Das Ende des „liberalen“ Internets? Googles KI als Raubtier und Zensurmaschine

Mit der größten Umstellung seit 25 Jahren will Gooogle seine Monopolstellung im Internet zementieren. Statt der klassische Suchfunktion werden künftig fremde Inhalte mittels künstlicher Intelligenz geraubt, gefiltert und verarbeitet ausgespuckt. Das könnte für uns alle zur Gefahr werden. – Ein Kommentar von Reiner Matzinke.

Es ist eine Ankündigung, die das Internet grundlegend verändern könnte. Google hat auf seiner Entwicklerkonferenz I/O im Mai 2026 die größte Umstellung der Suchmaschine seit einem Vierteljahrhundert vorgestellt. Das klassische Suchfeld, das bisher eine Liste von Links zu anderen Websites ausspuckte, wird zunehmend zu einem KI-Chatbot umgebaut. Die neue Google-Suche liefert keine Verweise mehr, sie liefert selbst Antworten.

„Das neue intelligente Suchfeld macht es euch leichter, Fragen zu stellen, und gibt euch direkten Zugriff auf unsere leistungsfähigsten KI-Tools“, heißt es im offiziellen Google-Blog. Das Unternehmen spricht von einer „neuen Ära der KI-Suche“. Bereits eine Milliarde Nutzer nutzen demnach jeden Monat den KI-Modus. Die Zahl der KI-Suchanfragen habe sich in jedem Quartal verdoppelt.

Doch was wie ein technologischer Fortschritt verkauft wird, ist in Wahrheit ein massiver Angriff auf die bisherige Struktur des Internets. Google, seit Jahrzehnten der größte Monopol im Suchmaschinenmarkt, baut seine Macht weiter aus. Die Folgen sind tiefgreifend für uns alle.

Von der Vermittlung zur Aneignung

Die Suchmaschine ist für die meisten Menschen das einzige Fenster zum Internet. Das World Wide Web selbst ist unüberschaubar, ein chaotischer Raum aus Milliarden von Seiten, ohne Inhaltsverzeichnis, ohne Navigationssystem. Wer sich darin bewegen will, braucht einen Lotsen. Suchmaschinen wurden gegründet, um diese Funktion zu übernehmen. Sie durchforsten das Netz, ordnen es und liefern auf eine Frage eine Liste mutmaßlich relevanter Quellen. Das Konzept war einfach: Vermittlung. Der Nutzer stellt eine Frage; die Suchmaschine zeigt Links; der Nutzer entscheidet selbst, welche Seite er besucht.

Google war in seinen ersten Jahren nicht profitabel. Das Geschäftsmodell war unklar. Doch dann begriff das Unternehmen, wo der eigentliche Wert liegt: nicht im Auflisten von Ergebnissen, sondern in der Kuratierung. Wer darüber entscheidet, welcher Link ganz oben steht, wer bestimmt, welche Seite als erstes gesehen wird, der lenkt Aufmerksamkeit und formt öffentliche Meinung. Werbung wurde zum Geschäftsmodell, aber die stille Macht lag in der Sortierung. Google wurde zum Torwächter des Internets, ohne dass die Mehrheit der Nutzer sich dessen bewusst war. Sie sahen nur ein Suchfeld und glaubten an Neutralität.

Mit der neuen KI-Suche wird dieses System nun endgültig ausgehebelt. Google zeigt dem Nutzer direkt eine Antwort – zusammengestellt aus den Inhalten Dritter, ohne dass dieser die Quelle besuchen muss. Die „KI-Übersichten“ erscheinen oberhalb der organischen Suchergebnisse. Wer seine Antwort dort findet, klickt nicht weiter. Die ursprüngliche Website erhält keinen Traffic, keine Werbeeinnahmen, keine neuen Abonnenten. Googles Rolle wandelt sich vom Kurator zum Produzenten. Das Unternehmen entscheidet nicht mehr nur, welche Quelle zu sehen ist; es ersetzt die Quelle gleich ganz.

Dies ist kein neuer Trend. Google hat bereits in der Vergangenheit damit begonnen, Inhalte anderer Seiten direkt auf der eigenen Plattform anzuzeigen. Wettervorhersagen, Sportergebnisse, Börsenkurse. All das wird seit Jahren ohne Klick auf fremde Seiten präsentiert. Auch Flugbuchungen und Hotelreservierungen lassen sich direkt über Google abschließen; die Anbieter werden zu bloßen Lieferanten degradiert. Mit der KI-Integration erreicht diese Praxis eine neue Dimension. Das Internet, einst ein dezentraler Raum, wird zunehmend zu einer Ressource für Googles Maschinen. Und die Nutzer, die glauben, frei zu suchen, bewegen sich längst in einer von einem Konzern kontrollierten Umgebung.

Die unsichtbare Enteignung

Die Inhalte, die Googles KI ausgibt, stammen nicht aus dem Nichts. Sie werden aus vorhandenen Websites extrahiert. Dies geschieht ohne Zustimmung, ohne Vergütung, oft sogar ohne Quellenangabe. Google selbst spricht von „Training“ seiner KI-Modelle mit öffentlich zugänglichen Daten. Doch öffentlich zugänglich bedeutet nicht gemeinfrei. Hinter den Texten, Bildern und Daten steckt Arbeit von Journalist:innen, Forschenden, Kreativen – kurzum von arbeitenden Menschen.

Die Tech-Industrie hat sich diese Praxis längst zur Gewohnheit gemacht. Bereits im September wurde dies im britischen Guardian wie folgt beschrieben: „Die großen KI-Systeme basieren auf einem außergewöhnlich dreisten kriminellen Unternehmen: der massenhaften, nicht genehmigten Aneignung jedes verfügbaren Buches, Kunstwerks und jeder digitalisierbaren Aufführung.“ Sie vergleichen die Vorgehensweise der Tech-Konzerne mit der von Imperialisten, „die fremde Länder nach Ressourcen durchkämmen, die sie plündern können“.

Genau das tut Google nun im großen Stil. Die KI-Suche saugt das Internet aus. Websites, die bisher von Suchmaschinen-Traffic lebten, verlieren ihre Views. Eine Analyse von Forbes zeigt, dass AI-Übersichten den Datenverkehr auf Websites erheblich reduzieren. Die Plattformen, deren Inhalte Google ausgenutzt, erhalten nichts zurück.

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Das Ende des „liberalen“ Internets?

Die Umstellung der Suchmaschine ist nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine politische Frage. Wer die Suchergebnisse kontrolliert, kontrolliert den Zugang zu Informationen. Google hat bereits heute eine marktbeherrschende Stellung. In vielen Ländern liegt der Marktanteil der Suchmaschine bei über 90 Prozent. Mit der KI-Suche wird diese Macht zementiert.

Die Gefahr liegt auf der Hand: Wenn Google nicht mehr nur Links auflistet, sondern selbst Antworten generiert, kann das Unternehmen entscheiden, welche Informationen erscheinen und welche nicht. Die KI-Übersichten sind keine neutralen Zusammenfassungen. Sie sind das Ergebnis von Algorithmen, die von Menschen programmiert und trainiert wurden. Sie können Fehler enthalten, Vorurteile reproduzieren oder gezielt bestimmte Perspektiven ausschließen.

Noch gravierender ist die Möglichkeit der Zensur. Die neoliberale Position von Google und dem Silicon Valley, die jahrelang das Denken dominierte, hat sich in den letzten Jahren explizit aufgelöst. Noch in der Zeit nach dem Fall der Sowjetunion und dem vermeintlichen „Ende der Geschichte“ stand die Ideologie einer offenen, liberalen Gesellschaft, die jedes Problem mit Computern zu lösen glaubte. Technologie schien per se wertneutral, der Markt selbstregulierend, und der berühmte Google-Slogan „don’t be evil“ – „Sei nicht böse“ – verkörperte diesen Geist.

Doch mit den zunehmenden Krisen der letzten Jahre fand ein ideologischer Bruch statt. Google strich den Slogan 2015 aus seinem Verhaltenskodex. Ein symbolischer Akt, der den Abschied von jeder moralischen Selbstverpflichtung markierte und durch „do the right thing – follow the law“ – „Tu das Richtige – Befolge das Gesetz“ ersetzt wurde.

An die Stelle der liberalen Aufbruchstimmung im Silicon Valley trat eine vermehrt staatstragende und repressive Ideologie. Google hat bereits in der Vergangenheit gezeigt, dass es Suchanfragen filtern und bestimmte Ergebnisse unterdrücken kann. Sei es auf Druck von Regierungen oder aus eigenem Interesse. Mit der KI-Suche wird diese Kontrolle noch feiner. Unliebsame Inhalte lassen sich nicht mehr nur auf hinteren Seiten verstecken, sondern direkt aus den Antworten eliminieren. Der Nutzer merkt davon nichts. Er bekommt eine scheinbar vollständige Antwort, ohne zu wissen, was möglicherweise weggelassen wurde.

Ein Jahr Trump und Big Tech Allianz: Massenüberwachung, Zensur und Rechtsruck

Big Tech und die Allianz mit der Macht

Die Entwicklungen bei Google sind kein isoliertes Phänomen. Sie sind Teil einer umfassenderen Strategie der großen Tech-Konzerne, die seit der zweiten Amtszeit von Donald Trump an Einfluss gewonnen haben. Es hat sich eine Allianz zwischen der MAGA-Rechten und Big Tech gebildet. Die Konzernchefs von Apple, Amazon, Meta, Google und anderen standen bei Trumps Vereidigung in der ersten Reihe.

Die Folgen dieser Allianz sind bereits spürbar. Soziale Medien zensieren linke und antifaschistische Inhalte, während rechte und faschistische Positionen gepusht werden. Unternehmen wie Palantir entwickeln KI-gestützte Überwachungssysteme, die von US-Behörden zur Jagd auf Migranten genutzt werden.

Palantir feilt am faschistischen Überwachungsstaat – Deutschland guckt es sich ab

Google mag das Internet nicht töten, aber als Fenster zum Internet wird es unser Blickfeld und damit unsere Wahrnehmung massiv beeinflussen. Die Filter, die auf das Fenster aufgetragen werden, dienen dabei allen voran dem Kapital, das eben zunehmend die Allianz mit dem rechtesten Flügel der amerikanischen Politik sucht. Dagegen gilt es sich zu wehren – gegen ein Internet der Monopole und Superreichen und gegen jeden Versuch der Einschränkung unserer demokratischen Grundrechte!

Reiner Matzinke
Reiner Matzinke
Perspektive Autor seit 2025. Naturwissenschaftler aus NRW der über Geopolitik und den Wettstreit im kapitalistischen Weltsystem schreibt.

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