Die Labour-Partei befindet sich in einer politischen Krise. Nach parteiinternem Druck kündigte der britische Premierminister Keir Starmer seinen Rücktritt an. Kann der voraussichtliche Nachfolger Andy Burnham die Krise lösen, oder verliert Labour im britischen Rechtsruck weiter?
Bei der Parlamentswahl 2024 konnte sich die Labour-Partei unter Keir Starmer nach 14 Jahren erstmals wieder die Mehrheit der Sitze im Parlament sichern. Bei der Wahl erhielten sie rund 33 Prozent der Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von rund 60 Prozent. Obwohl die gesellschaftliche Unterstützung nicht so hoch war, konnte durch das Mehrheitswahlrecht eine starke parlamentarische Macht erzielt werden. Damals hoffte man mit dem Wahlsieg nicht nur auf einen erneuten Aufschwung der Labour-Partei, sondern auch auf eine allgemeine Stabilisierung der politischen Lage.
In den vergangenen zehn Jahren ist die politische und gesellschaftliche Lage im Vereinigten Königreich nämlich sehr instabil. Mit dem Brexit hatte sich diese Krise nochmal zugespitzt. Diese Krise zeigt sich vor allem auch in der politischen Führung des Vereinigten Königreichs: Seit David Camerons Abtritt im Sommer 2016 gab es fünf verschiedene Premierminister:innen, nun soll ein sechster folgen. Zwar gibt es in Großbritannien keine festgeschriebenen Amtszeiten und der Wechsel von Premiers zwischen den Wahlen ist nicht völlig unüblich, trotzdem spiegelt die immer wieder chaotische Situation um den höchsten politischen Posten Großbritanniens die politische Lage wider.
Die Bevölkerung leidet in dieser Zeit unter anderem unter einer massiven „Cost of Living Crisis“, also enorm hohen Lebenshaltungskosten, sowie Krisen im Gesundheitssystem. Auch tut sich die Wirtschaft des Vereinigten Königreichs nicht erst seit dem Brexit und der Covid-Pandemie schwer. Das Land hapert zudem mit überlasteten Gefängnissen und Finanzproblemen.
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Der unbeliebteste Premierminister seit 1977
Starmer wurde bei der Wahl 2024 als kompetenter und seriöser Mann angesehen, der Stabilität und Fortschritt bringen würde. Er hatte die Ambition, die Zukunft des Königreichs zu verbessern und die Ordnung im Land wieder aufzubauen, welche in den 14 Jahren zuvor durch die konservative Regierung verloren gegangen sei.
Diesem Anspruch konnte er nicht gerecht werden und das schlug sehr schnell negativ auf sein Ansehen in der Bevölkerung um. Während seiner Amtszeit hat Starmer zunehmend an Zustimmung verloren. Diverse Umfrageunternehmen wie zum Beispiel YouGov erfassen für den Noch-Premierminister Unzufriedenheitswerte von rund 75 Prozent der Befragten. Laut Ipsos ist Starmer sogar der unbeliebteste Premier seit 1977.
Das hat verschiedene Gründe; viele Medien und Beobachter:innen sind sich jedoch einig, dass Starmers allgemeines Auftreten ebenfalls einen großen Beitrag geleistet hat. John Curtice, Professor für Politik an der Universität Strathclyde, sagt dazu, dass Starmer ein guter Anwalt sei, aber kein Gespür für Politik und keine Ausstrahlung als Anführer habe. Es sei ihm in seiner bisherigen Amtszeit nicht gelungen, eine gesellschaftliche Basis aufzubauen, weil er sich nicht eindeutig positionieren konnte. Dadurch seien viele Wähler:innen an Parteien links und rechts der Labour-Partei verloren gegangen.
Hinzu kommen Skandale wie der Fall Peter Mandelson: Diesen hatte Keir Starmer 2024 als Botschafter in die USA entsandt, obwohl er ein enger Freund und Unterstützer Jeffrey Epsteins war. Dies sorgte Anfang 2026 mit der Veröffentlichung der sogenannten Epstein-Files für einen großen Aufschrei in der Zivilbevölkerung – vor allem, weil seine Verbindungen zum Sexualstraftäter schon zum Zeitpunkt seiner Ernennung als Botschafter bekannt waren.
Status Quo statt Veränderung
Auch dürfte die Unzufriedenheit auf sein politisches Vorgehen zurückzuführen sein: Um die finanzielle Lage des Staates zu verbessern, hatte er beispielsweise Hilfeleistungen zur Finanzierung von Heizkosten gekürzt, wodurch es einen erneuten Bruch mit den Arbeiter:innen des Landes gab.
Die Labour-Partei entfernt sich zwar schon seit Tony Blairs Amtszeit kontinuierlich von ihren ursprünglichen sozialdemokratischen Werten, diese Entwicklung beschleunigte sich unter Keir Starmer aber erneut. Dies zeigte sich in seiner Amtszeit eben auch immer wieder an solchen Umverteilungsmaßnahmen zugunsten der Staatskasse und Großunternehmen.
Insgesamt herrscht große Enttäuschung über das Ausbleiben von versprochenen Veränderungen und Verbesserungen. Viele Wähler:innen hatten sich einen positiven Wandel erhofft, nachdem nach langer Zeit erstmals wieder die Labour-Partei an der Macht war. Statt aber zum Beispiel die „Cost of Living Crisis“ effektiv anzugehen, machte sich ein Gefühl der Fortsetzung des Status Quo und der weiteren Degradierung des Lebensstandards breit.
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Die britische Parteienlandschaft
Vor allem hat Starmer es nicht geschafft, die Labour-Partei durch eine sich rapide verändernde politische Landschaft zu manövrieren. Über Jahrzehnte erreichten die zwei Großparteien Labour und Conservative (auch „Tories“ genannt) gemeinsam etwa 70 bis 80 Prozent der Stimmen. Das Vertrauen der Gesellschaft in diese Parteien ist allerdings langfristig gesunken und kommt immer mehr an einen Kipppunkt. Immer mehr Einwohner:innen wählen kleinere Parteien und die Zusammensetzung der Wahlergebnisse fragmentiert immer mehr. Auch wenn sie durch das britische Wahlsystem klar benachteiligt sind und nur schwer Sitze im Parlament erhalten, gewinnen kleinere Parteien so immer mehr an Bedeutung.
In diesem Kontext ist vor allem Nigel Farages faschistische Partei Reform UK zu nennen, die in den letzten Monaten und Jahren einen enormen Aufstieg hingelegt hat. Aber auch die Green Party of England and Wales (Grüne Partei) gewinnt immer mehr an Rückenwind und positioniert sich links von der Labour-Partei. Es tun sich also sowohl links als auch rechts von den etablierten Parteien erstmals seit Langem waschechte Alternativen auf.
Und genau danach – also nach einer Alternative – strebten Wähler:innen 2024 nach 14 Jahren Tory-Regierung. Und genau als eine solche Alternative präsentierte sich Starmer auch, jedoch konnte er dies nicht untermauern. Stattdessen zog die Labour-Partei unter Starmer dem Rechtsruck ohne Erfolg hinterher und verlor dabei massiv Unterstützung im linkeren Wähler:innenspektrum. Statt also aus der Schwäche der Tories zu profitieren, geht die Labour-Partei scheinbar eher mit ihr zusammen.
Die geringe Zustimmung zur aktuellen Regierung machte sich bei den Kommunalwahlen im Mai bemerkbar, bei denen die Labour-Partei schlechte Ergebnisse einholte. Innerhalb der Fraktion bildete sich immer mehr Unmut über die Führungsfähigkeiten Starmers. In den letzten Monaten sind mehrere Mitglieder seiner Fraktion aus ihren Ämtern ausgetreten und viele haben ihn aufgefordert, als Premier zurückzutreten.
Hoffnung liegt auf Andy Burnham
Am Montag verkündete dann Starmer als Antwort auf den parteiinternen Druck seinen Rücktritt, um so Platz für einen neuen Premier zu schaffen. Starmer hat klar gemacht, er werde das Amt noch bis zur Neubesetzung ausführen und plant einen geordneten Übergang bis spätestens zum Ende der Sommerpause Anfang September.
Die Hoffnung der Labour-Partei liegt nun auf Andy Burnham. Schon seit geraumer Zeit gibt es Spekulationen, dass er Starmer als Premier herausfordern würde. Nun trat Burnham als Kandidat bei einer Nachwahl im Makerfield an, um sich ins Parlament wählen zu lassen und von dort aus eine offizielle Leadership Challenge zu starten. Zuvor war Burnham vor allem als Bürgermeister der Metropolregion Greater Manchester bekannt.
Bei der Nachwahl in Makerfield erreichte er überraschend starke 56 Prozent der abgegebenen Stimmen. Somit konnte er als Person eine hohe Unterstützung aus der Gesellschaft bestätigen – auch schon zuvor galt er als derzeit wohl beliebteste Labour-Politiker. Burnham gilt als eine volksnahe, authentische Persönlichkeit, die als Politiker gut ankommt.
Auch innerhalb seiner Partei erfährt er viel Zuspruch. Zum Beispiel vom ehemaligen Gesundheitsminister Wes Streeting, der im Mai noch mit eigenen Führungsambitionen aus Starmers Kabinett zurückgetreten war. Nun nutzt dieser seinen hohen Einfluss innerhalb der Fraktion, um Burnham zu unterstützen. Burnham gilt bereits jetzt als Favorit innerhalb der Partei – Gegenkandidat:innen gibt es bislang keine.
Kommt der Kurswechsel?
Um seine Partei wieder zu stärken und die Wähler:innen zurückzugewinnen, hat sich Burnham bereits einige politische Ziele überlegt. Burnham möchte sich für mehr staatliche Kontrolle bei Wasser- und Stromversorgung einsetzen und möchte öffentliche Investitionen und Förderungen erweitern – beispielsweise in strukturschwachen Regionen wie dem Norden. Außerdem möchte er die Macht auf lokaler Ebene stärken und so die Verantwortung auf die einzelnen Kommunen umlegen.
Allerdings möchte er keine Steuererhöhungen umsetzen und die aktuelle fiskale Disziplin beibehalten, also die Staatsschulden nicht erhöhen. Fraglich bleibt also, mit welchen Geldern diese Ziele erreicht werden sollen.
Um die Wähler:innen, die sich der rechten Partei Reform UK zugewandt haben, zurückzugewinnen, fordert Burnham auch, die Migrationspolitik zu verschärfen und die Verteidigungsausgaben zu erhöhen, um die Kapitalinteressen Großbritanniens verteidigen zu können. Durch die teilweise Übernahme von Forderungen der anderen Parteien sollen also Wähler:innen zurückgewonnen werden. Das zeigt sich auch an Burnhams allgemeiner politischer Linie, die sich seit seiner Regierungsabsicht gewandelt hat. Während er beispielsweise vorher äußerte, der EU wieder beitreten zu wollen, fordert er jetzt nur noch eine enge Zusammenarbeit mit der EU.
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Ob es also wirklich zu einem Kurswechsel in der Labour-Partei und der britischen Regierung kommt, oder ob es doch eher auf Imagepolitur bei ähnlichem Kurs hinausläuft, bleibt abzuwarten. Klar ist, dass die Jagd nach zu Reform UK abgewanderten Wähler:innenstimmen für Keir Starmer kein Erfolgsrezept darstellte und zu massiver Unbeliebtheit führte. Andy Burnham ist derzeit zwar deutlich beliebter im linkeren Flügel der Labour-Wähler:innenschaft, ob er das jedoch auch in seiner wahrscheinlich anstehenden Regierungsfunktion aufrecht erhalten kann, ist unklar.

