Gastgewerbe. Da weiß man doch, woher der Wind weht.“
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Die Sanierungsprogramme einer Reihe von großen Konzernen hindern diese jedenfalls nicht daran, weiterhin hohe Dividenden an ihre Aktionär:innen auszuschütten. Trotz der Krise in der Autoindustrie haben etwa Volkswagen, Mercedes, BMW und Porsche SE zusammen elf Milliarden Euro Dividenden ausbezahlt. Spitzenreiter bei den Dividenden waren die Allianz (6,5 Milliarden Euro), die Deutsche Telekom (4,8 Milliarden) und Siemens (4,2 Milliarden). Dies geschah vor dem Hintergrund positiver Unternehmenszahlen aus dem vergangenen Jahr, bei denen häufig ein profitables Auslandsgeschäft eine wichtige Rolle gespielt hat.
Setzt sich der dargestellte Trend des Personalabbaus, der Standortschließungen und der Verlagerung der Produktion ins Ausland weiter fort, könnte es in den nächsten Jahren so weitergehen: Während die Arbeiter:innen in Deutschland um ihre Jobs bangen und die härtere Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt auf die Lohnentwicklung drückt, fließt das Geld in die Taschen der Aktionär:innen.

