Wenn Gesundheit zur Frage des Wohnorts wird: Klinik in Hamburg-Wilhelmsburg vor dem Aus

Der Sozialstaat wird immer weiter abgerissen. Im Gesundheitswesen zeigt sich das aktuell am Krankenhaus Groß-Sand in Wilhelmsburg, das Ende Juni endgültig schließen soll. Das hat spürbare Folgen für die medizinische Versorgung im einkommensschwachen Hamburger Süden.

Das klinische Versorgungszentrum Groß-Sand für den Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg schließt Ende Juni 2026 komplett. Nach der Notaufnahme und Chirurgie, die bereits 2025 geschlossen wurden, werden die Geriatrie und Neurologie in das zehn Kilometer entfernte Marienkrankenhaus in Hohenfelde eingegliedert. Dadurch fallen in Wilhelmsburg 350 Jobs weg.

„Die Rahmenbedingungen im Zuge der Gesundheitsreform lassen eine tragfähige Fortführung des Krankenhausbetriebs nicht zu“, erklärt das Erzbistum. Die Schließung des Krankenhauses ist jedoch nicht bloß das Ergebnis eines kirchlichen Trägers, der das Krankenhaus aufgibt, sondern sie ist auch das Ergebnis einer Politik, die über Jahre die entscheidenden Weichen gestellt hat. Statt Groß-Sand langfristig zu sichern, wurden jahrzehntelang notwendige Investitionen ausgeblendet und die Infrastruktur vernachlässigt.

Wilhelmsburger:innen verlieren wohnortnahe Versorgung

Die Schließung des letzten wohnortnahen Krankenhauses hat spürbare Folgen für die medizinische Versorgung im gesamten Hamburger Süden. Während sich die 36 großen Klinikstandorte weiterhin vor allem auf die westlichen und zentralen Stadtteile Hamburgs konzentrieren, schrumpft die Zahl im Süden auf drei.

Kontaktgebühr für Arztbesuche und die Notaufnahme

Die Schließung des Krankenhauses Groß-Sand wird derweil von vielen Initiativen nicht als Einzelfall gesehen: „Es geht um Daseinsvorsorge, soziale Gerechtigkeit und darum, ob wirtschaftliche Interessen über Menschenleben gestellt werden“, schreibt der Verein Zukunft Elbinsel.

Das Krankenhaus sei „in den letzten 20 Jahren immer weiter abgewirtschaftet worden. Die Geschäftsführungen kamen und gingen, nur gebessert hat sich nichts“, so Hartmut Sauer von Zukunft Elbinsel auf einer Kundgebung am 10. April. Statt Groß-Sand langfristig zu sichern, seien notwendige Investitionen ausgeblieben, die Infrastruktur veraltet und die finanzielle Ausstattung unsicher gemacht worden. Ein städtischer oder gemischter Träger hätte z.B. das Krankenhaus übernehmen und als Stadtteilklinik weiterentwickeln können, wie es bei der Universitätsklinik Eppendorf der Fall war.

Unklar bleibt zudem die Zukunft des an das Krankenhaus angeschlossenen Medizinischen Versorgungszentrums Groß-Sand. Mit dem Wegfall der Krankenhausträgerschaft steht somit auch die ambulante Versorgung auf der Elbinsel vor einer unsicheren Zukunft.

Die Forderung des Vereins ist klar: „Wir wollen auch in Zukunft ein Basiskrankenhaus im Stadtteil haben.“ Denn als Basiskrankenhaus mit leistungsfähiger Chirurgie, Intensivstation und Innerer Medizin war es über Jahrzehnte ein zentraler Bestandteil der Gesundheitsversorgung – doch geriet die Klinik seit Jahren zunehmend unter finanziellen Druck, woraufhin das Erzbistum Hamburg die Verwaltung übernahm.

Weitere Benachteiligung eines abgehängten Stadtteils

Besonders stark betroffen sind jene Menschen, die bereits jetzt mit sozialen Belastungen konfrontiert sind. Der Wegfall ist vor allem für ältere Menschen, Familien und einkommensschwächere Haushalte eine zusätzliche Hürde. Wilhelmsburg weist im Vergleich zum Hamburger Durchschnitt deutlich ausgeprägte soziale und strukturelle Unterschiede auf.

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So beziehen hier knapp 18 Prozent der Bevölkerung Leistungen nach SGB II, während es in Hamburg insgesamt rund 10 Prozent sind. Gleichzeitig hat der Stadtteil einen hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund (63 Prozent) und Personen ohne deutschen Pass (34 Prozent). Auch im Wohnbereich zeigen sich deutliche Unterschiede: Der Anteil an Sozialwohnungen ist hoch, während die Wohnfläche pro Einwohner:in unter dem Hamburger Durchschnitt liegt. Im Bereich der gesundheitlichen Versorgung fällt zudem auf, dass es pro Kopf weniger als halb so viele niedergelassene Ärzt:innen gibt wie im städtischen Durchschnitt.

Menschen hier werden Ausfälle im Gesundheitswesen schlechter ausgleichen können als in wohlhabenderen Vierteln. Wer weniger Geld, weniger Zeit und oft weniger Mobilität hat, kann Ausweichangebote viel schwerer erreichen.

Mit dem Wegfall von Groß-Sand verlagert sich die Auslastung auf die anderen beiden Kliniken im Hamburger Süden, hier vor allem auf das AK Harburg, und auf niedergelassene Arztpraxen. Dort müssen künftig mehr Patient:innen versorgt werden, obwohl bereits heute Personal fehlt und die Kapazitäten begrenzt sind. Dazu kommen auch die rund 40.000 Arbeiter:innen, die in und um Wilhelmsburg herum im Hafen und Industriegebiet arbeiten und bei Arbeitsunfällen nicht mehr auf die nahe Notaufnahme zählen können.

Weitere Kürzungen nicht nur im Stadtteil

Doch die Entwicklung rund um Groß-Sand steht dabei nicht isoliert da. Weiter sichtbar werden die Missstände bei den Sozialräumlichen Integrationsnetzwerken (SIN), die benachteiligte Kinder in Flüchtlingsunterkünften unterstützen. Die jetzigen Gelder sollen um ein Viertel gekürzt werden sollen. Auch die Mittel für Kinder- und Familienhilfen sinken deutlich, mehrere soziale Träger warnen, dass dadurch bestehende Angebote wegfallen, wie etwa präventive Angebote für Jugendliche oder gegen soziale Ungleichheit und Ausgrenzung. Auch in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit plant der Hamburger Senat Kürzungen von drei Millionen Euro für 2026.

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Hinzu kommt eine bundesweit steigende Armutsquote von mittlerweile 15,5 Prozent – das sind 13 Millionen Menschen. In Hamburg zeigt sich die soziale Spaltung besonders deutlich in den verschiedenen Bezirken. Diese Problemlagen treten dabei geografisch gebündelt auf. Gebiete mit besserer sozialer Lage befinden sich überwiegend in den Walddörfern, entlang der Alster. Stadtteile mit vielen sozialen „Problemlagen“ konzentrieren sich dagegen eher im Osten der Stadt und südlich der Elbe. So liegen allein 122 der 857 analysierten Gebiete in nur neun sogenannten Clustern, die sich fast ausschließlich im Osten und Süden Hamburgs befinden. In Stadtteilen wie Harburg liegt die Kinderarmutsquote bei 26,9 Prozent,

Armut und Gesundheit hängen dabei eng zusammen: Zahlreiche Studien zeigen, dass insbesondere von Armut betroffene Menschen häufiger erkranken, ihre Gesundheit schlechter einschätzen und eine geringere gesundheitsbezogene Lebensqualität haben und einem erhöhten Risiko für vorzeitigen Tod ausgesetzt sind. Bei Herzinfarkten zeigen sich beispielsweise in höheren Altersgruppen deutliche Unterschiede: Pflichtversicherte weisen eine erhöhtes Sterberisiko auf – bei Männern etwa um den Faktor 1,3, bei Frauen sogar bis hin zum Faktor 3.

Dort verschwinden zugleich immer mehr Hilfsangebote. Der Kinderbauernhof Kirchdorf, eines der wenigen kostenlosen, ganzjährigen Angebote für benachteiligte Kinder auf der Elbinsel, soll wegfallen, und auch alle vier Praxisausbildungsstätten (PAS)-Kitas an den Fachschulen für Sozialpädagogik in Altona, Barmbek, Harburg und Niendorf sollen schließen. Die GEW Hamburg bezeichnet die Schließung als „bildungspolitischen Irrweg“. Die Gewerkschaft verweist darauf, dass dadurch nicht nur Betreuungsangebote wegfallen, sondern auch die gesamten Ausbildungsstrukturen geschwächt werden.

Lokale Proteste gegen Sozialabbau

Gegen die Schließung von Groß-Sand und die Kürzungen im Hamburger Sozialbereich gab es in den vergangenen Monaten mehrere Proteste. Als Aktionsbündnis Groß-Sand muss bleiben gingen in Wilhelmsburg schon im Juli 2025 mehrere hundert Menschen gegen die Schließung der Notaufnahme und Chirurgie auf die Straße. Im April 2026 folgte eine Kundgebung mit über 100 Menschen gegen das endgültige Aus der Klinik.

„Die Abwicklung des Krankenhauses Groß-Sand ist ein schwerer Schlag für die Gesundheitsversorgung im Hamburger Süden – und ein politisches Versagen“, hieß es damals von der Linkspartei zu den Protesten. Auch lokale Initiativen und Stadtteilakteure, wie etwa der Verein Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg, machten immer wieder auf die Bedeutung wohnortnaher medizinischer Versorgung auf der Elbinsel aufmerksam.

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Widerstand gab es auch gegen die geplante Schließung der PAS-Kitas. Die GEW Hamburg und ver.di riefen Anfang Mai 2026 zu mehreren Kundgebungen auf, unter anderem vor der Europapassage. Zusätzlich organisierte die Initiative PAS bleibt! Aktionen wie eine Menschenkette in Altona oder eine Petition gegen die Schließungen.

In Harburg kam es zudem zu einer Kundgebung vor dem Rathaus, während die SPD grade ihre Sitzung zum Thema abhielt. Laut eigenen Angaben waren zeitweise über 100 Protestierende anwesend: Fachkräfte, die Kinder der Kita, Schüler:innen der Berufsschule und Unterstützer:innen riefen Parolen, machten mit Instrumenten Lärm und hielten verschiedene Reden. Darin ging es um die Bedeutung der PAS-Einrichtungen bis hin zur Verknüpfung der Problematik mit den zahlreichen Angriffen auf die Arbeiter:innenklasse.

Auch gegen die Kürzungen bei den Sozialräumlichen Integrationsnetzwerken und in der offenen Kinder- und Jugendarbeit regt sich Widerstand. So rief die GEW Hamburg am 22. Mai gemeinsam mit der Interessensvertretung Offene Arbeit (IVOA) zu einer Demo bei der SPD-Zentrale auf, um gegen weitere Einsparungen zu protestieren. Bereits zuvor hatten Beschäftigte in der OKJA bei einer Kundgebung vor dem Familienausschuss auf die Folgen der Kürzungen hingewiesen.

Bundesweit wächst die Bewegung gegen den Sozialabbau ebenfalls: Für Juni sind in mehreren Städten Proteste gegen Sozialabbau angekündigt. Entfacht haben die Proteste die geplanten 16 Milliarden Euro Kürzungen, die Abschaffung des 8-Stunden-Tags und die ab Juli greifende Bürgergeldreform, mit der Sozialhilfsempfänger:innen härter sanktioniert werden können. Auch hier richtet sich der Widerstand nicht nur gegen einzelne Maßnahmen, sondern gegen den allgemeinen Kürzungskurs, der in immer mehr Städten soziale Infrastruktur unter extreme Belastung setzt.

Die Proteste gegen den Sozialabbau sind da!

Hamburg hat das Geld

In der reichen Metropole Hamburg – mit der höchsten Millionärsdichte Deutschlands – fließen Milliarden in Tourismus, Hafen-Aufrüstung und Großprojekte wie die Olympia-Bewerbung, während Sozialausgaben für Soziales, Gesundheit oder Bildung abgebaut werden.

Dass Hamburg bundesweit zwar eine hohe Ärzt:innendichte hat, sagt noch wenig über die Versorgungslage in der Stadt aus. Hohe Zahlungen würden die Haushalte von Bund, Ländern und Gemeinden überfordern, begründet Hamburgs Finanzsenator Andreas Dressel – als Beispiele für hohe Ausgaben zieht er die Pflege und Erziehung heran.

Während Krankenhäuser schließen, Kitas abgebaut werden und ein Drittel der Hamburger Tafel von Minderjährigen gebraucht wird, fließen weiter hohe Summen in andere Projekte: Dazu zählen unter anderem die Rettung des Elbtowers mit 600 Millionen Euro Steuergeld oder die stark gestiegenen Kosten des Hauses der Erde am Schlump (rund 425 Millionen Euro). Gleichzeitig werden teure Großübungen wie das NATO-Manöver Red Storm Bravo organisiert. Dieses Jahr zum dritten Mal in Folge.

Merzialische Kürzungen gehen mit der Gesundheitsreform weiter

Gerade vor dem Hintergrund großer Investitionen in die Kriegsvorbereitungen wird deutlich, dass öffentliche Gelder nicht knapp sind, sondern nur anders und ungerecht verteilt werden. Für Wilhelmsburg und dem restlichen Süden bedeutet die Schließung Groß-Sands vor allem längere Wege, weniger Grundversorgung und zusätzliche Belastungen.

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