Nach einem Polizeieinsatz in Köln liegt Pedro Corona im Koma. Neue Informationen aus dem Entlassungsbericht des Krankenhauses zeigen: Corona musste 23 Minuten lang reanimiert werden, nachdem die Polizei ihn an den Krankenwagen übergab. Wir haben mit Laura* von der Initiative Justice for Pedro gesprochen, die sich für Aufklärung sowie eine bessere Versorgung von Menschen in psychischen Krisensituationen einsetzt.
Ihr setzt euch für die Aufklärung im Fall eures Freundes und Verwandten Pedro Corona ein, der nach einem Polizeieinsatz am 8. April immer noch im Koma liegt. Zuerst einmal das Wichtigste: Wie geht es Pedro gerade?
Pedro ist in einer Klinik, die darauf spezialisiert ist, Menschen wieder zum selbstständigen Atmen zu bringen. In den ersten beiden Wochen ging es in der Uniklinik überhaupt nur darum, ihn am Leben zu erhalten. Danach verzögerte sich vieles, weil er keine rechtliche Betreuung hatte – das wurde zusätzlich vor allem seiner Mutter sehr schwer gemacht. In der jetzigen Klinik in Solingen geht es ihm inzwischen deutlich besser: Sein rechtes Auge reagiert wieder minimal, und er konnte versuchsweise und punktuell schon selbstständig atmen – wenn auch nur ganz kurz und nicht durchgehend.
Wie ist es zu dieser Situation gekommen? Zunächst war Pedro ja mit Freund:innen bei sich, am Ende lag er im Krankenwagen.
Vor allem den entscheidenden Moment der Übergabe können wir schildern: Pedro kam unten bereits grau an – noch immer in Bauchlage fixiert und mit einer Spuckmaske. Erst dann fiel überhaupt auf, dass er möglicherweise medizinische Hilfe brauchte, und es hieß, er sei reanimationspflichtig. Das geschah wirklich sehr spät.
Polizeieinsatz in Köln: Anwalt widerspricht Polizei nach bleibenden Gehirnschäden
Wir wissen nicht, wie lange er bis dahin schon unter Sauerstoffmangel stand. Danach dauerte es noch einmal rund zwei Minuten, bis die Fixierung gelöst war, weil zunächst die Schlüssel gesucht werden mussten. Schon allein das ist in Kombination mit der Fixierung lebensgefährlich.
Mittlerweile gibt es verschiedene Aussagen des Anwalts sowie der Polizei und Staatsanwaltschaft dazu, wie der Polizeieinsatz abgelaufen sein soll. Die Staatsanwaltschaft Köln spricht beispielsweise von aggressivem, stark fremdgefährdendem Verhalten durch Pedro. Wie haben die anwesenden Freund:innen Pedro wahrgenommen, bis die Polizei sie aus seiner Wohnung verwiesen hat?
Wir fanden es wirklich heftig, wie das Narrativ der Polizei dazu geführt hat, dass Pedro auf zweifache Weise seine Mündigkeit abgesprochen wurde und das Bild eines völlig gefährlichen Menschen entstanden ist. Da wirkt das Stereotyp des verrückt gewordenen, fremdaggressiven Psychotikers. Tatsächlich war Pedro aber in jedem Zustand, ob glücklich oder traurig, immer höflich. Wir alle haben uns gefragt, wie diese Darstellung überhaupt zustande kommen konnte – und waren fassungslos, als wir gehört haben, dass es durch dieses aus der Tür Schubsen zum „Psych-KG“ gekommen sein soll.
Laut dem Polizeibericht soll Pedro auch unter dem Einfluss illegaler Drogen gestanden haben. Wie bewertet ihr diese Darstellung seitens der Polizei?
Hier wirkt das zweite Stereotyp, das des Junkies. Das ist ohnehin hochproblematisch und trifft in Pedros Fall schlicht nicht zu. Im Bericht der Uniklinik stehen die wildesten Dinge, etwa dass er Heroin konsumiert habe. Das Drogenscreening gibt nichts davon her. Einen gültigen Bestätigungstest hat es dementsprechend nicht gegeben.
Aus dem Bericht der Uniklinik geht hervor, dass Pedro nasal Benzodiazepine verabreicht wurden – was zu Atemdepressionen führen kann. Wie ordnet ihr das ein?
Im Bericht der Uniklinik steht, dass die Notärztin nasal Midazolam verabreicht hat. Nach unserem Verständnis der Packungsbeilage ist es absolut kontraindiziert, insbesondere bei einer Fixierung und in Kombination mit den Medikamenten, die Pedro im Alltag einnimmt.
Er hatte der Ärztin wahrheitsgemäß alle seine Medikamente gezeigt, sie muss also davon gewusst haben. In dieser Kombination besteht eine ausdrückliche Warnung. Das Problem ist, dass das aus unserer Sicht von Polizei und Staatsanwaltschaft gar nicht geprüft wurde. Wir haben bisher keine Akteneinsicht und wissen vieles nicht, weil uns nichts mitgeteilt wird. Gleichzeitig wissen wir aber bereits, dass Medikamente verabreicht und Maßnahmen wie Fixierung und Spuckmaske angewendet wurden, die solche Kontraindikationen haben.
Das alles muss von Menschen abgeklärt werden, die fachlich davon Ahnung haben – und auch das müssen wir als Angehörige privat organisieren. Wir sind keine Pharmazeut:innen, keine Gerichtsmediziner:innen, nichts dergleichen, und trotzdem liegt es jetzt an uns, das aufzuarbeiten und nachzurecherchieren.
Sind im Fall Pedros mittlerweile Ermittlungen gegen die anwesenden Polizist:innen eingeleitet worden?
Der letzte Stand ist, dass es keine Ermittlungen gibt. Die Staatsanwaltschaft hat geprüft und sieht keinen Anfangsverdacht – weder für überzogene Polizeigewalt noch für strukturellen Rassismus. Der Anwalt hat kritisiert, dass sich struktureller Rassismus ohnehin nicht über Bodycam-Aufnahmen belegen lasse.
Das eine ist das Juristische, das man nachweisen kann – und gerade hier ist es bemerkenswert: Die Hürden für einen Anfangsverdacht sind eigentlich sehr niedrig. Trotzdem wurden nicht einmal die Zeug:innen befragt. Zu dem Zeitpunkt, als die Staatsanwaltschaft den Fall an die Presse gab – übrigens noch bevor sie die Angehörigen und Freund:innen informierte, die den „Ermittlungsstand“ so aus der Presse erfahren mussten –, waren weder die Mutter noch die anwesenden Freund:innen, noch der Partner befragt worden. Ohne Ermittlungen gibt es keine Akteneinsicht, und so kann man niemals erfahren, was wirklich passiert ist.
Wie bewertet ihr das Verhalten der anwesenden Rettungskräfte, die die Polizei hinzugezogen haben?
Wir erleben es ziemlich häufig, dass Rettungskräfte die Polizei hinzuziehen. Wenn man mit ihnen spricht, bestätigen sie, dass sie regelmäßig mit der Polizei zu tun haben und zusammenarbeiten. Die Vergangenheit hat aber gezeigt, dass das sehr oft tödlich endet oder zumindest zu schweren Verletzungen führt. Das Grundproblem ist, dass es kaum Alternativen gibt – also Menschen, die statt der Polizei in psychischen Krisen helfen könnten. Man muss deshalb wirklich eine Warnung aussprechen: Es geht oft um einen einzigen Moment einer falschen Entscheidung, und man sieht jetzt in Pedros Fall erneut, wohin das führt.
Hinzu kommt: Eigentlich müssten Ärzt:innen für das Wohlergehen sorgen. Stattdessen führt praktisch jeder Polizeieinsatz dazu, dass Menschen, die medizinische Hilfe bräuchten, das Vertrauen in das System verlieren. Mit jedem Einsatz wird es schlimmer, das prägt nachhaltig. Im Rahmen meiner Arbeit erlebe ich Menschen, die nach vielen schlechten Erfahrungen mit Polizeieinsätzen und Zwangsmaßnahmen gar kein Vertrauen mehr haben und sich irgendwann nicht mehr helfen lassen.
Es gibt da eine echte Leerstelle im System: Häufig bleibt nur die Wahl zwischen „gar nichts tun“ und „die Polizei rufen“. Für Betroffene und Angehörige heißt das, sich immer fragen zu müssen, ob ein Polizeieinsatz ohne negative Folgen bleibt – oder ob man dieses Risiko lieber nicht eingeht und es dann eben keine Hilfe von staatlicher Seite gibt. Um angemessene Hilfe zu bekommen, braucht man fast schon ein sehr solides Netzwerk, das vielleicht selbst in dem Bereich arbeitet. Polizei und Ärzt:innen kommen oft gar nicht auf die Idee, angemessene Hilfen bereitzustellen oder anzufordern, etwa im Rahmen des Bundesteilhabegesetzes.
Dabei gibt es durchaus Zwischenwege. Ich arbeite zum Beispiel im Betreuten Wohnen und wir betreuen auch Klient:innen mit psychotischen Krankheitsbildern. Schon, dass wir einmal pro Woche da sind und einschätzen können, wie es jemandem geht, hilft. Oft erfahren Klient:innen aber nur zufällig, dass es so ein Angebot überhaupt gibt – das kann eigentlich nicht sein. Gerade bei psychischen Erkrankungen ist es eine Frage der Versorgungslage: Man müsste eingreifen und eine Versorgung herstellen, bevor es überhaupt zu solchen Situationen kommt, statt sich auf eng begrenzte Notfallprogramme zu verlassen, die viel zu oft in einer falschen Lösung enden. In Pedros Fall ging es ja nur darum, ihm zu helfen – er war in seiner Wohnung, von Randalieren keine Rede.
Seit Pedros Fall sind weitere Fälle von Polizeigewalt bekannt geworden – unter anderem ein besonders schockierendes Video, in dem ein Mann in Dublin erstickt wird, und ein tödlich endender Fall in Baden-Württemberg. Wo seht ihr Parallelen?
In der Berichterstattung gab es unglaubliche Parallelen. In allen drei Fällen ist laut Presseberichten jemand aggressiv geworden, war kaum zu bändigen und musste fixiert werden – und dann, plötzlich, wurde die Person reanimationspflichtig. In zwei der drei Fälle, in Pedros Fall und im Fall in Dublin, hat sich herausgestellt, dass die Dinge eben nicht so einfach waren. In Dublin gab es zum Glück ein Video, weshalb es dort jetzt eine große Aufklärungskampagne gibt. Das funktioniert aber nur, wenn es Videos gibt.
Es ist also auch eine Frage der Öffentlichkeit. Man sieht immer wieder, dass Staat und bürgerliche Presse direkt Partei ergreifen, während eine Öffentlichkeit, die unabhängige Aufklärung möglich macht, von staatlicher Seite gerade nicht hergestellt wird. Teilweise wird sogar die Aussage der potenziellen Täter wortwörtlich übernommen und veröffentlicht – ich weiß nicht, wie das sein kann.
Das Thema Polizeigewalt wird heute immerhin in der Öffentlichkeit diskutiert. Was denkt ihr, wie kommt das?
Es gibt heute unglaublich viele Solidaritätskreise; fast an jedem zweiten Tag gibt es inzwischen einen Gedenktag. Immerhin sorgt das dafür, dass diese Todesfälle und auch die Gefährlichkeit mancher Polizeieinsätze in der breiten Bevölkerung mehr Aufmerksamkeit bekommen. Das reicht noch lange nicht – es gab Prozesse gegen Polizist:innen, die wieder mit Freisprüchen endeten –, aber das Thema steht heute ganz anders in der Diskussion als vor zehn Jahren.
Ich glaube, dass die Bewegung rund um Black Lives Matter hier vieles stärker ins Bewusstsein gebracht hat, auch weil viele Betroffene selbst aktiv geworden sind. Manche Menschen sind ganz allein und haben keine Kontakte; trotzdem fangen sie an, selbst zu recherchieren, wenn sie davon lesen. Und wenn es Freund:innen oder Verwandte gibt, sagen die sofort: Das ist nicht normal, das ist nicht okay. Denn es gibt ja immer noch die Tendenz zu denken, die Polizei werde das schon richtig gemacht haben. Dieses neue Bewusstsein, das in Frage zu stellen, ist eigentlich der erste Schritt.
Zugleich gibt es eine bittere Hierarchie der Aufmerksamkeit. Bei manchen Betroffenen reicht schon ein Koma für einen großen öffentlichen Aufschrei, während es etwa bei einer Psychose oder bei Schwarzen Menschen erst zu drastischen Todesfällen kommen muss, damit überhaupt Aufmerksamkeit entsteht. Das finde ich heftig und ehrlich gesagt widerlich. Hier wirkt struktureller Rassismus nicht nur in der Frage, wem so etwas passiert, sondern auch darin, ob es unserer Öffentlichkeit überhaupt eine Berichterstattung wert ist. Dazu kommen die Diskriminierung von Drogenkonsument:innen und die Diskriminierung psychisch kranker Menschen, besonders von Menschen mit Psychosen.
Wie ist die Arbeit für Pedro für euch?
Ich habe mit jemandem aus einer anderen Initiative darüber gesprochen: Es ist eine furchtbare Situation. Man hilft sich zwar gegenseitig sehr viel, aber zugleich buhlt man um Aufmerksamkeit – für tote und halbtote Freund:innen muss man sich enorm anstrengen. Das ganze Leben dreht sich nur noch darum.
Unser Gesundheitssystem und unsere soziale Versorgung werden massiv zusammengekürzt. Die Psychotherapeut:innen sind gerade auf der Straße, und es gibt die Kampagne „Nicht auf unserem Rücken“ und anderer Sozialverbände, die sagen: Ausgerechnet jetzt, wo wir merken, dass die Versorgungslage nicht ausreicht und Fälle immer wieder schrecklich enden, wird weiter gekürzt. Wie bewertet ihr diese Kürzungen vor dem Hintergrund solcher Fälle?
Wohin das Geld stattdessen fließt, ist ziemlich offensichtlich: in Aufrüstung und in Überwachung und angebliche Sicherheit, weil die Polizei auf solche Situationen mit Tasern, Waffen und Gewalt antwortet. Dazu passt, dass Menschen in psychischen Krisen pauschal als gefährlich gebrandmarkt werden. Bei der Polizei geht es immer um Eigensicherung – das ist gewissermaßen das oberste Mantra. Und gleichzeitig lernen die Einsatzkräfte nicht, wie man mit solchen Situationen umgeht. Das Ergebnis sehen wir jetzt bei Pedro wieder.
„Jetzt ist der richtige Moment, um auf die Straßen zu gehen!“
Dieses Ergebnis dient dann wiederum als Begründung: Man sagt, die Polizist:innen seien gefährdet und müssten sich unkontrollierbaren Gefahren aussetzen, deshalb müsse man sie „heftiger“ ausstatten – also tödlicher, mit mehr Waffen und Befugnissen, die für die Betroffenen so enden. Hinzu kommt ein gesellschaftlicher Umschwung: Eine zunehmend mächtige AfD bringt eine Menschenfeindlichkeit mit sich, die Menschen das Recht auf Leben abspricht. Die Gewaltenteilung verschwimmt zusehends, und dass die Polizei keine strafende Instanz ist, rückt immer weiter in den Hintergrund. Das macht mir Sorgen.
Eigentlich sollten wir uns als Gesellschaft daran orientieren, was den Menschen nützt. Selbst in einer profitorientierten Logik wäre es vorrangig, Menschen so zu versorgen, dass sie teilhaben und beitragen können, statt mit Kontrolle und Gewalt zu reagieren – denn falsch gemacht bedeutet das für vulnerable Gruppen nur noch mehr Trauma, und damit wird alles schlimmer. Stattdessen soll es bei der Eingliederungshilfe für psychisch und suchtkranke Menschen massive Kürzungen geben. So soll etwa die bundesweit größte Suchtklinik für Jugendliche in Niedersachsen geschlossen werden. Wenn wir Kliniken schließen und die Versorgung vor Ort mindern, kürzen wir genau dort, wo wir es brauchen, um Menschen koordiniert zu betreuen, bevor sie in solche Situationen geraten.
Wie wollt ihr weiter kämpfen, was steht als Nächstes an, und wie kann man euch unterstützen?
Mein Ziel ist es, all jene, die offen für eine kritische Sicht sind, an die grundlegenden Probleme unseres Systems heranzuführen. Viele – sogar die engsten Bezugspersonen von Pedro – hätten nie gedacht, dass so etwas in Deutschland möglich ist. Das ist keine böse Absicht, sondern eine Bildungslücke, und genau hier wollen wir Aufklärung schaffen.
Zuerst muss klar werden, was wirklich passiert ist, und es muss Verantwortung übernommen werden, denn bisher wird alles zurückgewiesen. Auch für die Mutter, die Familie, die Angehörigen und Freund:innen muss klar werden, was geschehen ist. Es ist kein Einzelfall, und das muss deutlich werden. Wir wollen, dass sich die Solidaritätskreise und die betroffenen Menschen weiter gegenseitig unterstützen und dass die Erkenntnis wächst: So etwas kann passieren, es ist kein Einzelfall, und die Betroffenen haben nichts falsch gemacht – die Polizei hat es. Es geht um eine fallübergreifende Solidarität, weil sich unabhängig von der konkreten Situation immer wieder dieselbe Tendenz zeigt: dass Betroffene durch die Polizei unter die Räder kommen.
*Name von der Redaktion geändert. Der Redaktion ist der echte Name bekannt.

