Auf etlichen Videos in den sozialen Medien sind Frauen zu sehen, die ohne ihr Einverständnis in intimen Momenten gefilmt werden. Der Skandal um die sogenannten Smart Glasses wirft die Frage auf, wo Frauen sich überhaupt noch sicher fühlen können. Und er zeigt, wie weit die Massenüberwachung durch große Tech-Monopole bereits vorangeschritten ist. – Ein Kommentar von Tabea Karlo.
Strahlender Sonnenschein, blaues Meer und eine junge Frau, die im Bikini einen goldfarbenen Strand entlangläuft. Im Hintergrund des Videos ist die Stimme eines Mannes zu hören, der Sie grüßt. In der ersten Sekunde wirkt es wie eine harmlose Aufnahme eines Pärchens, kurze Zeit später kippt die Stimmung im Video. Es wird klar: Die beiden kennen sich nicht. Obwohl sie sich sichtlich unwohl fühlt, bewegt sich der Kameramann immer weiter auf sie zu. Er redet kontinuierlich auf sie ein. Die Frau weicht zurück, irgendwann bricht das Video ab.
Später wird der Mann das Video auf Instagram hochladen. Die Frau hat keine Kenntnis darüber, dass sie gefilmt wurde. Videos wie dieses finden sich zu Tausenden im Netz – Männer, die Frauen belästigen und das Ganze aufnehmen. Und das unbemerkt mit ihrer Brille, den sogenannten Meta-Glasses.
„Designed for privacy, controlled by you“: Mit diesem Slogan bewarben Meta und Ray-Ban ihre Smart Glasses mit integrierter KI, Kamera und Lautsprechern. Neben Musikwiedergabe, Telefonieren und Übersetzung ermöglicht sie eben auch quasi unbemerktes, freihändiges Fotografieren und Filmen. Von dem Versprechen von Privatsphäre und Kontrolle ist ein Jahr nach dem Launch nicht viel geblieben.
In den USA sieht sich der Milliardenkonzern bereits mit einer Sammelklage konfrontiert. In Deutschland selbst sind die Kamerabrillen von Meta grundsätzlich erlaubt – doch juristische Stimmen weisen darauf hin, dass die deutsche Rechtsprechung zu schwammig sei, um dem Problem gerecht werden zu können. Unter anderem, weil Fälle von unerlaubten Filmen nicht konsequent verfolgt werden oder weil unklar ist, ob das Filmen einer Frau im Bikini schon auf „sexuell bestimmter Weise“ erfolgt und damit strafbar wäre.
So oder so ist klar: Den gefilmten Frauen wird das Recht weggenommen, selbst zu entscheiden, ob sie gefilmt werden wollen. An dieser Stelle spielen natürlich die einzelnen Männer, die die Aufnahmen tätigen, eine Rolle. Sie sind es, die sich das Recht rauszunehmen, ganz ungefragt tief in die Privatsphäre einer Frau einzugreifen. Damit machen sie Millionen von Klicks in den sozialen Medien und stoßen auf ein junges, sensationsgeiles Publikum, welches im schlimmsten Fall selbst dieses übergriffige Verhalten übernimmt und normalisiert. Doch gleichzeitig profitieren große Konzerne von genau diesen patriarchalen Auswüchsen und reproduzieren diese.
Intime Aufnahmen landen im Großraumbüro – auf Protest folgen Massenentlassungen
Der Slogan der Smart Glasses von Meta ist nicht nur wegen der veröffentlichten Privataufnahmen absurd. Denn selbst wenn Nutzer:innen die Bilder nicht veröffentlichen, privat sind sie in der Regel trotzdem nicht. Laut Recherchen der schwedischen Zeitungen Svenska Dagbladet und Göteborgs-Posten landet ein Großteil der Bilder bei Dienstleistern wie Sama. Sama ist selbst ein US-Konzern, der in Ländern wie Kenia, Uganda oder Costa Rica Standorte aufbaut. Hier arbeiten dann Menschen an der Moderation von Inhalten und der Datenannotation. Letzteres bedeutet: Sie schulen die KI, indem Bilder mit Meta-Daten darüber versehen werden, was auf den Aufnahmen zu sehen ist.
Bei Sama landeten, zumindest in der Vergangenheit, die Bilder der Meta-Brillen. Neben unerlaubt aufgenommenen Videos von Fremden fanden sich auf den Bildschirmen der Mitarbeiter:innen auch Aufnahmen von Toilettengängen, beim Sex und in vielen anderen intimen Situationen. Aufnahmen, von denen den Nutzer:innen in der Regel nicht bewusst war, dass sie weitergeleitet werden. Das leakten vor wenigen Monaten rund 30 Mitarbeiter:innen des Konzerns Sama.
Nach dem Leak der Mitarbeiter:innen von Sama kündigte Meta einfach den Vertrag mit dem Unternehmen. Als Folge davon wurden 1000 Mitarbeiter:innen in Kenia entlassen. Die Datenannotation und somit auch das Weiterleiten privater Bilder an einen Konzern, der sie verwertet, finden mit Sicherheit trotzdem statt. Meta braucht das, um seine KI zu trainieren.
Die Tatsache, dass die Mitarbeiter:innen des Unternehmens sich monatelang durch ihre Arbeit gezwungen waren, sich private, teils pornografische und gegen ihren Willen erzeugte Aufnahmen anzusehen, spielt keine Rolle. Die Arbeiter:innen zahlen nun für die „Fehler“ des Monopolkonzerns.
Unsere Daten werden zur Ware: Der Sammelwahn von Meta und Co.
Hier entsteht eine riesige Kluft zwischen der heilen Welt, die durch die Werbebilder der Smart Glasses impliziert wird, und der bitteren Realität. Wer Meta-Werbeclips schaut, der denkt an Fotos von Freund:innen, die bei einer Feier aufgenommen werden, oder an einen golden leuchtenden Sonnenuntergang am Strand. In der eigenen Vorstellung bleiben diese Bilder privat, maximal schaut man sie in ein paar Wochen gemeinsam mit der Familie auf dem Fernseher an.
Die Realität ist eine riesige Menge an privaten Daten, die – ob Nutzer:innen es wollen oder nicht – am Ende auf dem Bildschirm in einem Großraumbüro landen und auf den riesigen Datenspeichern eines Monopols gespeichert werden. Die Technologie ist hier an sich nicht das Problem, doch die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sie produziert wird und mit welchem Zweck Großkonzerne ihre Entwicklung in den Auftrag geben, schon.
Schon bei den heimlichen Videoaufnahmen von Frauen, die auf Instagram landen, kann man die Frage aufwerfen, ob es sich wirklich nur um eine „falsche“ Nutzung handelt oder ob es nicht gerade diese Art der Nutzung ist, von der die Konzerne profitieren. Das Fluten von Instagram mit Videos wie diesen bringt Meta gleich mehrfach Profit. Erstens durch die Nutzung der Plattform, die ebenfalls dem Monopol gehört. Zweitens durch die kostenlose Werbung, die damit für das Produkt gemacht wird.
Die Totalüberwachung von privatem und öffentlichem Raum ist in vollem Gange
Dass Meta vor allem am Profit interessiert, zeigt sich auch an anderer Stelle. Während sich die Kritiken am Konzern dafür häufen, dass er die Privat- und Intimsphäre seiner Nutzer:innen und Dritter nicht schützt, denkt der Konzernchef Mark Zuckerberg schon öffentlich darüber nach, wie er die Überwachung noch weiter ausweiten kann. Zuletzt brachte er unter anderem die Nutzung von Gesichtserkennung ins Spiel.
Meta hat dann nicht nur Millionen von Gesichtsfotos, sondern auch gleich die Namen dazu. Vor ein paar Jahren wurde noch debattiert, dass es nicht unbedingt klug ist, auf Facebook zu posten, wo man im Urlaub ist. In Zukunft reichen Fotos, die fremde Personen ohne das eigene Einverständnis geschossen haben, aus, um nachzuzeichnen, wo man die Freizeit verbracht hat.
Die Entwicklung hin zur KI-gestützten Massenüberwachung ist weder ein reines „Meta-Problem“ noch ein rein amerikanisches. Es hat längst Einzug gehalten in der europäischen und deutschen Politik. So läuft aktuell die Debatte um das Sicherheitspaket 2.0 – mit diesem Paket sollen dem BKA, der Bundespolizei, dem Zoll sowie dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge umfangreiche neue digitale Befugnisse zugewiesen werden. Dazu gehören unter anderem der biometrische Abgleich mit Daten aus dem Internet und die umfassende Datenanalyse, also der Einsatz einer Software, wie sie Palantir anbietet. Im Zuge dessen müssen riesige Referenzdatenbanken erstellt werden. Zusätzlich sollen die personenbezogenen Daten genau wie bei Meta zum Training von KIs verwendet werden.
Palantir feilt am faschistischen Überwachungsstaat – Deutschland guckt es sich ab
Hier ergänzt sich im Übrigen die Überwachung durch private Konzerne perfekt mit der immer weiter ausufernden staatlichen Überwachung. Die Videos aus dem Internet, mit denen dann abgeglichen wird, sind im Zweifelsfall nämlich genau die Videos, die ohne das Einverständnis der darauf zusehenden Personen hochgeladen wurden. Ganz zu schweigen davon, dass sich der Staat, wo er es benötigt, sicher auch die umfangreiche Datensammlung von Meta selbst sichern wird. Und je mehr Menschen die Brillen tragen, desto lückenloser wird die Totalerfassung des privaten und öffentlichen Raumes.
Patriarchat & Profitgier – Hand in Hand
Am Beispiel der Smart Glasses von Meta wird uns die Unmenschlichkeit dieses Systems auf verschiedene Arten und Weisen direkt vor die Augen geführt: Dass Kapitalismus und die Unterdrückung von Frauen Hand in Hand gehen, ist keine Phrase. Wir sehen hier anhand eines ganz konkreten Beispiels, wie Konzerne heute von der Unterdrückung von Frauen profitieren und gleichzeitig die Mittel bieten, um sie auf eine nie gekannte Art massenhaft auf unterschiedlichen Ebenen zu reproduzieren.
Nie zuvor gab es so viele unterschiedliche Mittel und Wege, um Frauen zu unterdrücken, von heimlichen Aufnahmen, mithilfe von KI-erstellter Pornografie, öffentlicher Demütigung, über On- und Offline-Mobbing bis hin zu klassischen Formen von physischer Gewalt – beim Ausüben derer Männer sich jetzt noch direkt mit ihrer Brille filmen können.
Doch Einschnitte, die besonders unterdrückte Gruppen betreffen, stehen selten für sich. In der Regel sind sie entweder Vorboten größerer Angriffe auf die gesamte Klasse oder ein besonders starker Ausdruck dieser. Aktuell bemerkt die breite Öffentlichkeit vor allem die Betroffenheit von Frauen, die unerlaubt gefilmt werden – denn hier findet ein besonders starker Eingriff in die Intimsphäre statt und in vielen Fällen mindestens sexualisierte Belästigung. Doch dahinter verbergen sich bereits jetzt Tausende Millionen von Aufnahmen, von denen die gefilmten Personen nichts wissen oder von denen sie nicht wissen, dass sie weitergeleitet werden. Der Kampf gegen die heimlichen Videoaufnahmen ist so automatisch verbunden mit der größeren Frage der Massenüberwachung.
Doch technischer Fortschritt, der eigentlich sinnvoll eingesetzt werden könnte, um das Leben aller zu verbessern, wird vor allem im Sinne der Profite weniger Konzerne genutzt. Dementsprechend spielen moralische und ethische Fragen vor allem an den Stellen eine Rolle, wo sie zu ignorieren den Konzernen schaden würde.
Vor dem Hintergrund ist der Staat nicht unser Beschützer, von dem wir erwarten können, dass er Monopole wie Meta in ihre Schranken weist. Sondern er ist selbst Teil und sogar Schützer des Systems, dass die massenweise Sammlung intimer und privater Daten durch einzelne Akteure nicht nur möglich macht, sondern auch noch davon profitiert.
Die Zeiten werden rauer – doch wir können uns wehren!
In den vergangenen Monaten haben wir immer wieder gesehen, wie Frauen zu Tausenden auf die Straßen strömten, um gegen die Gewalt, die ihnen in diesem System widerfährt, zu kämpfen. Die Aufhänger für die konkreten Proteste waren verschiedene Fälle von sexualisierter und psychischer Gewalt, meistens verbunden mit einer Zurschaustellung dessen im Internet. Darüber hinaus haben sich mehrere Frauen an die Presse gewandt, genauso wie die Arbeiter:innen von Sema, um die Sammlung und Verbreitung intimer Daten offen zu legen und somit einen öffentlichen Kampf dagegen zu führen.
Die Aufgabe in der kommenden Zeit ist es, diese Initiative der Frauen und Arbeiter:innen sowie der Menschen, die sich gegen die Ausweitung der Massenüberwachung stellen, aufzugreifen und selbst Teil dieser Kämpfe zu werden. Aus den punktuellen Protesten zu einzelnen Fällen muss sich eine langfristige Bewegung entwickeln, die es schafft, die gemeinsame Wurzel zu sehen und die Klassenfrage zu stellen.
Denn die zunehmende Gewalt an Frauen – gegen die es in letzter Zeit erfreulicherweise mehr Protest gibt – und Massenüberwachung scheinen wie vollkommen getrennte Themen. Doch sobald man näher hinblickt, zeigen sich die Zusammenhänge und Potentiale für gemeinsame Kämpfe ganz klar. Auch wenn unsere Welt immer dystopischer und furchteinflößender zu werden scheint: Wehren können wir uns immer noch!

