Israelisches Militär verschiebt „gelbe Linie“ und besetzt weitere Gebiete im Gazastreifen

Ende letzten Jahres trat auf dem Papier eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas ein. Zeitgleich wurde der Gazastreifen mit einer „gelben Linie“ getrennt. Diese wird seither westwärts durch das israelische Militär verschoben und die Besatzung weiter ausgeweitet.

Die Hoffnung war groß, als die Waffenruhe im Oktober letzten Jahres beschlossen wurde. Angestoßen durch den US-Präsidenten Donald Trump sollte dieser 20-Punkte-Plan das Ende der Kriegshandlungen zwischen Israel und der Hamas herbeiführen und so den Weg für weitere Gespräche ebnen. Eine zentrale Forderung war die Freilassung aller israelischen Geiseln im Austausch für rund 250 palästinensische Gefangene, welche eine lebenslange Haftstrafe absitzen, sowie weitere 1.700 festgehaltene Palästinenser:innen.

Einen kompletten Abzug des israelischen Militärs aus Gaza solle nach dem Plan erst nach dem Geiselaustausch angegangen werden. Dabei zog sich das Militär aber auf eine vereinbarte „gelbe“ Linie, zurück und errichtete dort Außenposten. Diese Grenze verläuft durch den Gazastreifen und teilt es in das Westgebiet, welches unter palästinensischer Kontrolle steht und ungefähr 47 Prozent des Gesamtgebietes ausmacht und den Rest des Gazastreifens unter israelischer Kontrolle, auf. Letzteres macht ungefähr 53 Prozent des Streifens aus.

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Besatzung wird ausgeweitet

Seit der Vereinbarung über die Grenze rückt das israelische Militär immer weiter nach Westen und eignet sich so Stück für Stück mehr Gebiete an. Laut einer Studie der Recherche-Agentur „Forensic Architecture“ erweiterte sich die israelische Besatzung schon im Dezember 2025 auf 58 Prozent und rückte stetig weiter. Die Linie wird durch gelbe Betonsteine an einigen Stellen markiert. Da jedoch nicht die gesamte Linie gekennzeichnet wird, ist eine genaue Analyse über die Verschiebung nicht möglich.

Anwohner:innen berichteten davon, wie die Grenze über Nacht verschoben wurde und sie sich plötzlich in einem No-Go Bereich aufhielten. So hat das israelische Militär über Dezember und Januar hinweg die gelbe Linie ausgeweitet. Im Zuge der Ausweitungen werden immer mehr Palästinenser:innen gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen und weiter in den Westen zu fliehen.

Derweil berichten Hilfsorganisationen, die in Gaza arbeiten, von einer neuen Zone – der „orangen Linie“. In Gesprächen mit israelischen Verbindungsoffizieren wurde sie als eine Todeszone für Palästinenser:innen beschrieben. So müssen jegliche Operationen mit dem israelischen Militär koordiniert werden, um dem Beschuss von Scharfschützen und Panzern zu entkommen. Die orange Linie ist nicht vor Ort sichtbar. Sie ist meist 200 bis 500 Meter von der gelben Linie entfernt. Größtenteils verläuft sie weiter westwärts, teilweise jedoch ostwärts der bisherigen „gelben Linie“.

Militärische Außenposten entlang der Grenze

In Folge der Vertreibung durch das Militär und der Besetzung weiterer Wohngebiete, werden die Häuser demoliert, um neue Basen zu errichten. Aktuell stehen 37 Außenposten des israelischen Militärs im Gazastreifen, sieben davon entlang der gelben Linie. Diese sollen offiziell den Geiselaustausch sichern, dienen jedoch faktisch als „Grenzverteidigung“.

Die Außenposten, welche entlang der Zone errichtet werden, senden ein klares Signal: Wer die Grenze übertritt, bezahlt mit seinem Leben. Berichten zufolge wurden Palästinenser:innen, unter anderem auch Kinder, von israelischen Soldaten ermordet, wenn der Verdacht besteht, dass sie die Linie übertraten. Evil Zamir, Chef des israelischen Generalstabes, erklärte die eigentlich nur temporär gezogene Linie als „neue Grenzlinie“, welche Israel auch militärisch verteidigen wird. Seine Aussage steht jedoch im Gegensatz zum beschlossenen Waffenstillstand, welcher auch die „Besetzung oder Annexion durch Israel“ ausschloss.

Anhaltende Angriffe und verschlechterte Versorgungslage

Ein Bericht des Hilfswerks für Palästinenser:innen UNRWA zeigt auf, dass sich die humanitäre Lage seit Oktober nicht verbessert hat. Zudem sollen die Kampfhandlungen immer noch kein Ende gefunden haben. So sollen die israelischen Streitkräfte immer noch aktiv sein, nicht zuletzt mit Panzern in der Nähe der orangen Linie. Auch eine Schule der UNRWA stand unter israelischen Beschuss, führte jedoch nicht zu Opfern. Sie bestätigten die anhaltenden Luftanschläge über Gaza.

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Laut den Hilfskräften vor Ort steigen in Gaza die Fälle von Hautkrankheiten wie Krätze und Windpocken. Die Behandlung von Krankheiten kann nur erschwert, wenn überhaupt, erfolgen, da es nicht genug Medikamente gibt. Die vermehrte Vertreibung führt auch dazu, dass immer mehr Menschen auf engeren Raum sich zusammenfinden. Daraus folgt ein erhöhter Nager- und Parasitenbefall.

Das UNRWA-Hilfswerk kritisiert die Engpässe der Lieferung von Medikamenten. Seit Oktober 2023 geben sie auch sauberes Wasser zum Trinken und Duschen heraus, da dies nicht mehr garantiert ist. Das dreckige Wasser führt auch zu Krankheiten.

Wasser oder Tod?

Auch die Médecins Sans Frontières (MSF) berichten über die Wasserknappheit. Demnach sollen israelische Autoritäten rund 90 Prozent der Wasser- und Hygieneinfrastrukturen im Zuge des Genozids zerstört haben. Seien es die Abwasserkanäle, Rohre oder sogar Laster, welche Wasser verteilten. Das israelische Militär zeigte keine Zurückhaltung. MSF berichtet auch darüber, wie Palästinenser:innen erschossen wurden, während sie für Wasser anstanden.

MSF ist einer der größten Wasserverteiler in Gaza, jedoch reden sie auch davon, wie im Zeitraum von Mai bis November 2025 ein Fünftel der Verteilerzentren austrockneten, da Laster mit Wasser nicht durchgelassen wurden.

Aus ihrem Bericht wird klar, wie Israel Wasser als kollektive Bestrafung nutzt. Die Entscheidung, Wasser zu holen und erschossen zu werden oder zu verdursten, scheint für das israelische Militär eine faire Maßnahme zu sein. Auch das knüpft an die Berichte über erhöhte Haut- und Atemprobleme ein.

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