In Gaza, der Westbank, Syrien und Libanon versucht der zionistische Staat, immer neue Gebiete unter seine Kontrolle zu bringen. Die Expansionspläne gehen auch auf das Streben nach einem „Großisrael“ zurück. Für die Völker Westasiens bedeutet das zionistische Projekt vor allem Krieg und Vertreibung.
Auch 78 Jahre nach der Nakba, die im Kontext der Staatsgründung Israels zur Vertreibung von ungefähr 750.000 Palästinenser:innen führte, strebt Israels Regierung die Annexion weiterer Gebiete in Westasien an. Bereits dieser erste Schritt auf dem Weg zur Kolonialisierung der Region skizzierte die rücksichtslose imperialistische Politik, welche die zionistische Bewegung zur Durchsetzung ihrer Interessen bis zum heutigen Tag verfolgen sollte.
Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte sich diese Skizze zu einem Gesamtbild, und die Interessen des „Staatsprojekts Israel” traten unverhohlen hervor. So annektierte Israel nach dem Sechstagekrieg 1967 den Gazastreifen, die syrischen Golanhöhen und die ägyptische Sinai-Halbinsel. Im Vergleich zum 1947 von der UN bewilligten Teilungsplan verfünffachte sich somit das von Israel kontrollierte Territorium.
Zwar trat Israel 1982 infolge des Camp-David-Abkommens die Sinai-Halbinsel wieder an Ägypten ab. Weitere Gebiete wie die Golanhöhen, die Westbank, der Gazastreifen und Ost-Jerusalem sind aber bis heute besetzt oder militärisch von Israel kontrolliert.
Besetzung des Südlibanon angekündigt
Seitdem die Intensität des Angriffskrieges der USA und Israels auf den Iran durch die im April beschlossene Waffenruhe abgeschwächt wurde, scheint Israels Regierung umso mehr ihre Machtansprüche im Südlibanon und Syrien durchsetzen zu wollen.
Bereits im März hatte der israelische Finanzminister Bezalel Smotrich angekündigt, die Gebiete des Südlibanon besetzen zu wollen. So forderte er: „Der Litani muss unsere neue Grenze werden.“ Auch der Verteidigungsminister stellte in Aussicht, dass der Libanon Gebiete verlieren könnte. In beiden Fällen wird die Aktivität der im Libanon ansässigen Miliz Hisbollah als Vorwand einer bevorstehenden Annexion benutzt.
Im Rahmen dieser Ankündigungen begann Israels Militär Mitte März eine Bodenoffensive im Südlibanon. Infolge dessen wurden mindestens 1,2 Millionen Menschen aus den Gebieten vertrieben und ein Teil des Südlibanons unter Kontrolle des israelischen Militärs gebracht.
Westasien: Israel verhandelt mit Libanon, Bundesregierung nimmt Gespräch mit Iran auf
Kurz nach der Einigung auf eine Waffenruhe mit dem Iran begann Israels Militär Anfang April mit einer weiteren militärischen Offensive gegen den Libanon. Der Israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu begründete dieses Vorgehen damit, dass der Libanon nicht in die Waffenruhe mit dem Iran eingeschlossen gewesen sei. Innerhalb von zehn Minuten warf das israelische Militär 160 Bomben ab, teils auf dicht besiedelte Gebiete der Hauptstadt Beirut. Dabei wurden mindestens 300 Menschen getötet.
Seit März haben die militärischen Vorstöße Israels gegen den Libanon nicht aufgehört. Laut libanesischem Gesundheitsministerium sollen bei jüngsten Angriffen des israelischen Militärs 22 Menschen in Beirut getötet worden sein, unter ihnen acht Kinder. Außerdem rief das israelische Militär zur Evakuierung von acht Städten und Dörfern im Südlibanon auf. Insgesamt sollen bei den jüngsten Eskalationen rund 40 Ziele im Süden und Osten des Landes angegriffen worden sein.
Golanhöhen als strategisch wichtiges Gebiet
Auch die Golanhöhen im Südwesten Syriens gelten seit Jahrzehnten als strategisch wichtiges Gebiet für Israel. Völkerrechtlich gehören sie zu Syrien. Dem zuwider hat Israel das Felsplateau seit dem Sechstagekrieg 1967 besetzt und anschließend annektiert. Laut neuesten Erkenntnissen setzt die israelische Regierung nun auf den strategischen Ausbau des Gebiets.
Während die besetzte Region bisher vor allem Austragungsort militärischer Auseinandersetzungen war und dort Übungen des israelischen Militärs stattfanden, soll ein im April beschlossenes Programm ihren infrastrukturellen Ausbau fördern und sie als Siedlungsgebiet auch in Zukunft an Israels Staatsgebiet binden.
Für den Ausbau israelischer Infrastruktur hat die Knesset am 17. April per Beschluss rund 1 Milliarde Schekel (300 Millionen Euro) bereitgestellt. Außerdem wurde der Region Katzrin nun der Status einer Stadt bewilligt. So soll auf den Golanhöhen bis Ende des Jahrzehnts ein Siedlungsgebiet für rund 3.000 israelische Familien entstehen.
Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch bezeichnet das Vorgehen Israels auf den Golanhöhen als klaren Verstoß gegen internationale Normen, der schwerwiegende Folgen für die seit langem vertriebenen Syrer:innen haben wird. In diesem Zuge fordert sie die Europäische Union, Großbritannien und andere einflussreiche Länder zu einer Aussetzung der mit Israel geschlossenen Handelsabkommen auf.
Angriffe auf Gaza erneut verstärkt
Seit der Waffenruhe mit dem Iran haben sich auch die israelichen Angriffe auf den besetzten Gazastreifen erneut intensiviert. Trotz der auf dem Papier immer noch geltenden Waffenruhe in Gaza berichtet das Gesundheitsministerium Gazas von 120 getöteten Palästinenser:innen seit dem 8. April, darunter 13 Kinder. Im Vergleich zum März haben sich die Angriffe im April um 35 Prozent erhöht.
Währenddessen spitzt sich auch die humanitäre Lage in Gaza weiter zu: Seit Beginn der Waffenruhe im Oktober sollen mehr als 800 Menschen vom israelischen Militär getötet worden sein. Seit der Waffenruhe ist der Gazastreifen außerdem durch die sogenannte „Gelbe Linie“ geteilt. Hinter diese Grenze hat sich das israelische Militär vorerst zurückgezogen. Die Bevölkerung Gazas – rund 2,1 Millionen Menschen – muss nun auf einem Gebiet, das nur rund 47 Prozent des eigentlichen Territoriums umfasst, leben.
Die verstärkten Angriffe auf Gaza lassen eine baldige Besserung der Situation in weite Ferne rücken. Eigentlich hatte der US-Präsident in seinem „Friedensplan“ eine zweite Phase in Aussicht gestellt, die den Wiederaufbau Gazas umfasste. Bisher sind keine Schritte hin zu dieser zweiten Phase erkennbar, und die Zivilbevölkerung Gazas ist weiterhin dem Beschuss durch das israelische Militär, dem schädlichen Befall von Ungeziefer und Krankheiten ausgesetzt.
Faktische Annexion des Westjordanlands
Auch im Westjordanland schreitet die Siedlungspolitik der Besatzer weiter voran: Der israelische Finanzminister und Faschist Bezalel Smotrich kündigte im Sicherheitskabinett bereits mehrere Maßnahmen an, welche die Kontrolle Israels über das besetzte Gebiet weiter ausbauen sollen. Die Beschlüsse schaffen den juristischen Rahmen für eine De-facto-Annexion, vertiefen die Apartheid und erleichtern den Landraub durch israelische Siedler:innen. Unter anderem wurden die rechtlichen Hürden für den Erwerb von Land im Westjordanland beseitigt, die Landregister sollen offengelegt und staatliche Stellen zur Vorbereitung weiterer Landübernahmen reaktiviert werden.
Zugleich verlagert die israelische Regierung Planungs-, Bau- und Verwaltungsbefugnisse immer stärker unter ihre direkte israelische Kontrolle. Selbst in Gebieten, die bislang unter Verwaltung der palästinensischen Autonomiebehörde standen, sollen israelische Behörden künftig erweiterte Eingriffsrechte erhalten – etwa unter dem Vorwand des Schutzes archäologischer Stätten oder von Wasserressourcen. Kritik kam neben der palästinensischen Autonomiebehörde von mehreren arabischen Staaten, von der EU und Großbritannien, welche die Maßnahmen als völkerrechtswidrig und als weiteren Angriff auf die sogenannte Zwei-Staaten-Lösung bezeichneten.
Seit dem Amtsantritt der Regierung von Benjamin Netanyahu Ende 2022 wurden Siedlungsbau und Gewalt von Siedler:innen im Westjordanland massiv ausgeweitet. Nach Angaben aus Israel wurden allein im Jahr 2025 offiziell 54 neue Siedlungen genehmigt – ein bisheriger Höchststand. Von dem Siedlungsbau profitieren sogar europäische Unternehmen wie die Plattform Booking.com, auf der Ferienwohnungen auf annektiertem Land angeboten werden. Auch das Verkaufsportal Yad2 des deutschen Axel-Springer-Konzerns bietet Wohnungen in Siedlungen im Westjordanland an.
Die israelische Regierung treibt zudem das umstrittene sogenannte E1-Siedlungsprojekt bei Ostjerusalem voran. Das Projekt soll palästinensische Gebiete noch rigoroser voneinander abschneiden und die territoriale Kontinuität eines möglichen palästinensischen Staates massiv untergraben.
Israelische Politiker:innen träumen von Großisrael
Immer wieder rechtfertigen israelische Politiker:innen die expansive Siedlungspolitik des Staats mit ihrer Vorstellung eines „Großisraels“. Diese Ideologie soll ihren Ursprung in der Bibel haben und verspricht den Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs das gelobte Land Israel. Die beschriebene Fläche erstreckt sich zwischen den Flüssen Nil und Euphrat. So umfasst das Gebiet Territorien vom heutigen Ägypten bis in den heutigen Irak.
Für eine Umsetzung dieses biblisch begründeten Machtanspruchs müssten Teile Jordaniens, Libanons, Syriens und Ägyptens in die Hände Israels gelangen. Die Ziele vieler israelischer Politiker:innen weichen dabei von den in der Bibel beschriebenen Gebieten ab. Trotzdem wird der Begriff „Großisrael“ weiterhin verwendet, um völkerrechtswidrige Machtansprüche beispielsweise im Südlibanon durchzusetzen.
Israels militärische Expansion – Errichtung eines „Großisraels“?
Israels nationalistische und imperialistische Bestrebungen in Westasien versprechen aber nicht nur die Erfüllung religiöser Vorhersagen. Sie verfolgen vor allem die strategischen und wirtschaftlichen Interessen Israels. Wie schon beschrieben, wird der Aufbau langfristiger Siedlungsgebiete offensiv in den geostrategisch wichtigen Regionen wie den Golanhöhen vorangetrieben.
Auch der Aufbau und die in Aussicht gestellte Annexion Gazas würden hohe Profite für israelische Unternehmen bedeuten. So bestehe laut Daniella Weiss, der Leiterin der radikalen Siedlerorganisation Nachala, eine Liste von rund 500 israelischen Familien, die sofort bereit seien, nach Gaza umzusiedeln. Dabei spielt die religiöse Vorstellung eines „Großisraels“ eine untergeordnete Rolle und dient vor allem dazu, territoriale Ansprüche gegenüber der eigenen Bevölkerung zu legitimieren und potentielle Siedler:innen von der Rechtmäßigkeit ihrer Umsiedlung zu überzeugen.

