Auch in diesem Jahr gab es wieder lautstarke Kritik an der Teilnahme Israels am Eurovision Song Contest (ESC) in Wien. Fünf Länder boykottierten aus politischen Gründen die Veranstaltung. Gleichzeitig sank europaweit das Interesse am ESC.
Unter dem Motto „United by Music“ reisten Künstler:innen stellvertretend für ihre Länder zum wohl größten Musikwettbewerb weltweit nach Wien, Österreich an. Vor einem Live-Publikum von 10.500 Menschen und einer Zuschauerschaft von knapp 9 Millionen Menschen in Deutschland treten Künstler:innen gegeneinander an und performen jeweils ein Lied.
Anders als die Jahre zuvor jedoch entsandten insgesamt fünf Länder niemanden nach Wien – Spanien, Irland, die Niederlande, Island und Slowenien. Sie riefen zum Boykott der Veranstaltung auf. Der Grund? Die Teilnahme Israels am ESC. Die nationalen Rundfunksender begründeten ihren Boykott mit Israels Genozid in Gaza und die politische Einflussnahme auf den Wettbewerb. Der Verlust ist nicht gerade niedrig, denn Spanien gehört zu den „Top five“, also den größten Geldgebern der European Broadcast Union (EBU), welche hinter dem ESC steht.
Auch medial kursierte das Thema und stieß Diskussionen an. Unter dem Namen „No Music for Genocide“ versammeln sich über 2.000 Musiker:innen, Künstler:innen und Kulturarbeiter:innen, welche ebenfalls zum Boykott des ESC in einem offenen Brief aufriefen. Die Musiker:innen und Kulturarbeiter:innen verurteilen, „dass der Eurovision Song Contest zum Normalisieren und der Rechtfertigung des israelischen Genozides, der Belagerung und brutalen militärischen Besatzung der Palästinenser:innen genutzt wird“ heißt es in dem Aufruf.
Proteste gegen ESC 2025: „Kein Glitzer kann einen Völkermord überdecken“
Nicht das erste Mal in den Schlagzeilen
Schon im letzten Jahr stand die Entscheidung, Israel trotz des aktuellen Genozides in Gaza weiterhin teilnehmen zu lassen, scharf in der Kritik. Insbesondere dadurch, dass Russland seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine im Jahr 2022 konsequent und ohne Debatte vom Musikwettbewerb ausgeschlossen wurde. So äußerte im selben Jahr die European Broadcast Union (EBU) , welche hinter dem Musikfest steht, dass „Russlands Präsenz den Wettbewerb in Verruf bringen würde“.
Die Frage blieb unbeantwortet, weshalb der ESC wie selbstverständlich den Ausschluss Russlands befürworten kann, ohne dabei ein kritisches Auge über das Auftreten Israels auf der Bühne zu werfen.
Als Reaktion darauf, dass Israel nun zum dritten Mal infolge seit Beginn des Genozides in Gaza 2023 weiterhin teilnimmt, äußerten sich die Medienanstalten der fünf boykottierenden Länder in verschiedenen Statements. So begründete etwa der irische Sender RTE den Boykott mit den „entsetzlichen menschlichen Verlusten im Gazastreifen und der anhaltenden humanitären Krise“.
Manipulationsvorwürfe und Regeländerungen
Neben den politischen Vorwürfen gegenüber Israels kriegerisches Vorgehen, gab es in den vergangenen Monaten immer mehr Diskussionen über eine mögliche Beeinflussung der Publikumsabstimmungen beim ESC. Sie sind für die Hälfte der Punktevergabe verantwortlich, die ein Land braucht um den Wettbewerb zu gewinnen.
Im letzten Jahr überraschte Israel mit einer außergewöhnlich hohen Punktezahl bei der Publikumsabstimmung. Und das, obwohl das Lied nicht als Favorit der Fans galt. Die Streamingzahlen oder Aufrufe auf YouTube deckten sich nicht mit den Stimmen des Publikums. Über das Jahr 2025 hinweg startete Israel und vor allem die israelische Regierung eine massive Werbekampagne für die Sängerin Yuval Raphael, welche für das Land im 69. ESC antrat. Viele Teilnehmerländer empfanden die aufgefahrene Kampagne als manipulativ und unfair. Eine Manipulation der Stimmen konnten Israel bisher jedoch nicht nachgewiesen werden.
Aufgrund dessen wurden einige der Regeln für den diesjährigen ESC angepasst. So wurde die Zahl der Zuschauerstimmen von zwanzig auf zehn halbiert, eine Juryabstimmung im Halbfinale wieder eingeführt und die Jurorensitze von fünf auf sieben erhöht. Dazu sollen „unverhältnismäßige Werbekampagnen“ durch Behörden oder Regierungen, wie es bei Israel der Fall war, verboten werden.
Proteste vor der Stadthalle
In Wien selbst protestierten mehrere hundert Menschen gegen das Abhalten des ESCs mit Israel als Teilnehmer. „Songs und Glitzer können Israels Völkermord nicht vergeben“, „Nie wieder gilt für alle“ und „Keine Bühne für Völkermord“ skandieren die Protestierenden. Sie führen auch riesige Transparente mit dem Namen der Ermordeten im Genozid in Gaza seit 2023 mit. Knapp 2.600 Personen beteiligten sich. Sie zogen kämpferisch durch die Straßen und appellierten auch an das Gastgeberland Österreich, eine klarere Haltung zu den Kriegsverbrechen Israels zu beziehen.
Währenddessen wurden innerhalb der Veranstaltungshalle die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Vom Publikum gezeigte Fahnen mussten etwa einen bestimmten Standard entsprechen und konnten nur vor Ort erworben werden. Trotzdem schafften es Zuschauer:innen beim Auftritt des israelischen Künstlers eine Palästina-Fahne zu schwenken.
Israel holt zweiten Platz
Auch in diesem Jahr bekam Israel wieder außergewöhnliche viele Stimmen durch das Publikumsvoting. In Deutschland bekam Israel etwa die Höchstpunktzahl von 12 Punkten. Zuvor warb die Deutsch-Israelische-Gesellschaft bei all ihren über 10.000 Mitgliedern dafür, aus politischen Gründen beim ESC für Israel anzurufen. Egal ob Personen den Wettbewerb schauen und an der Musik interessiert sind oder nicht.
Durch die erneut hohen Zahlen beim Publikumsvoting kam Israel auf den zweiten Platz. Nur dank des Sieges Bulgariens findet der Wettbewerb im kommenden Jahr nicht in Israel statt. Der Boykott von fünf Ländern um die Teilnahme Israels sorgte auch für einen Rückgang der Zuschauer:innenzahlen des ESC. Spanien, Irland und Slowenien verzichteten ganz auf die Ausstrahlung des Wettbewerbs.
Slowenien zeigte stattdessen Dokumentationen über Palästina. In Portugal etwa halbierte sich die Zahl der Zuschauenden. In Frankreich sahen eine Million Menschen und damit knapp 20 Prozent weniger als noch 2025 zu. Im Vereinigten Königreich war die Zahl so niedrig wie seit 15 Jahren nicht mehr.
Die wohl weiterhin boykottierenden Länder, das sinkende internationale Interesse und der andauernde Völkermord in Gaza dürften die Debatten um Israels Teilnahme beim ESC 2027 erneut befeuern.

