Religionspolitik: Deutscher Islam für den deutschen Staat

An der Universität Münster wird derzeit die deutschlandweit erste Fakultät für Islamische Theologie eröffnet. Doch wirkliche Gleichberechtigung erkämpfen sich Muslim:innen in Deutschland nicht in der Obhut des Staates, kommentiert Mohannad Lamees.

Bereits seit 2012 lehrt Professor Mouhanad Khorchide an der Universität Münster in einem eigens dafür gegründeten Zentrum für Islamische Theologie seine Vorstellungen eines „barmherzigen Islams”. Khorchide gilt als Vertreter eines liberalen und modernen Religionsverständnis und hat sich selbst zum Ziel gesetzt, eine Alternative zu, wie er sagt, weit verbreiteten und von Angst und Gehorsam geprägten orthodoxen und fundamentalistischen Lesarten des Islams zu entwickeln. Seit Jahrzehnten trägt er mit den deutlich konservativeren islamischen Verbänden wie der von der türkischen Regierung kontrollierten DITIB oder der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş Glaubenskämpfe um das korrekte Islamverständnis aus.

Nun soll das Zentrum für Islamische Theologie in Münster ab dem 1. Juli zu einer eigenständigen Fakultät ausgebaut werden, was auf den ersten Blick tatsächlich ein Meilenstein in Deutschland zu sein scheint. Zwar gibt es seit den 2010er Jahren an mehreren Universitäten Professuren für Islamische Theologie – vor allem um islamische Religionslehrer:innen auszubilden, um den gestiegenen Bedarf an deutschen Schulen zu decken – eine eigene Fakultät aber ist neu. „Für viele Musliminnen und Muslime in Deutschland”, sagt der designierte Gründungsdekan Khorchide dazu, „ist das ein wichtiger Schritt.” Die Gründung der Fakultät sei „ein starkes Signal der Anerkennung.”

So weit, so gut. Doch hinter der Gründung der Fakultät steht eine Politik der Anerkennung, die eindeutige Bedingungen an in Deutschland lebende Muslim:innen stellt. Nur wer sich tatsächlich zur deutschen Grundordnung bekennt, hat ein Recht auf freie Religionsausübung.

Kampf gegen den politischen Islam?

Khorchide gehört zu einer ganzen Generation von Wissenschaftler:innen und Prediger:innen, die sich eindeutig gegen den sogenannten „politischen Islam” positionieren. Dieses Schlagwort löste vor einigen Jahren den Begriff „Islamismus” in der öffentlichen Debatte ab und fasste mehrere verschiedene theologische Strömungen und Sekten, aber auch gesellschaftliche Positionen zusammen, als deren verbindendes Element eine Ablehnung der westlichen Demokratie definiert wurde.

Einerseits stellte und stellt in den Debatten um den „politischen Islam” die starke Orientierung an Einteilungen des Verfassungsschutzes und ähnlichen Behörden von vornherein ein Problem dar. Denn weniger als eine kritische Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Glaubensinhalten oder gesellschaftlichen Positionen wird in den Debatten um den „politischen Islam” zumeist einfach nur eingeteilt: Wer ist für die freiheitlich-demokratische Grundordnung? Wer ist dagegen?

Andererseits wurde im Zuge dessen gerade die Dehnbarkeit des Begriffes „politischer Islam” immer wieder von verschiedenen Akteur:innen benutzt, um nicht nur eindeutig fundamentalistische und rückwärtsgewandte islamische Gruppierungen als hochgefährlich und demokratiefeindlich zu werten. Stattdessen werden allgemein unliebsame oder für die eigenen Ansichten unbequeme Positionen mit der gleichen Einteilung gebrandmarkt.

In der sogenannten Radikalisierungsforschung gilt dementsprechend mitunter sogar die Beschäftigung mit antimuslimichem Rassismus als sogenannter Radikalisierungsfaktor und Hinwendung zum Islamismus. Eine gesellschaftskritische Äußerung wird dann zum Alarmzeichen einer sich anbahnenden islamisch fundamentalistischen Radikalisierung.

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Staatliche Verfolgung statt Rassismusbekämpfung

Ein eindrückliches Beispiel dafür lieferte die sogenannten Operation Luxor der österreichischen Sicherheitsbehörden, bei der unter anderem die Wohnung des Politikwissenschaftler Farid Hafez am 9. November 2020 bei einer nachträglich als rechtswidrig eingestuften Razzia wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation, der Muslimbrüderschaft, durchsucht wurde. Der Verdacht erwies sich später als unbegründet.

In den Monaten vor der Razzia hatte es in Deutschland und Österreich einen öffentlichen Schlagabtausch über von Hafez veröffentliche Berichte über einen sich ausbreitenden antimuslimischen Rassismus gegeben. Mehrere Personen, die in dem Bericht als Förderer:innen der Verbreitung von rassistischen Denkmustern über Muslim:innen genannt wurden – unter diesen auch Khorchide – warfen Hafez im Zuge dessen unwissenschaftliches Arbeiten und eigene Bezüge zu fundamentalistischem Denken vor.

Khorchide selbst sah damals in dem Versuch, den institutionialisierten Rassismus gegen Muslim:innen sichtbar zu machen, eine gefährliche Verbindung von „muslimischen Rechten und linken Nichtmuslimen”. In ähnlicher Weise äußerte sich damals beispielsweise auch Ahmad Mansour, ein umstrittener Experte, indem er die Thematisierung von antimuslimischem Rassismus in deutschen Institutionen pauschal als „radikal” bezeichnete und Muslim:innen und Linken vorwarf, stets eine Opferrolle für sich in Anspruch nehmen zu wollen.

Muslimbürger statt Muslimbrüder

Im Kampf gegen den „politischen Islam” waren sich Muslim:innen wie Khorchide derweil nie zu schade für offene Kooperationen mit Sicherheitsbehörden. Khorchide selbst war nicht nur in Österreich seit der Gründung der „Dokumentationsstelle Politischer Islam” Leiter des wissenschaftlichen Beirats, sondern steht auch in Deutschland dem Bundeskriminalamt, Landeskriminalämtern, dem Verfassungsschutz und dem Innenministerium mit Rat und Tat zur Seite. So gehört Khorchide seit einigen Monaten einem „Beraterkreis” der Bundesregierung an, in dem sich BKA, LKA, Verfassungsschutz, Ahmad Mansour und andere Islam-Experten zur Verhinderung von Islamismus austauschen.

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Dass Khorchide im gleichen Atemzug betont, dass die Eröffnung der Fakultät in Münster keine integrationspolitische Sache, sondern vor allem eine theologische Errungenschaft sei, wirkt gerade deshalb eher wie ein Feigenblatt. Khorchides Islambild selbst ist schließlich zutiefst politisch, denn es wird von deutschen Behörden im Kampf gegen den „politischen Islam” ins Feld geführt. Für Khorchide selbst mag das theologische Interesse im Vordergrund stehen, für den deutschen Staat stellt die Förderung des Münsteraner Islambildes eine einfache Rechnung dar:

Je mehr Muslim:innen sich in Deutschland dem Vorbild Khorchides und seines Umgangs mit gesellschaftskritischen Positionen folgen, desto stabiler steht die deutsche Ordnung. Den Muslimbrüdern, stellvertretend für alle fundamentalistischen Strömungen, setzt der deutsche Staat mit Khorchide und ähnlichen Figuren die Muslim-Bürger entgegen. Muslim:innen, die in Deutschland leben, sollen sich dem deutschen Staat und der bürgerlichen Grundordnung unterordnen – so die einfache und in den endlosen Integrationsdebatten immer wieder betonte Logik.

Dass Deutschland zeitgleich auch Khorchides Widersacher – die konservativen islamischen Verbände – anerkennt und fördert, stellt aus Sicht des Staates übrigens ebenso wenig einen Widerspruch dar wie Waffen in die Türkei zu liefern und gleichzeitig den faschistischen Präsidenten Erdoğan für die Einschränkung der Meinungsfreiheit zu kritisieren.

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Ende des Rassismus? Nur ohne deutschen Staat

Die Eröffnung der Islamischen Fakultät in Münster ist also keineswegs der große Schritt in Richtung Anerkennung der Muslim:innen, als der er uns verkauft wird. Vielmehr steht hinter der Eröffnung, so wie hinter zahlreichen anderen integrationspolitischen Maßnahmen, das Interesse des deutschen Staates, migrantische Teile der Bevölkerung angemessen zu verwalten und zu kontrollieren.

Und zwar mit dem Ziel, ihnen kleine Spielräume für religiöse und kulturelle Eigenheiten zu gewähren, um ihre freiwillige Unterwerfung unter die kapitalistischen Mühlen, wo sie für die Profitinteressen deutscher Kapitalist:innen ausgebeutet werden sollen, in ausreichendem Maße sicherzustellen. Dass Muslim:innen also eine Fakultät gewährt wird, wo ein mit der deutschen freiheitlich-demokratischen Grundordnung kompatibler Islam gelehrt werden soll, ist Kalkül.

Ja, wahrscheinlich werden auch weiterhin einige junge Muslim:innen, wenn sie in Münster studieren, das Gefühl vermittelt bekommen, dass sie es in Deutschland zu etwas bringen können. Doch wie lange kann so ein Gefühl Bestand haben, wenn wir uns gleichzeitig vor Augen halten müssen, für welches Land und welche Ordnung sich sodann verpflichtet wird?

Als zukünftige Lehrer:innen und Prediger:innen haben die ausgebildeten Theolog:innen schließlich die Aufgabe, Deutschland an vorderster Front in Schulen und Moscheen ideologisch zu verteidigen. Dass der gleiche deutsche Staat, der uns die islamische Fakultät schenkt, am Genozid in Palästina beteiligt ist, systematischen Rassismus in seinen Behörden zulässt, massenhaft Abschiebungen von Muslim:innen vorbereitet und beide Augen beim Aufstieg des Faschismus zudrückt und letztendlich immer nur die Interessen der Reichen durchsetzt, lässt sich nur schwer leugnen. Genau gegenüber diesem Staat und diesem System sollte niemand Barmherzigkeit zeigen!

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