Faschist:innen entfachten vergangene Woche gewaltsame, rassistische Proteste in der nordirischen Hauptstadt Belfast. Hintergrund war ein Messerangriff, welchen sie als Anlass für Anschläge auf Migrant:innen nahmen. Ausgehend von Nachbarschaften kam es am Wochenende zu großen Gegenprotesten. – Ein Kommentar von Dalia Ali.
In Brand gesteckte Wohnhäuser, antimuslimische Parolen und England-Fahnen: Diese pogromartigen Szenen aus Belfast in Nordirland kursierten vergangene Woche in den sozialen Kanälen sowie diversen Medienberichten. Doch was genau ist vorgefallen?
Am Montagabend wurde ein Video verbreitet, dass ein Messerangriff zeigt. Dabei stach ein 30-jähriger Mann auf sein Opfer, einen weiteren Mann, brutal ein und verletzte ihn an Rücken, Gesicht und Augen. Daraufhin setze sich der Angreifer auf den blutüberströmten Mann und traktierte ihn mit dem Messer, bis sich Außenstehende trauten, den Angreifer herunterzureißen.
Die Tat fand im Norden Belfasts in einer überwiegend katholisch-nationalistischen Wohngegend statt. Bereits ein Tag später wurde der Täter gefangen genommen. Am Mittwoch stand er unter anderem wegen versuchten Mordes sowie Morddrohungen vor Gericht und muss sich seinen Taten verantworten.
Rechte Hetze im Netz
Bereits am Dienstagmorgen, als die Festnahme des mutmaßlichen Täters bereits bekannt war, veröffentlichten Rechte bis Faschist:innen Listen mit Treffpunkten und -zeiten für Demonstrationen. Mit Sprüchen wie „Enough is Enough!“ (dt. „Genug ist genug!“) oder „No Excuses“ (dt. „Keine Ausreden“) mobilisierten sie für ihren Protest und verbreiteten rassistische Narrative.
Sie stützen sich dabei auf die somalische Herkunft und schwarze Hautfarbe des mutmaßlichen Täters als Indikatoren für sein Verhalten. In US-amerikanischer Manier wird er als „Alien“ bezeichnet, welches illegal eingewandert sei. Der Somalier ist 2023 nach Nordirland gekommen und hat eine gültige Aufenthaltserlaubnis bis 2028. Zudem wird ein Narrativ von einer „Kolonialisierung“ Großbritanniens verbreitet.
Zu den Initiatoren und Verbreitern der rechten Agitation zählt Tommy Robinson, ein bekannter faschistischer Aktivist und Mitbegründer der antimuslimischen Organisation English Defence League (EDL). Robinson rief zu den Demonstrationen auf und teilte sie auf Twitter. Auch der welterste Billionär Elon Musk, welcher in den letzten Jahren seine faschistischen Weltansichten vermehrt teilte, ermutigte die Protestierenden auf Twitter: „Nur wenn wir mehrfach und laut protestieren, wird sich etwas ändern“.
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Gezielte Angriffe auf Migrant:innen
Gegen 19 Uhr am Dienstag versammelten sich mehrere Hundert Menschen in Belfast. Die Versammlung am Anfang gemischt. Auf ihr befanden sich vermeintlich friedliche Protestierende, die rassistischen Parolen riefen. Darunter islamfeindliche Aussagen und rassistische Forderungen nach Remigration. Außerdem befanden sich auch Maskierte und Vermummte in der Menge. Letztere waren auch diejenigen, die später Anschläge verübten.
Die Angreifer gingen gezielt auf Wohnhäuser zu, in denen migrantische Familien wohnen, und steckten sie in Brand. In Videos ist zu sehen, wie Vermummte Wohnungstüren eintreten und Fenster einschlagen. Busse, Fahrzeuge und weitere Gegenstände im Umkreis wurden angezündet. Der nordirische Feuer- und Rettungsdienst berichtet von 62 Vorfällen, bei denen unter anderem Familien aus den brennenden Wohnungen gerettet werden mussten.
Für die faschistischen Angreifer war dabei nicht relevant, wie lang die Familien bereits in Nordirland lebten. Ein Pastor berichtet davon, dass schwarze Familien, welche nun seit 20 Jahren in der Gemeinde leben, aus ihren Häusern vertrieben wurden und ebenfalls angegriffen wurden.
Proteste weiteten sich aus
In weiteren Städten in England riefen Faschist:innen ebenfalls zu Demonstrationen auf und schlossen sich den Angriffen von Belfast an. Am Samstag organisierte die Gruppe Raise the Colours unter dem Titel „Bewegung für Einheit und Patriotismus“ eine Demonstration in Sheffield. Es kam zu Ausschreitungen und fünf Demonstrant:innen wurden festgenommen. Unter anderem wegen Angriffen auf Rettungskräfte.
In Brighton traf die Demonstration, ausgerufen von der faschistischen Gruppe South East Patriots, auf eine antifaschistische Gegendemonstration. Das „Carnival against Fascism“ übertrumpfte mit rund 4000 Teilnehmer:innen die Versammlung der Faschist:innen, woran 300 Menschen teilnahmen.
Es kam zu Ausschreitungen und Verhaftungen, überwiegend auf Seite der Faschist:innen. Diese hielten auch die Nationalflagge Englands, „St. Georg Flagge“, um rassistische Einheit des Besatzerstaates Englands mit auf die Straße zu tragen und den irischen Befreiungskampf zu delegitimieren.
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Antifaschistische Gegendemonstrationen
Als Antwort auf die Anschläge und rassistische Gewalt folgte in Belfast auch eine solidarische, antifaschistische Antwort aus den betroffenen Nachbarschaften bis in die ganze Stadt. Unter dem Motto „Vereint gegen Hass“ versammelten sich über 20.000 Menschen am Samstag auf den Straßen Belfasts zu einer Demonstration.
Banner mit Sprüchen wie „Flüchtlinge sind Willkommen“ und „Schlagt zurück gegen Rassismus“ sowie Sprechchöre zeigten die solidarische Einstellung, welche den hasserfüllten Angriffen gegenübersteht. Hinter der Aktion steht die Gruppe United Against Racism (dt. Vereint gegen Rassismus), welche auch weitere Proteste organisierte. So auch in der irischen Hauptstadt Dublin.
Ivanka Antova, Vorsitzende der lokalen Gruppe in Belfast, betonte in ihrer Rede, dass Rassismus kein Platz in dieser Stadt habe. „Die Welt schaute verängstigt nach Belfast“, sagte sie. Auch Vertreter: innen von lokalen Gewerkschaften sowie Parteien hielten Reden, in denen sie die Angriffe verurteilen und für ein solidarisches Miteinander aufriefen.
Solidarische Nachbarschaften
Auch in den Nachbarschaften, welche von den Angriffen betroffen waren, organisierten und vernetzten sich die Nachbar:innen untereinander. So verteilten sie Zettel an migrantische Familien, in denen sie sich vorstellten und Hilfe sowie Schutz anboten, falls eine Gefahr bestehe.
Es kam auch Nachbarschaftsstreifen, die in potenziell betroffenen Gegenden tagsüber und nachts patroullierten. Unter anderem unterstützt die sozialistische Organisation Lasair Dhearg die kollektive Antwort und kündigt an, selber Teil dieser Antwort sein zu wollen.
Nachbarschaftliche Selbstorganisation ist kein neues Konzept, sondern eine altbewährte Methode, um gegen gewaltvolle Angriffe, aber auch für Selbstbestimmung innerhalb der Viertel zu kämpfen. Insbesondere im vergangenen Jahr ist dieses Konzept als Protest- und Kampfform gegen die Übergriffe von ICE in den USA aufgeflammt.
Dabei wurden Nachbarschaftsinitiativen gegründet, welche konkrete Methoden zum Schutz gegen die „ICE-Raids“ ausarbeiteten. Nachbarschaftspatrouillen, wie sie in Belfast nun umgesetzt werden, waren dabei eine gängige Antwort auf die Angriffe.
Faschismus und Rassismus sind die Auslöser!
Während also vernetzte Faschist:innen weltweit die den Messerangriff für ihre ideologische Propaganda nutzen, übernehmen Medienberichte dieses Narrativ. Bei den Berichten über die Gewalt in Belfast wird überdurchschnittlich oft die Herkunft des Täters benannt, während jegliche Information über das Opfer geheim bleibt.
Der Messerangriff wird als Ursprung und Erklärung für die rassistische Antwort genutzt. Dass die pogromartigen Proteste als Reaktion auf die Tat folgten, ist nicht falsch. Jedoch ist das eine kurzsichtige Analyse.
Der Angriff war nicht Auslöser, vielmehr hat er einen Grund gegeben, die eigenen rassistischen Gewaltfantasien auszuleben. Das zeigen etwa die faschistischen Netzwerke und Akteur:innen, welche innerhalb von Stunden großflächig zu den Protesten aufriefen. Das loyalistische Paramilitär, welches die Angriffe zum Teil verübte, die faschistischen Gruppen, die zu weiteren Demonstrationen aufriefen, und die aktuelle Abschottungspolitik europaweit, welche zunehmend rassistischer und menschenverachtender wird.
Auch die Historie zeigt: nicht zum ersten Mal sorgt rassistische Hetze, die vor allem über soziale Medien verbreitet wird, für landesweite Pogrome. Im August 2024 wurden Falschinformationen über einen Messerangriff im englischen Southport massenhaft geteilt. In den folgenden Tagen kam es in ganz Großbritannien und Nordirland zu angeheizten Protesten und Ausschreitungen, die in faschistischen Pogromen mündeten. Zentraler Akteur auch da: die EDL und faschistische Kader anderer Organisationen.
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Beim Sprechen über die Taten von Belfast, muss auch darüber geredet werden, dass faschistische Agitator:innen sie als „Beweis“ für den Anstieg an kriminellen Übergriffen und Angriffe durch Migrant:innen nutzen. Dabei ist Nordirlands Kriminalrate vergangen Jahr um 3,3 Prozent gesunken und erreichte damit den niedrigsten Stand seit 1998. Einen besonderen Rückgang gab es dabei in Gewaltdelikten. Währenddessen sind rassistische Vorfälle sowie Verbrechen, welche durch rassistische Ansichten motiviert wurden, seit Beginn der Aufzeichnung 2004 auf einem Höchststand.
Dies beweist, dass die Vorstellung von „gewaltvollen Migrant:innen“, welche ungestraft Verbrechen begehen würden, eben nichts weiter als eine Wahnvorstellung ist. Statt auf rassistische Narrative als Erklärung spielen die Lebensumstände im Kapitalismus die entscheidende Rolle. Armut, Migration, soziale Prekarität und viele andere, sozial-gesellschaftliche Faktoren erklären, warum die sozial schwächsten Gruppen, wie Migrant: innen, öfter in Konflikt mit dem Gesetz geraten.

