Gewerkschaften gibt es schon seit den Anfängen der Arbeiter:innenbewegung. Sie sind die grundlegende Organisation der Arbeiter:innen im Kampf für ihre Interessen. Vor allem, wenn es darum geht, diese Interessen gegen die Bosse durchzusetzen. Zumindest in der Theorie. – Ein Kommentar von Alex Lehmann.
Der Grundgedanke ist simpel: Allein kann ich gegen meinen Chef kaum ankommen. Arbeite ich zum Beispiel im Einzelhandel in einem Supermarkt und mucke auf, fordere mehr Lohn oder bessere Arbeitsbedingungen, kann ihm das so ziemlich egal sein. Entweder er ignoriert mich oder ich darf mir bald einen neuen Job suchen. Richte ich meine Forderungen aber nicht allein, sondern zusammen mit vier, fünf oder sechs Kolleg:innen an meinen Chef, kommt er vielleicht schon ins Schwitzen.
Während er eine einzelne Person einfach rausschmeißen könnte, ohne sich Sorgen um seinen Profit machen zu müssen, ist das bei einer handvoll Arbeiter:innen im Supermarkt schon nicht mehr so einfach. Schließlich müssen ja auch am nächsten Tag noch die Regale eingeräumt und die Kassen besetzt werden, wenn der Laden nicht untergehen soll.
Und genau so verhält es sich eigentlich in allen Betrieben, sei es nun ein Supermarkt, ein Kindergarten, ein Krankenhaus, eine Werkstatt oder ein Busunternehmen. Unter Androhung und Durchführung der Arbeitsniederlegung, eines Streiks, die von einer gewissen Zahl der Belegschaft gestützt wird, knickt jeder Chef irgendwann ein.
Die Gewerkschaft ist dabei die Organisation, in der sich die Kolleg:innen zusammenschließen, sich absprechen und koordinieren können. In der eine Streikkasse geführt wird, um den Lohnausfall auszugleichen und Kolleg:innen einander den Rücken stärken. So zumindest die Idee.
Brauchen wir noch Gewerkschaften?
Seit den Anfängen der Arbeiter:innenbewegung vor über 150 Jahren hat sich einiges auf der Welt getan. Auf den Feldern, der Kunst und Kultur, der Wissenschaft und auch der Produktion hat die Menschheit so große Schritte gemacht, wie sie sich die Gründer:innen der ersten Gewerkschaften wohl kaum hätten vorstellen können.
Aber es ist auch einiges gleich geblieben. Immer noch arbeitet der allergrößte Teil der Gesellschaft für einen Reichtum, den sich eine vergleichsweise winzige Gruppe von Menschen in die Tasche steckt. Immer noch sind wir als Arbeiter:innenklasse dazu gezwungen für einen mehr oder weniger mageren Lohn unsere Arbeitskraft zu verkaufen, während die Kapitalist:innen uns für sich arbeiten lassen.
Immer noch haben Arbeiter:innen und Kapitalist:innen sich gegenüberstehende, unvereinbare Interessen. Auf der einen Seite steht das Interesse, die Wirtschaft und das Zusammenleben gemeinsam zu planen und zu verwalten, sodass die Bedürfnisse aller gedeckt sind und sich alle frei von Ausbeutung und Unterdrückung entfalten können. Auf der anderen Seite das Interesse immer noch mehr Kapital anzuhäufen, Profit zu machen und die Konkurrenz auszuschalten.
Wie es aussieht, wenn die Interessen der Kapitalist:innen ausschlaggebend sind, lässt sich überall beobachten: Arbeitslosigkeit, Armut, Inflation, Kriege, Krisen und so weiter. Während tonnenweise Lebensmittel vergammeln, verhungern Menschen. Während tausende Häuser leer stehen und verfallen, erfrieren im Winter dutzende auf offener Straße.
Es braucht also weiterhin Organisationen, in denen sich Arbeiter:innen vereinigen und gemeinsam für ihre Interessen, für den Sozialismus einstehen. Es braucht Gewerkschaften. Und das nicht nur, um gegen Entlassungswellen oder für Lohnerhöhungen einzustehen, sondern auch um die politischen Interessen der Arbeiter:innen gebündelt zu Ausdruck zu bringen.
Das heißt, sich nicht nur für die eigenen ökonomischen Interessen, sondern gleichzeitig für die der gesamten Arbeiter:innenklasse in Deutschland und weltweit einzusetzen, in dem zum Beispiel eine Arbeit gegen die Beteiligung Deutschlands an Kriegen entfaltet und die deutsche Kapitalist:innenklasse so geschwächt wird.
Tariftreuegesetz beschlossen: Sozialer Fortschritt oder Stärkung der DGB-Gewerkschaften?
Die Gründung des DGB
Aber wie steht es um diese Gewerkschaften, die, wie wir gesehen haben, eine so wichtige Rolle für uns spielen? Als Erstes denken wir natürlich an den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Der DGB ist der Dachverband der acht größten deutschen Gewerkschaften. Zusammen organisieren sie laut eigener Aussage 5,4 Millionen Mitglieder.
Die Vorsitzende des DGB, Yasmin Fahimi, beschreibt den DGB selbst so: „Frieden, Freiheit, Solidarität: Das ist für mich Gewerkschaft. Denn wir sind eine Wertegemeinschaft und keine Versicherung.“ An anderer Stelle heißt es: „Wir sind die starke Stimme im Interesse der Arbeitnehmer*innen gegenüber Politik, Unternehmen und Öffentlichkeit. Unser Ziel ist, dass es gute Arbeit für alle gibt, Einkommen gerecht verteilt werden und dass jede*r die gleichen Chancen erhält.“
Soweit so gut. Sicher kann man sich fragen, was es bedeutet eine „Wertegemeinschaft“ zu sein oder inwiefern es in diesem System so etwas wie eine gerechte Lohnverteilung oder Chancengleichheit geben kann, aber erst mal wird sich hier viel Gutes vorgenommen. Schauen wir uns aber nicht nur an was der DGB sagt, sondern bewerten ihn anhand von dem, was er tut.
Dafür lohnt sich ein kurzer Blick in die Geschichte des DGB. Nachdem im Faschismus alle freien Gewerkschaften zerschlagen, Gewerkschafter:innen massenhaft ermordet und die Arbeiter:innenbewegung nahezu komplett zerstört wurde, sollte 1949 in der BRD eine neue Gewerkschaftsbewegung nach US-amerikanischen Vorbild aufgebaut werden.
Als „Einheitsgewerkschaften“ sollten die Mitgliedsgewerkschaften des DGB und auch der DGB selbst alle politischen Strömungen und Berufsgruppen vertreten. Schnell wurde aber klar, dass der DGB den Politiker:innen und Bossen, gegen die er ja eigentlich die Interessen der Arbeiter:innen vertreten sollte, viel näher stand als den Arbeiter:innen selbst.
Von Anfang an wurden die Führungsposten des DGB mit SPD Politiker:innen besetzt. Eine Methode, durch die Gewerkschaften bis heute eng mit dem Staat verwoben sind. Außerdem saßen seit der Verabschiedungen des Montanmitbestimmungsgesetzes von 1951 Gewerkschafter:innen mit in den Aufsichtsräten der Monopole. Das System der „Sozialpartnerschaft“ ermöglicht es seitdem den Herrschenden die Gewerkschaften ganz direkt in die Verwaltung des Systems zu integrieren.
Gewerkschaft der Bosse?
Diese Entwicklung spiegelt sich bald auch in der restlichen Politik des DGB wider: Sozialist:innen und Kommunist:innen werden aus den Gewerkschaften ausgeschlossen, kämpferische Ortsverbände aufgelöst und die Angriffe der Herrschenden auf die Arbeiter:innen werden entweder einfach hingenommen oder sogar selbst unterstützt.
So wurden noch vor dem Verbot der KPD 1956 bereits hunderte Mitglieder der Partei wegen „gewerkschaftsfeindlichem Verhalten“ aus den Gewerkschaften des DGB ausgeschlossen. Damit führte der DGB die Linie der Bundesregierung fort, die schon Anfang der 50er Jahre anfing Mitglieder der KPD aus dem öffentlichen Dienst zu entlassen und zu verfolgen. Auch in der 68er-Bewegung sorgte der DGB dafür, dass linke Kräfte in den Gewerkschaften isoliert, ausgegrenzt und ausgeschlossen wurden. Nach längeren Auseinandersetzungen wurde damals der Westberliner Landesverband der GEW aufgelöst. Die Begründung? Linke in der Gewerkschaft stellten „umstürzlerische Forderungen“, wie z. B. die Senkung der Teilungsfrequenz für Grundschulklassen von 35 auf 30.
Aber auch aus der jüngeren Vergangenheit wird deutlich, auf wessen Seite die Führung der Gewerkschaften steht. Der DGB trug nicht nur die größten sozialen und ökonomischen Angriffe auf die Arbeiter:innenklasse der letzten Jahrzehnte, namentlich die Agenda 2010 und die Einführung der Leiharbeit mit, sondern ist auch immer dabei, wenn es darum geht Deutschland wieder kriegstüchtig zu machen.
Egal ob Ukraine-Krieg, Rüstungskredite, Ausbau der Kriegsindustrie oder Völkermord in Gaza: Immer ist die DGB-Spitze mit dabei und unterstützt die Kriegstreiber:innen. Denn schließlich bedeuten hunderte Milliarden für die Rüstungsindustrie auch mehr Arbeitsplätze und dagegen kann man ja schließlich nichts einwenden.
Unter anderem diese Politik ist der Grund dafür, dass sich die Mitgliederzahl in den DGB-Gewerkschaften in den letzten 30 Jahren nahezu halbiert hat. Rund um den 1. Mai wird dann traditionell versucht, doch nochmal so zu tun, als würde man auf der Seite der Arbeiter:innen stehen und gegen das Kapital kämpfen.
Aber selbst davon ist in diesem Jahr nicht viel zu sehen. „Erst unsere Jobs, dann eure Profite“ ist das Motto unter dem der DGB zum diesjährigen 1. Mai mobilisiert. Während in den letzten Jahren immerhin noch für mehr Lohn und Freizeit demonstriert wurde, sorgt man sich heute am Tag der Arbeiter:innen um die Profite der Kapitalist:innen.
Unsere Alternative
Nun sind Gewerkschaften aber trotz alledem, wie oben ausgeführt, grundsätzlich eine sinnvolle Angelegenheit. Denn es gibt ihn immer noch, den Widerspruch zwischen Arbeiter:innen und Kapitalist:innen. Und gerade in Zeiten, in denen sich die Herrschenden auf den Krieg vorbereiten und die Lasten der letzten Krisenjahre auf unserem Rücken abladen, ist es bitter nötig, dass wir uns für unsere Interessen organisieren.
Nur bietet uns der DGB heute dazu nicht die Möglichkeit. Klar, 2,4 Prozent Lohnerhöhung und einen feuchten Handschlag können wir uns mit dem DGB von den Bossen abholen. Aber wenn wir irgendwann einmal selber darüber bestimmen wollen, wie, für wen und unter welchen Bedingungen wir arbeiten, wenn wir Kriege für Macht und Profite nicht unterstützen, sondern verhindern wollen, dann müssen wir das Ganze selbst in die Hand nehmen.
Kurz: Auf dem Weg zum Sozialismus werden wir in der DGB-Führung keinen Verbündeten finden. Vielmehr werden sie sich getreu ihrem 1. Mai Motto für die Profite der Herrschenden in unseren Weg stellen. Damit unsere Gewerkschaften heute wieder die Rolle spielen, die sie ursprünglich mal hatten, müssen wir sie selbst organisieren.
Zentrum – eine alternative Gewerkschaft?
Dass die sozialpartnerschaftliche Politik der DGB-Gewerkschaften immer mehr Kolleg:innen bitter aufstößt, ist leider nicht nur Anknüpfungspunkt für klassenkämpferische Politik. Auch rechte und faschistische Kräfte versuchen schon seit einigen Jahren in verschiedenen Betrieben und Betriebsräten Fuß zu fassen.
Hauptsächlich geht es dabei um die „alternative Gewerkschaft“ Zentrum (bis 2022 Zentrum Automobil). Zentrum inszeniert sich selbst als Alternative zu den DGB-Gewerkschaften und da sie sich auf die Automobilbranche konzentrieren, hauptsächlich als Alternative zur IG-Metall (IGM). Sie kritisieren die anderen Gewerkschaften dafür, dass sie in den Betrieben als Co-Management agieren, korrupt seien und faule Kompromisse mit den Bossen machen.
Eine positive Entwicklung könnte vielleicht der eine oder andere meinen, dass es jetzt eine Alternative zu den großen Gewerkschaften gibt, die ihre Versäumnisse anprangert und es anders machen will. Schaut man sich aber an, was der Verein will und wer hinter ihm steht, wird schnell klar, warum er keine Alternative ist.
Braune Suppe aus Untertürkheim
Gegründet wurde der Verein Ende 2009 von Oliver Hilburger, nachdem dieser ein Jahr zuvor seine Ämter als Betriebsrat bei Daimler in Untertürkheim und als ehrenamtlicher Arbeitsrichter niederlegen musste. Und warum das Ganze? Kurz zuvor war herausgekommen, dass Hilburger Gitarrist einer Rechtsrock-Band ist.
Weiterhin hat Hilberger Verbindungen zu den faschistischen Parteien „Die Heimat“ und „III. Weg“, sowie zum faschistischen Terrornetzwerk „Blood and Honour“. Oliver Hilberger, der Gründer von Zentrum, ist also nicht etwa ein ehrlicher Arbeiter, der aus Enttäuschung von der IG-Metall eine kämpferische Gewerkschaft aufziehen möchte, sondern ein Faschist.
Ziel seines Vereins ist es, den berechtigten Frust und die Unzufriedenheit der Arbeiter:innen mit den etablierten Partei, Gewerkschaften und ihren Chefs, auszunutzen und ihnen vorzugaukeln, sie würden selbst alles ganz anders machen. Dabei hat der Verein die IG-Metall bis 2015 nicht etwa dafür kritisiert zu versöhnlerisch zu sein, sondern dafür Klassenkampf zu betreiben.
Rote Gewerkschaftskonferenz in Ludwigsburg: „Ein erfreulicher Anfang“
Das selbe Zentrum also, das heute davon spricht die DGB-Werkschaften sein zu kompromissbereit, faselte vor ein paar Jahren noch davon, dass die IG-Metall zu radikal, zu klassenkämpferisch sei und dass sich Arbeiter:innen und Kapitalist:innen doch versöhnen müssten. Erst 2015, nach einem intensiven Austausch zwischen Zentrum, dem faschistischen Compact-Magazin und dem faschistischen Verein „Ein Prozent“, änderte sich die Taktik und das öffentliche Auftreten des Vereins.
Und auch wenn sie es heute mehr verbergen, ist eben genau das ihr faschistisches Weltbild: Für sie liegt der Widerspruch im Betrieb und letztendlich in der ganzen Gesellschaft nicht zwischen den Klassen, sondern zwischen den „Rassen“. Ihr Ziel ist es die Arbeiter:innen gegeneinander aufzuhetzen und zu spalten, damit sie sich einfacher für die Interessen der Herrschenden einspannen lassen.
Obwohl der Verein bis 2022 noch auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD stand, ist er heute so etwas wie die Gewerkschaftsfront der AfD und der faschistischen Bewegung insgesamt. Dieses Jahr ging sogar Alice Weidel, Vorsitzende der AfD, zusammen mit dem Zentrum für die Betriebsratswahlen und die AfD vor die Werkstore von Mercedes in Untertürkheim.
Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 110 vom Mai 2026 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.

