„Das Ölbergfest wieder in die Hände der Nachbarschaft kriegen“ – Interview zu einem Wuppertaler Straßenfest

Das Ölbergfest in Wuppertal bringt die Elberfelder Nachbarschaft seit Jahren zusammen, wurde jedoch über Jahre immer stärker kommerzialisiert. Nun wollen Anwohner:innen eine selbstorganisierte Alternative auf die Beine stellen. Organisator Jonah erklärt im Interview, wie man einen Beitrag zu einer solidarischen Nachbarschaft leisten will.

Eigentlich findet in Wuppertal jedes zweite Jahr das Ölbergfest statt. Dieses Jahr wurde es jedoch abgesagt. Was steckt dahinter?

Ursprünglich, also seit 2005, war das Ölbergfest ein richtiges Nachbarschaftsfest. Die Nachbar:innen haben ihr Wohnzimmer auf die Straße verfrachtet und einander besucht, füreinander gekocht und miteinander ihr Viertel gefeiert. Die letzten Jahre wurde das Fest immer kommerzieller und es wurde quasi „festivalisiert“. Die Nachbarschaft räumte immer mehr und mehr das Feld und an die Stelle der Couches und kleinen Stände rückten große „Dance Areas“, welche für schätzungsweise 1000 Euro vermietet wurden.

Die Organisation übernahm vor einigen Jahren dann der Ölberg Fest und Kultur e.V.. Die Gebrüder Klein – Andreas und Alexander – sind beide Vorsitzende dieses Vereins und nebenbei noch Geschäftsführer von verschiedenen Firmen, welche zusammen ein relativ intransparentes Netzwerk bilden. Das Unternehmen pm2am ist dabei wichtig zu erwähnen, eine Eventfirma, die nicht nur im Ölbergfest verstrickt ist, sondern auch einen größeren Weihnachtsmarkt und diverse andere Großveranstaltungen im Umkreis (mit-)organisiert.

Die Nachbar:innen wurden dann in den letzten Jahren immer unzufriedener mit der Art des Festes und ihre Beschwerden wurden natürlich auch immer lauter. Bis dann Alexander Klein und Luis Lange in einem Video auf Instagram und einem Statement auf ihrer Website verkündeten, dass das Ölbergfest dieses Jahr ausfallen soll. Man wolle mit den Nachbar:innen in den Dialog gehen und prüfen, wo man mit dem Ölbergfest in den nächsten Jahren hin möchte. Diese Dialog-Veranstaltungen fanden mittlerweile auch schon statt und entpuppten sich unserer Ansicht nach eher als Schein und Schauplatz der Einschüchterungsversuche.

Boiler Room, Superstruct, KKR – Festivals plötzlich kommerziell?

Und was hat euch an der Art der Umsetzung des Ölbergfestes gestört?

Ich glaube, unser Problem ist da recht grundsätzlich. Wir denken einfach, dass ein Nachbarschaftsfest eben schnell diesen Charakter – also den der Nachbarschaft – verliert, sobald eben an diesen Nachbar:innen vorbeigeplant wird und der Fokus eher darauf zu liegen scheint, Profit zu machen. Und genau das haben wir in den letzten Jahren beobachtet.

Da wären die sogenannten „Ölbergfest-Becher“ zu nennen, welche laut eigenen Aussagen auch die Haupteinnahmequelle der letzten Jahre darstellten. Die kleineren Gastronomien und sogar Kioske waren gezwungen, diese Becher in hoher Stückzahl vor dem Fest abzukaufen; nur in diesen Bechern durften dann auf dem Fest Getränke verkauft werden. Das ist gerade für kleine Läden eine große Hürde gewesen und hat einigen echte Kopfschmerzen bereitet.

Was hat euch motiviert, das Fest selbst in die Hand zu nehmen?

Dieses Bauchgefühl, diese Meinung, dass sich das Ölbergfest immer weiter von seinem ursprünglichen Charakter entfernt, fliegt schon lange in vielen Köpfen herum. Wir dachten uns, dass der Nachbarschaft durch die Absage der Zeitraum und die Möglichkeit gegeben wurde, dieses Gefühl in Worte zu fassen und, noch wichtiger, in den öffentlichen Raum zu tragen.

Und genau das wollen wir nun erreichen. Dieses kleine Fest, das wir uns hier jetzt überlegt haben, ist da ein praktisches Gegenkonzept zum Ölbergfest der letzten Jahre und soll aber gleichzeitig vor allem ein Sprachrohr für die Nachbarschaft sein.

Was bedeutet eine solidarische Nachbarschaft für euch?

Eine solidarische Nachbarschaft bedeutet für uns unter anderem das, was wir jetzt schon erlebt haben: Wir haben sehr viel Zuspruch für unsere Aktion aus der Nachbarschaft erhalten. Aber darüber hinaus auch, dass man zusammensteht, gerade bei so einem gemeinsamen Ziel wie diesem hier.

Uns war wichtig, unser Fest eben auch für alle zugänglich zu machen; statt großem Klamottenverkauf soll es einen Kleidertausch geben, statt teurem Essen ein Mitbring-Buffet und so weiter. Das zeichnet Solidarität in der Nachbarschaft für uns vor allem aus: dass jede:r etwas nach den eigenen Fähigkeiten beisteuert und jede:r seinen Bedürfnissen entsprechend nimmt.

Wie spielen die Kürzungen und die Arbeit von Nicht auf unserem Rücken mit in das Fest?

Auf den ersten Blick hat es wohl einige Nachbar:innen verwundert, wieso wir mit der Kampagne Nicht auf unserem Rücken zusammen auftreten. Schließlich spannen wir den Bogen da schon etwas weiter, als er bei den meisten aktuell stattfindenden Aktionen gegen die Sozialkürzungen gespannt wird. Aber auch wir Ölberger:innen sind von Kürzungen und vom Sozialabbau betroffen. Und da unter anderem auch solche Großveranstaltungen für Gentrifizierung sorgen, wird auch der Ölberg immer teurer.

Die Kürzungen und die immer weiter steigenden Lebenserhaltungskosten sorgen dann dafür, dass immer mehr Leute auch auf dem Berg existenzielle Sorgen bekommen; viele Nachbar:innen haben Sorge, sich ihr Zuhause bald nicht mehr leisten zu können. Wir wollten mit der Kampagne deutlich machen, dass auch die Ölbergfest-Situation nicht einfach in einem Vakuum zu betrachten ist, sondern es auch hier einen größeren Kontext gibt.

„Jetzt ist der richtige Moment, um auf die Straßen zu gehen!“

Auf welche Resonanz trifft das Fest in der Nachbarschaft?

Wie eben schon erwähnt, stoßen wir auf viel Zuspruch; die Nachbar:innen freuen sich, dass endlich was passiert. Wir haben lange Zeit ein gewisses Gefühl der Machtlosigkeit dabei wahrgenommen, gegen diese intransparenten Organisationsstrukturen anzukommen. Genau das wollten wir ändern.

Wir kriegen auf jeden Fall mit, dass viel über unser kleines Fest gesprochen wird. Das freut uns total! Und noch mehr freuen wir uns auf den kommenden Samstag und sind ganz gespannt, was dieses Fest alles mit sich bringen wird.

Wie wird es in Zukunft weitergehen? Soll euer Fest nochmal stattfinden?

Das wird sich, denk ich, zeigen. Wir würden uns natürlich wünschen, das Ölbergfest wieder in die Hände der Nachbarschaft zu kriegen. Aktuell sieht es ja aber ganz gut aus, dass eben diese Nachbarschaft diesen Wunsch teilt und auch sehr bereit dazu ist, diese Schritte mit uns gemeinsam zu gehen.

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