US-Präsident Trump kündigt an, tausende US-Truppen aus Deutschland abzuziehen. Noch viel schwerwiegender sollen Tomahawk-Raketen nicht mehr in der BRD stationiert werden. Was bedeutet der Abzug für die deutschen Großmachtambitionen? – Ein Kommentar von Reiner Matzinke.
Trump macht Druck mit Truppenabzug, die Militaristen in Deutschland jammern. Doch es zeigt sich: Die US-Basen in Ramstein, Stuttgart und Büchel sind keine Schutzmaßnahmen für Deutschland, sondern operative Drehscheiben für US-Kriege – und dennoch fundamental wichtig für die bisherige deutsche Außenpolitik. Ob dies nach der Zeitenwende so bleibt, wird sich zeigen.
Die Ankündigung der US-Regierung, 5.000 Soldaten aus Deutschland abzuziehen, hat für Aufsehen gesorgt. Betroffen ist die „Stryker-Brigade“ in Vilseck in der Oberpfalz. US-Präsident Donald Trump droht sogar mit einem größeren Abzug. Die Zahl von 5.000 Soldaten erscheint auf den ersten Blick nicht dramatisch. Von den rund 39.000 US-Soldaten, die derzeit in Deutschland stationiert sind, wäre etwa ein Achtel betroffen. Militärisch gilt diese Reduzierung als verschmerzbar. Die wirtschaftlichen Folgen für die betroffenen Regionen wären hingegen erheblich.
Doch der Abzug ist nicht in erster Linie eine militärische Entscheidung. Er ist ein politisches Druckmittel. Die Trump-Regierung hat in den vergangenen Monaten mehrfach gezeigt, dass sie nominelle Verbündete unter Druck setzt und ihnen mit Sanktionen, Zöllen oder Truppenverlegungen droht. Die Androhung des Teilabzugs aus Deutschland fügt sich nahtlos in diese Strategie ein: Wer nicht folgt, wird bestraft. Wer Kritik äußert, verliert.
Die Bedeutung der US-Stützpunkte
Die US-Militärbasen in Deutschland sind keine reinen Verteidigungsanlagen. Sie sind operative Drehscheiben für US-geführte Kriege auf der ganzen Welt. Der Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz ist die zentrale Logistikstation der US Air Force für Einsätze in Europa, im Nahen Osten und in Afrika. Von hier aus werden Drohnenangriffe über eine Satellitenrelaisstation gesteuert. Verletzte US-Soldaten aus Kriegsgebieten werden nach Ramstein und ins nahe gelegene Landstuhl ausgeflogen, dem größten US-Militärkrankenhaus außerhalb der USA.
In Stuttgart befinden sich die Hauptquartiere des US-Europa-Kommandos (EUCOM) und des US-Afrika-Kommandos (AFRICOM). Von hier aus wird die militärische Präsenz der USA auf zwei Kontinenten koordiniert. In Büchel lagern US-Atomwaffen. Deutschland ist also kein neutraler Boden. Es ist ein strategischer Vorposten der USA.
Diese Basen sind keine Geschenke an Deutschland. Sie sind Investitionen der USA in ihre eigene weltweite Militärschlagkraft. Die USA betreiben diese Stützpunkte, weil sie ihnen nützen. Ohne Ramstein wären US-Operationen in Nahost und Afrika erheblich schwieriger. Die USA wären weniger handlungsfähig.
Deshalb ist die Drohung mit einem kompletten Truppenabzug weniger glaubwürdig, als sie klingt, aber trotzdem ist sie nicht bedeutungslos. Die USA können jederzeit entscheiden, welche Einheiten sie wo stationieren. Dass sie dies als Druckmittel einsetzen, ist Teil der imperialen Logistik.
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Kritik wird bestraft
Die jüngste Zuspitzung des Konflikts mit dem Iran zeigt, wohin die Abhängigkeit Deutschlands führt. Der Iran-Krieg ist ein US-geführter Krieg. Die deutsche Bundesregierung hat keine Mitsprache über dessen Ziele oder Eskalationsstufen. Sie kann lediglich verbal reagieren und wird dafür abgestraft.
Bundeskanzler Friedrich Merz äußerte sich nach monatelanger Unterstützung kritisch zum US-Vorgehen gegen den Iran. Er sagte, die USA hätten keine überzeugende Strategie und der Iran habe die USA durch sein Durchhalten gedemütigt. Die Antwort von US-Präsident Trump folgte umgehend mit der Ankündigung des Truppenabzugs.
Diese Dynamik erreicht eine neue Qualität. Deutschland ist in eine Position geraten, in der es US-Kriege faktisch durch die Bereitstellung von Logistik und Infrastruktur unterstützt, ob es die Regierung nun möchte oder nicht. Gleichzeitig wird die Bundesregierung dafür bestraft, wenn sie sich kritisch äußert. Das ist keine Partnerschaft auf Augenhöhe.
Diese Erkenntnisse befeuern somit natürlich das Bedürfnis der eigenen strategischen Unabhängigkeit bei deutschen und europäischen Militaristen, wie sich bekanntermaßen auch Macron über Jahre äußert.
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Die verhinderte Stationierung von Tomahawk-Raketen
Schwerer als der Abzug von 5.000 Soldaten wiegt die Ankündigung, Tomahawk-Marschflugkörper und andere weitreichende Waffensysteme nicht in Deutschland zu stationieren. Diese Stationierung war im Juni 2024 auf dem NATO-Gipfel in Washington vereinbart worden. Sie sollte als Abschreckung gegen Russland dienen. Nun strich die US-Regierung diese Pläne.
Sogenannte „Sicherheitsexperten“ warnen vor einer Fähigkeitslücke. Deutschland kann diese Lücke auf absehbare Zeit nicht füllen. Die Bundeswehr verfügt nicht über vergleichbare weitreichende Präzisionswaffen. Der Aufbau eigener Kapazitäten würde Jahre dauern und Milliarden kosten und wäre politisch höchst umstritten. Die USA wissen das. Sie nutzen diese Lücke ebenfalls als Druckmittel. Wer sich nicht fügt, dem wird die Abschreckungsfähigkeit entzogen.
Die USA verlagern ihre Kriege
Die USA ziehen ebenfalls nicht ab, weil sie kein Interesse mehr an Europa haben. Sie verlagern ihre Kriegsführung – zunächst in den Nahen Osten; dort existiert der Iran als eine Wunde im US-amerikanischen Ego. Der Krieg, der schätzungsweise mehrere hundert Milliarden Dollar gekostet hat, verschlingt Ressourcen auf der ganzen Welt.
Erst Anfang des Jahres wurden Patriot-Systeme aus Südkorea abgezogen. Diese Raketen, die eigentlich gegen China aufgebaut wurden, hatten dort zu großen diplomatischen Konflikten geführt. Die chinesische Regierung hatte nach der Ankündigung ihrer Installation wirtschaftliche Konsequenzen gegen Südkorea verhängt. Nun wurden die Systeme für den Krieg gegen den Iran benötigt und schnell umgeleitet, was zu großem Unverständnis in Südkorea führte.
Die USA priorisieren. Der Iran-Krieg ist aktuell wichtiger als die Abschreckung Russlands oder die Stationierung in Asien. Verbündete wie Deutschland und Südkorea werden entsprechend behandelt: Sie haben zu zu fügen; wenn nicht, dann können Truppenverbände auch schnell mal dahin gebracht werden, wo man sie gerade benötigen würde, wenn man nicht die Bündnisse hat.
Die deutsche Beteiligung an US-Kriegen
Die deutsche Politik hat sich über Jahrzehnte daran gewöhnt, die US-Militärpräsenz als gegeben hinzunehmen. Sie hat sich daran gewöhnt, US-Kriege zu unterstützen, ob im Irak, in Afghanistan oder jetzt im Iran. Diese Unterstützung erfolgt mal stillschweigend, mal mit leiser Kritik wie bei der Invasion im Irak, aber immer als etwas Notwendiges dargestellt. Dennoch ist die materielle Unterstützung durch Ramstein und andere Stützpunkte stets gegeben.
Die Kritik von Kanzler Merz am Iran-Krieg war keine grundsätzliche Abkehr. Sie war für Trump dennoch zu viel, und sie wurde sofort mit einem Truppenabzug beantwortet. Das zeigt, wie eng der geopolitische Spielraum ist, in dem sich Deutschland befindet.
„Programm der Freiheit“: Merz fordert Aufrüstung und Unabhängigkeit von den USA
Die deutsche Entscheidung: Vasall oder eigenständige Militärmacht?
Der deutsche Staat steht aktuell und in den nächsten Jahren vor einer grundsätzlichen Wahl. Er kann die Abhängigkeit von den USA behalten, weiterhin US-Stützpunkte beherbergen, weiterhin US-Kriege logistisch unterstützen, weiterhin darauf hoffen, dass Washington schon nicht zu weit gehen wird. Oder er kann den Weg zur größten konventionellen Armee Europas einschlagen, wie es Kanzler Merz mehrfach gefordert hat.
Alle Zeichen stehen derzeit auf Letzteres. Die Bundeswehr wird aufgerüstet, das Sondervermögen fließt, die rhetorische Aufrüstung ist in vollem Gang. Aber endgültig entschieden ist noch nichts und Erfolg nicht garantiert. Die deutsche Politik schwankt zwischen transatlantischer Treue und dem Wunsch nach eigener Handlungsfähigkeit. Dass die USA mit Abzug drohen, könnte diesen Prozess beschleunigen oder ihn abwürgen, wenn die deutsche Regierung aus Angst vor der Lücke klein beigibt.
Die deutschen Militaristen bedauern den Abzug der Truppen. Für sie ist der Aufbau der Bundeswehr so wichtig wie nichts anderes. Aber Deutschland hat aktuell nicht die Fähigkeiten, global zu agieren, wenn es nicht von den USA unterstützt wird. Genau das ist die Abhängigkeit, in der sich Deutschland noch befindet. Es ist auch klar, dass die Militaristen es gerne hätten, dass von deutschem Boden eine Gefahr für Russland ausgeht, auch wenn vorerst nur nominell durch amerikanische Waffen.

