Chatverläufe decken mutmaßliche systematische Folter von Gefangenen in der JVA Augsburg-Gablingen auf

Bereits 2023 wurden Vorwürfe von Misshandlung gegen Beamt:innen der Justizvollzugsanstalt Gablingen erhoben. Nun liegen Chatprotokolle vor, die diese Vorwürfe zu bestätigen scheinen und auf systematische Gewalt, Folter und Schikane hindeuten. Gegen 13 Beamt:innen laufen inzwischen Verfahren.

Laut einer ARD-Recherche bahnt sich einer der größten deutschen Justizskandale in Zusammenhang mit Gefängnissen in Deutschland an. Gegen 13 Bedienstete der bayerischen Justizvollzugsanstalt Augsburg-Gablingen wurde Anklage erhoben. Unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung im Amt. Sie sollen systematisch Häftlinge gewürgt, geschlagen und gedemütigt haben – wohl weil sie Spaß daran hatten.

Bereits vor zwei Jahren wurde von Misshandlungsvorwürfen in der JVA Gablingen durch den Bayerischen Rundfunk berichtet. Unter anderem wandte sich eine Ärztin mit einem offenen Brief an das bayerische Justizministerium. Sie sprach von „Folter“ gegenüber Inhaftierten.

Anschließend wurden die Gerichtsverfahren gestartet. Nun liegen Chat-Protokolle der Bediensteten vor, die die Vorwürfe untermauern sollen. Die angeklagten Beamt:innen sollen vorwiegend der Spezialeinheit Sicherungsgruppe (SIG) angehört haben.

Ein ehemaliger Inhaftierter ging bereits 2023 wegen erlittener körperlicher Gewalt durch die Augsburger Spezialeinheit vor Gericht. Damals gab das Gericht jedoch den Beamt:innen recht und verurteilte den Ankläger wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt.

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Ermittlungen in über 117 Fällen

Der Bayerischen Rundfunk machte kürzlich Teile der Chat-Protokolle öffentlich. Einer der Bediensteten soll an einem Tag, an dem es Vorwürfe von Gewalt gibt, geschrieben haben, dass es ein „geiler Tag“ gewesen sei und er und seine Kolleg:innen „viel Spaß“ dabei gehabt hätten Gefangene zu „verdreschen“.

Die Verfasser der Nachrichten prahlen untereinander mit ihren Taten. In den Chats soll thematisiert worden sein, wie Mitarbeiter:innen „grundlos mal zugewuchtet“ und ein „paar aufs Maul“ verteilt haben. Letztere Nachricht soll mit einem lachenden Emoji versendet worden sein. Wegen der gegen sie ausgeübten schweren Gewalt sollen Häftlinge Todeswünsche geäußert haben.

Neben direkter Körperverletzung sollen Häftlinge auch in 117 Fällen rechtswidrig in „besonders gesicherte Hafträume“ eingesperrt worden sein. Diese Räume sind komplett leer, außer einem Loch, das als Toilette dient. Die Gefangenen sollen dort als Schikane komplett nackt und ohne Matratze oder Decke eingesperrt worden sein. Dieser Vorwurf wurde bereits vor zwei Jahren von der damaligen Gefängnisärztin geäußert.

Eine der angeklagten Personen ist die ehemalige stellvertretende JVA-Leiterin. Sie soll zwar nicht selbst Gewalt ausgeübt haben, soll jedoch andere Beamte dazu ermutigt und diese anschließend gedeckt haben. In veröffentlichten Chat-Protokollen soll sie damit geprahlt haben, mit „absoluter Diktatur“ in der JVA zu herrschen. Die vertretenden Anwält:innen wiesen vor zwei Jahren die Vorwürfe zurück. Auf Nachfrage haben sie sich bis Redaktionsschluss nicht gegenüber Perspektive Online geäußert.

Größter JVA-Skandal seit Gründung der BRD?

Die ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger bezeichnet die vorgeworfenen Taten als „den größten Skandal in einer Justizvollzugsanstalt, seit wir die Bundesrepublik Deutschland haben“. Zwar gab es immer wieder Berichte über Gewalt, Schikanen oder Misshandlungen in deutschen Gefängnissen, jedoch bisher nie in vergleichbarem Ausmaß wie aktuell in der JVA Augsburg-Gablungen.

Besonders in Bayern häufen sich die Vorwürfe von Gewalt in Gefängnissen. Derzeit steht ein Beamter der JVA München-Stadelheim wegen Gewaltvorwürfen vor Gericht. Er soll einen Gefangenen gegen den Kopf getreten und ihn mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben. Kurz zuvor wurden zwei Beamte der JVA München vom Vorwurf freigesprochen, eine Gefangene im Frauengefängnis misshandelt zu haben. Ein Richter erklärte im Verfahren sei „vieles im Unklaren geblieben“.

In der JVA Tegel beendete der dort inhaftierte Andreas Krebs im Mai 2025 einen Hungerstreik gegen mangelhafte medizinische Versorgung und weitere Schikanen. Hungerstreiks sind oft das einzige Mittel, welches Gefangene haben, um sich gegen ihre Haftbedingungen und Schikanen zu wehren. Das ist oft auch nur möglich, wenn sie etwa politische Gefangene sind und dabei von außen unterstützt werden. In den meisten Fällen sind Gefangene der Willkür der Wärter:innen jedoch schutzlos ausgeliefert.

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Rassistische Gewalt in Haft

Gewalt in Haft trifft häufig auch rassifizierte Menschen. Ende letzten Jahres starb der 15-jährige Nelson in der JVA Ottweiler. Auch wenn er laut den Behörden Selbstmord begangen haben soll, gaben andere Insassen an, beobachtet zu haben, wie er kurz vor seinem Tod geschlagen und getreten worden sei.

Ein weiterer prominenter Fall ist der von Oury Jalloh, welcher 2005 in einem Polizeirevier in Dessau verbrannte. Auch wenn die genauen Umstände weiterhin unklar sind, wurde er vor seinem Tod einem Gutachten zufolge „schwer misshandelt“ und ihm mehrere Knochen gebrochen.

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