„Willkommen in Israel“: Aktivist:innen der Global Sumud Flotilla berichten von Folter und sexualisierter Gewalt

Nach der Festsetzung der Global Sumud Flotilla in internationalen Gewässern erheben zahlreiche Aktivist:innen schwere Vorwürfe gegen israelische Streitkräfte. Sie berichten von Folter, sexualisierter Gewalt und systematischen Misshandlungen während ihrer Inhaftierung auf israelischen Militärschiffen und in israelischer Haft.

Die sogenannte „Global Sumud Flotilla“, ein internationaler Zusammenschluss pro-palästinensischer Aktivist:innen, wollte mit rund 50 Schiffen Hilfsgüter in den Gazastreifen bringen und die israelische Seeblockade durchbrechen. Mehr als 430 Menschen aus vielen unterschiedlichen Ländern beteiligten sich an der Mission, darunter zahlreiche europäische Staatsangehörige.

Nach Angaben der Aktivist:innen wurde die Flotte im internationalen Gewässer vor der Küste Zyperns von israelischen Streitkräften gestoppt. Inzwischen häufen sich die Vorwürfe von systematischer Gewalt, Folter und sexualisierten Übergriffen gegen nahezu alle Aktivist:innen während ihrer Inhaftierung auf israelischen Militärschiffen und später in israelischer Haft.

Global Sumud Flotilla in internationalen Gewässern angegriffen

Erste Berichte über Gewalt und Folter auf dem Militärschiff NAHSHON Anfang Mai

Bereits Anfang Mai veröffentlichte die Global Sumud Flotilla eine erste dringende Erklärung über stattfindende schwere Menschenrechtsverletzungen. Darin heißt es, israelische Streitkräfte hätten insgesamt 22 Schiffe der Flotte in internationalen Gewässern abgefangen und 175 Zivilpersonen von 21 Booten auf das israelische Militärschiff NAHSHON gebracht.

Laut Zeug:innenberichten seien die Festgenommenen dort körperlicher und verbaler Gewalt ausgesetzt gewesen. Besonders schwer wiegen die Aussagen zur Behandlung des Aktivisten Saif Abukeshek, spanisch-schwedischer Staatsangehöriger palästinensischer Herkunft. Andere Teilnehmer:innen berichteten, seine Schreie seien über das gesamte Schiff zu hören gewesen, nachdem er von den übrigen Gefangenen getrennt worden sei. Die Flotilla spricht ausdrücklich von „systematischer Folter“.

Gemeinsam mit dem brasilianischen Aktivisten Thiago Ávila soll Abukeshek trotz der Ankunft des Schiffes in griechischem Gewässer nicht freigelassen worden sein. Die Organisation wirft den griechischen Behörden vor, trotz juristischer Interventionen nicht verhindert zu haben, dass die beiden Männer weiter nach Israel transportiert wurden. Zudem mussten 36 Personen nach ihrer Freilassung wegen Verletzungen medizinisch behandelt werden.

Systematische Misshandlungen auf dem „Folterboot“

Neue Aussagen von Teilnehmer:innen der Flotilla, die am Freitag öffentlich gemacht wurden, zeichnen ein noch drastischeres Bild der Ereignisse. Die Aktivist:innen schildern detailliert, wie sie auf einem bestimmten Schiff, das sie selbst als „Folterboot“ bezeichnen, misshandelt worden seien.

Dabei soll es sich um das israelische Marineschiff INS Nahshon handeln, das laut den Berichten mit provisorischen Gefängniscontainern und Stacheldraht ausgestattet gewesen sei. Gefangene seien dort einzeln in dunkle Metallcontainer gebracht und anschließend von israelischen Soldaten misshandelt worden.

Der Teilnehmer Yassine Benjelloun schilderte seine Ankunft auf dem Schiff mit drastischen Worten. Er berichtete, man habe ihn in einen dunklen Container geworfen, wo er sofort Schläge auf Kopf und Rippen erhalten habe. Nachdem er zu Boden gefallen sei, hätten Soldaten weiter auf ihn eingetreten, während er Schreie anderer Gefangener gehört habe.

Auch andere Aktivist:innen berichten von massiver Gewalt. Dazu gehören Schläge, Tritte, der Einsatz von Tasern gegen Gesicht, Hals und Oberkörper sowie Gummigeschosse aus nächster Nähe. Zudem seien Blendgranaten in Gruppen von Gefangenen geworfen worden.

Mindestens 12 Fälle sexualisierter Gewalt auf dem Folterboot, darunter Vergewaltigungen

Besonders erschütternd sind die Vorwürfe sexualisierter Gewalt. Die Global Sumud Flotilla erklärt, dass allein auf dem „Folterboot“ mindestens zwölf Fälle sexualisierter Gewalt dokumentiert worden seien.

Zu den geschilderten Taten gehören demnach entwürdigende Strip-Searches, sexuelle Demütigungen, erzwungenes Entblößen, Berührungen im Genitalbereich, gewaltsames Ziehen an Genitalien sowie Berichte über Vergewaltigungen und Penetration mit einer Schusswaffe.

Vergewaltigung in israelischer Gefangenschaft: „Es hat meinen Willen nicht gebrochen“

Mehrere Aktivist:innen berichteten außerdem, während der Durchsuchungen fotografiert worden zu sein, während Soldaten gelacht hätten. Muslimischen Frauen seien gewaltsam die Hijabs abgenommen worden.

Der französische Teilnehmer Adrien Berthel erklärte, er sei gezielt erniedrigt und misshandelt worden, nachdem Soldaten Nagellack an ihm bemerkt und Rückschlüsse auf seine Sexualität gezogen hätten.

Schwere Verletzungen unter den Gefangenen

Die Aktivistin Veronica Otero, die nach eigenen Angaben die „Bearbeitung“ fast aller rund 180 Gefangenen beobachten konnte, erklärte: „Alle wurden auf irgendeine Weise misshandelt. Keine einzige Person verließ das Schiff unverletzt.“

So wurden mindestens 36 Knochenbrüche dokumentiert, darunter gebrochene Rippen, Schulter- und Rückenverletzungen. Einige Menschen hätten aufgrund ihrer Verletzungen kaum noch atmen können.

Auch deutsche Aktivist:innen waren von der Gewalt betroffen. Das Auswärtige Amt bestätigte, dass acht deutsche Aktivist:innen nach ihrer Abschiebung in Istanbul angekommen seien. Eine Person musste unmittelbar nach der Landung in ein Krankenhaus gebracht werden. Vertreter des deutschen Generalkonsulats sprachen mit sieben der acht Deutschen.

Die Bundesregierung erklärte, man erwarte von Israel „Aufklärung“ über die Verletzungen. Die „menschenwürdige Behandlung unserer Staatsangehörigen“ habe „absolute Priorität“.

„Willkommen in Israel, wir sind hier die Hausherren“

Besonders drastisch ist das jüngste Video des israelischen Sicherheitsministers Itamar Ben-Gvir. Darauf ist zu sehen, wie Aktivist:innen mit auf dem Rücken gefesselten Händen auf dem Boden knien, während Ben-Gvir eine israelische Flagge schwenkt und erklärt: „Willkommen in Israel, wir sind hier die Hausherren.“

Das Video sorgte international für Empörung. Frankreich, Spanien, Polen und die Niederlande bestellten daraufhin israelische Botschafter oder diplomatische Vertreter ein. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte laut Berichten, Ben-Gvirs Auftreten entspräche nicht den „Werten und Normen Israels“. Konsequenzen wurden bislang jedoch nicht angekündigt.

„Imagine what the Palestinians go through“

Die Global Sumud Flotilla fordert inzwischen eine unabhängige internationale Untersuchung der Vorfälle. Dabei sollen insbesondere die gewaltsame Abfangaktion in internationalen Gewässern, die Behandlung der Gefangenen auf dem „Folterboot“, die Berichte über Folter und sexualisierte Gewalt sowie mögliche Verstöße gegen internationales Recht untersucht werden.

Die Organisation fordert außerdem Sanktionen gegen Israel, den Zugang des Internationalen Roten Kreuzes zu palästinensischen Gefangenen sowie die Freilassung von Menschen, die ohne Anklage in israelischen Gefängnissen festgehalten werden.

Dabei betonen die Aktivist:innen immer wieder, dass ihre Erfahrungen nur einen kleinen Einblick in das darstellten, was Palästinenser:innen in israelischen Haftanstalten seit Jahrzehnten erleben würden. Ein Aktivist betonte deshalb in einem Video der Global Sumud Flotilla, dass Israel genau gewusst habe, dass die Aktivist:innen nur wenige Tage dort sein würden – und sie dennoch so behandelt wurden. „Imagine what the Palestinians go through“ (deutsch: „Stell dir vor, was die Palästinenser:innen durchmachen“), sagte er abschließend.

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