50 Jahre Soweto-Aufstand: Wie die Jugend in Südafrika gegen Apartheid kämpfte

Am 16. Juni 1976 begann in Soweto der Aufstand von zehntausenden Jugendlichen gegen die rassistische Bildungspolitik in Südafrika. Die Proteste wurden von der Polizei brutal niedergeschlagen, läuteten aber den Beginn einer neuen Welle des Widerstands gegen das Apartheid-Regime ein.

Als am Morgen des 16. Juni 1976 Zehntausende Schüler:innen durch die Straßen des Johannesburger Township Soweto marschierten, protestierten sie gegen eine neue Sprachregelung der Regierung. In den 1970er Jahren wurde ein großer Teil des Unterrichts in Südafrika umgestellt und sollte auf Afrikaans stattfinden – also in der Sprache der niederländischen Siedler:innen in Südafrika. Ab 1975 fanden Abschlussprüfungen nur noch auf Englisch und Afrikaans statt, nicht mehr aber in den Muttersprachen der schwarzen Jugendlichen. Da diese jedoch zuvor jahrelang noch in ihren Muttersprachen unterrichtet worden waren, kam die neue Sprachregelung de facto einem Ausschluss von den Prüfungen gleich.

Bereits das ganze Jahr 1976 über war es zu Protesten schwarzer Schüler:innen gekommen. Als im Mai 1976 in einer Schule in Soweto die Polizei zur Hilfe gegen protestierende Schüler:innen gerufen wurde, entwickelte sich ein Unterrichtsboykott, der sich auf das ganze Land ausweitete. Im Zuge dessen organisierten sich die Schüler:innen Sowetos in einem Schüler:innenrat und bereiteten den Protestmarsch am 16. Juni vor.

Die Antwort des Staates war brutale Gewalt. Die Polizei eröffnete das Feuer auf die Demonstrierenden. Das Bild des erschossenen 13-jährigen Hector Pieterson, dessen lebloser Körper von einem Mitschüler getragen wird, ging um die Welt und wurde zu einem Symbol der Apartheidverbrechen. Die Proteste griffen auch auf andere Townships über und dauerten bis 1978 an. 451 Demonstrierende wurden durch die Polizei ermordet, Tausende verletzt und festgenommen.

Apartheid als System der Klassenherrschaft

Die Apartheid wird häufig vor allem als rassistisches Herrschaftssystem beschrieben. Das war sie zweifellos. Doch die rassistische Unterdrückung erfüllte zugleich eine ökonomische Funktion. Seit dem Beginn der Industrialisierung Südafrikas hatten Bergbaukonzerne, Großgrundbesitzer und Industrieunternehmen von billigen schwarzen Arbeitskräften profitiert. Schwarze wurden mit dem Mines and Works Act 1911 verpflichtet, nur niedrige Arbeiten zu verrichten.

Das Apartheidsystem sorgte so dafür, dass Millionen Schwarze von politischer Mitsprache ausgeschlossen blieben, nur eingeschränkte Bewegungsfreiheit besaßen und in abgesonderten Wohngebieten leben mussten. Die sogenannten Townships wie Soweto (eine Abkürzung für South West Township) waren keine zufälligen Siedlungen. Sie dienten dazu, Arbeitskräfte in der Nähe der Industriezentren bereitzuhalten, während ihnen gleichzeitig grundlegende Rechte verweigert wurden.

Die Schulen der schwarzen Bevölkerung waren bewusst unterfinanziert. Bereits in den 1950er Jahren hatte die Regierung mit dem Bantu Education Act erklärt, Schwarze müssten lediglich für einfache Tätigkeiten ausgebildet werden, und den schwarzen Jugendlichen so den Zugang zu höherer Bildung verwehrt. Die Jugendlichen von Soweto rebellierten deshalb nicht nur gegen Afrikaans im Unterricht, sondern gegen ein Bildungssystem, das sie auf ein Leben als billige Arbeitskräfte vorbereiten sollte.

Der Aufstand zeigte die enge Verbindung zwischen rassistischer Unterdrückung und ökonomischer Ausbeutung. Viele der Jugendlichen stammten aus Arbeiter:innenfamilien. Ihre Eltern arbeiteten in Minen, Fabriken oder im Dienstleistungssektor unter harten Bedingungen und für niedrige Löhne. Die Wut der Schüler:innen spiegelte die Unzufriedenheit ganzer Townships wider.

In den Jahren nach 1976 weitete sich der Widerstand aus. Streiks, Proteste und politische Organisierung nahmen zu. Der Aufstand trug dazu bei, eine neue Generation von Aktivist:innen hervorzubringen und die internationale Isolation des Apartheidregimes zu verstärken. Die Herrschenden konnten die Kontrolle zwar noch für einige Jahre aufrechterhalten, doch ihre Legitimität war nachhaltig erschüttert.

Bildungssystem Deutschland: Die Sortiermaschine tickt genau wie geplant

Freiheit ohne soziale Revolution?

Mit dem Ende der Apartheid in den frühen 1990er Jahren wurden die formalen Grundlagen der rassistischen Herrschaft beseitigt. Die Wahl von Nelson Mandela zum Präsidenten 1994 markierte einen historischen Sieg der Befreiungsbewegung.

Doch viele der sozialen Probleme, gegen die die Jugendlichen von Soweto indirekt protestierten, bestehen bis heute fort. Südafrika zählt weiterhin zu den Ländern mit der größten sozialen Ungleichheit weltweit. Während die wenigen Kapitalist:innen über enormen Reichtum verfügen, leben Millionen Menschen in Armut.

Zwar wurden politische Rechte erkämpft und die gesetzliche Rassentrennung abgeschafft. Die Eigentumsverhältnisse in Wirtschaft und Industrie blieben jedoch weitgehend unangetastet. Große Konzerne und Finanzgruppen behielten ihre wirtschaftliche Macht. Für viele Arbeiter:innen bedeutete das Ende der Apartheid deshalb nicht automatisch das Ende der Ausbeutung.

Der Soweto-Aufstand erinnert deshalb nicht nur an den Kampf gegen rassistische Unterdrückung. Die Jugendlichen von 1976 kämpften für Würde, Bildung und Selbstbestimmung. Ihre Rebellion war Teil eines umfassenderen Widerstands gegen ein System, das Menschen aufgrund ihrer Herkunft entrechtete und gleichzeitig ihre Arbeitskraft ausbeutete. Fünfzig Jahre später bleibt ihr Vermächtnis aktuell – denn der Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung endet nicht mit der Abschaffung diskriminierender Gesetze.

Perspektive Online
Perspektive Onlinehttp://www.perspektive-online.net
Hier berichtet die Perspektive-Redaktion aktuell und unabhängig

MEHR LESEN

PERSPEKTIVE ONLINE
DIREKT AUF DEIN HANDY!