Jeder neunte Haushalt: Millionen Menschen leben in zu kleinen Wohnungen

Rund 2,2 Millionen Menschen in Deutschland leben auf zu engem Raum. Besonders betroffen sind Familien, Alleinerziehende und Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Die Überbelegungsquote steigt seit Jahren kontinuierlich, während gleichzeitig der Wohnungsbau stagniert und die Mieten weiter steigen.

Die Wohnungsnot in Deutschland hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Nach einer aktuellen Erhebung des Statistischen Bundesamtes lebten im vergangenen Jahr 11,7 Prozent der Bevölkerung in überbelegten Wohnungen. Das entspricht rund 2,2 Millionen Menschen, die auf zu wenig Raum für ihre Haushaltsgröße angewiesen sind. Die Quote ist innerhalb von fünf Jahren kontinuierlich gestiegen, von 10,2 Prozent im Jahr 2020 auf nunmehr 11,7 Prozent.

Besonders betroffen sind Haushalte mit Kindern: Hier lag der Anteil bei 17,6 Prozent. Bei Alleinerziehenden und deren Kindern war die Situation mit 29,6 Prozent sogar noch dramatischer. Fast jedes fünfte Kind in Deutschland wächst demnach in einer Wohnung auf, die für den Bedarf der Familie zu wenig Zimmer bietet. Menschen über 65 Jahre sind dagegen mit nur 3,1 Prozent weit seltener von Überbelegung betroffen.

Wann gilt eine Wohnung als überbelegt?

Das Statistische Bundesamt stützt sich bei seiner Erhebung auf die EU-weit einheitliche Definition der „European Union Statistics on Income and Living Conditions“ (EU-SILC). Danach gilt eine Wohnung als überbelegt, wenn sie nicht über eine bestimmte Anzahl an Zimmern pro Haushaltsmitglied verfügt.

Die Berechnung erfolgt nach einem festgelegten Schlüssel: Ein Einpersonenhaushalt benötigt mindestens zwei Zimmer – also ein getrenntes Wohn- und Schlafzimmer. Für ein Paar sind ebenfalls zwei Zimmer erforderlich. Für jedes Kind unter zwölf Jahren wird ein halbes Zimmer angerechnet, für jedes Kind ab zwölf Jahren ein ganzes Zimmer. Kinder unterschiedlichen Geschlechts ab zwölf Jahren müssen demnach über eigene Zimmer verfügen.

Ein Beispiel: Eine Familie mit zwei Kindern im Alter von zehn und vierzehn Jahren benötigt nach dieser Definition mindestens vier Zimmer (Elternschlafzimmer, Wohnzimmer, Kinderzimmer für die Vierzehnjährige, halbes Zimmer für das Zehnjährige). Fehlt ein Raum, gilt die Wohnung als überbelegt.

Migrant:innen und armutsgefährdete Menschen besonders betroffen

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen eine deutliche soziale Schieflage. Erwachsene mit ausländischer Staatsangehörigkeit waren mit 30,8 Prozent knapp fünfmal so häufig von Überbelegung betroffen wie deutsche Staatsangehörige ab 18 Jahren (6,7 Prozent). Auch armutsgefährdete Menschen mussten mit 27,4 Prozent weit überdurchschnittlich oft auf engem Raum leben.

Diese Zahlen belegen, dass Wohnraum in Deutschland ungleich verteilt ist. Wer wenig Geld oder einen Migrationshintergrund hat, kämpft mit deutlich schlechteren Chancen um eine angemessene Unterkunft. Die Suche nach geeignetem und bezahlbarem Wohnraum wird für viele immer schwerer. Vor allem für jene, die mehr Platz brauchen.

Im EU-Vergleich liegt Deutschland mit 11,7 Prozent unter dem Durchschnitt von 16,8 Prozent. Die höchsten Überbelegungsquoten verzeichnen Rumänien mit gut 40 Prozent und Lettland mit fast 39 Prozent, die niedrigsten Zypern mit 2,2 Prozent und die Niederlande mit 4,1 Prozent. Doch der deutsche Wert steigt deutlich an.

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Fehlender Neubau und steigende Nachfrage

Die steigende Überbelegung ist ein Symptom des akuten Wohnungsmangels in Deutschland. Laut einer Analyse des Pestel-Instituts fehlen hierzulande rund 1,4 Millionen Wohnungen. Der Wohnungsneubau hinkt dem Bedarf seit Jahren massiv hinterher. Das ifo-Institut erwartet für 2026 nur noch etwa 185.000 neu gebaute Wohnungen. Das ist weniger als die Hälfte des notwendigen Bedarfs von rund 400.000 Einheiten pro Jahr. Damit rechnet man für 2026 mit nochmals niedrigeren Fertigstellungen als 2025, als nur rund 190.000 Wohnungen fertiggestellt wurden.

Die Folge dessen: Die Nachfrage nach Wohnraum übersteigt das Angebot bei Weitem. Gleichzeitig steigen die Mieten rasant. Nach Angaben der Immoscout24 stiegen die Angebotsmieten im ersten Quartal 2025 um durchschnittlich 6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Leipzig verzeichnete ein Plus von 11,1 Prozent, Köln von 8 Prozent. In München liegt der durchschnittliche Quadratmeterpreis inzwischen bei über 20 Euro. Für das Jahr 2026 erwarten Experten einen weiteren Anstieg der Bestandsmieten um vier Prozent.

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Mietpreisbremse wirkungslos – Spekulation mit Wohnraum blüht

Die Mietpreisbremse, die eigentlich steigende Mieten begrenzen sollte, bleibt nahezu wirkungslos. Die Regelung erlaubt bei Neuvermietungen eine Überschreitung der ortsüblichen Vergleichsmiete um bis zu zehn Prozent. Von dieser Ausnahme wird häufig Gebrauch gemacht. Zudem sind Neubauten von der Bremse ausgenommen, um Investitionen nicht zu behindern, was eine weitere Lücke darstellt.

Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Wohnraum wird als Spekulationsobjekt behandelt. Investoren kaufen Immobilien, sanieren sie und vermieten sie zu deutlich höheren Preisen oder lassen Wohnungen leer stehen, um auf Wertsteigerungen zu hoffen. Renditeerwartungen treiben die Preise, während bezahlbarer Wohnraum für breite Bevölkerungsschichten zur Mangelware wird.

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Politik reagiert zögerlich

Die Bundesregierung hat sich das Ziel gesetzt, 400.000 neue Wohnungen pro Jahr zu bauen, doch dieses Ziel wird auch 2026 weit verfehlt. Bauministerin Verena Hubertz (SPD) hat sich von dieser Zielmarke bereits verabschiedet. Das kürzlich auf den Weg gebrachte „Gebäude-Modernisierungsgesetz“ lockert energetische Auflagen für Heizungen, senkt also die Mindestwohnqualität, wird aber kaum zusätzlichen Wohnraum schaffen.

Die vorgeschlagene Verschärfung der Mietpreisbremse durch Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) wird das Grundproblem des fehlenden Wohnraums jedoch ebenfalls nicht lösen. Und ob die Koalition willens ist sowas durchzusetzen, bleibt eine ganz andere Frage. Der Deutsche Mieterbund warnt bereits seit Langem vor den Folgen der Wohnungsknappheit. Aktuell fehlen 800.000 Wohnungen. In den Großstädten bleiben junge Menschen unfreiwillig bei den Eltern wohnen, weil sie keinen bezahlbaren eigenen Wohnraum finden.

Wohnungsnot als soziale Zeitbombe

Die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind ein Alarmzeichen. 2,2 Millionen Menschen in Deutschland leben auf zu engem Raum, nicht aus freier Entscheidung, sondern weil ihnen schlichtweg der bezahlbare Wohnraum fehlt. Besonders Familien, Alleinerziehende, Migrantinnen und Migranten sowie Menschen mit geringem Einkommen sind betroffen.

Die Gründe sind bekannt: Zu wenig Neubau, zu viel Spekulation, steigende Mieten, eine wirkungslose Mietpreisbremse. Die Politik reagiert dem Ernst der Lage entsprechend nicht. Die Wohnungsnot ist längst zu einer sozialen Frage geworden. Solange Wohnraum als Renditeobjekt behandelt wird, wird die Zahl der Menschen in überbelegten Wohnungen weiter steigen.

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