Rekordhitze über Deutschland: Klimawandel treibt Europa an seine Grenzen

Seit Montag sind erst der Süden und Westen Deutschlands, und seit Freitag auch der Osten und Norden extremer Hitze ausgesetzt. Gesundheitsrisiken und Auswirkungen auf die Umwelt sind die Folge, der Klimawandel die Ursache.

Die aktuelle Hitzewelle hat Europa und Deutschland fest im Griff. Nachdem zunächst vor allem Frankreich schwer betroffen war, ist spätestens seit Freitag auch Deutschland bis in den Osten und Norden bei Höchsttemperaturen von über 40 Grad Celsius bis wahrscheinlich 42 Grad Celsius angelangt.

Die Folge sind Absagen von Veranstaltungen, Straßenschäden, Energieengpässe durch gedrosselte Kraftwerke und gesunkene Pegelstände in Flüssen sowie teilweise schon Waldbrände, wie in Neustrelitz in Brandenburg.

Besonders extrem wurde die Hitze am Freitagabend in Saarbrücken: hier wurde ein neuer Allzeitrekord für Deutschland aufgestellt, die Station in Saarbrücken-Burbach erreichte gegen 18:40 Uhr 41,3 Grad Celsius und übertraf damit den Rekord von Duisburg und Tönisvorst aus 2019, der bei 41,2 Grad Celsius lag. Der Rekord ist denkwürdig, denn wie für extreme Hitze normalerweise in Deutschland üblich, wurde der alte Rekord im Hochsommer erst Ende Juli aufgestellt. Es wird erwartet, dass der neue Rekord noch in den nächsten Tagen erneut übertroffen wird.

In Frankreich erwarten die Behörden tausende Todesfälle aufgrund der Hitze. Bei der letzten vergleichbaren, wenngleich schwächeren Hitzewelle von 2003, waren in Frankreich 15.000 Menschen gestorben. Dort haben die Behörden verschiedene Maßnahmen ergriffen, um die Infrastruktur zu entlasten und das Risiko für die Bevölkerung zu senken: An vielen Orten, so auch im besonders heißen Paris und der umliegenden Region Île de France, gab es Verkaufsverbote und Konsumeinschränkungen von Alkohol, der Notfallplan für Hitzewellen „Canicule“ wurde ausgerufen und kühle Orte wie Kirchen und Museen wurden für die Öffentlichkeit geöffnet.

Anhalten dürfte die Hitze wahrscheinlich mindestens bis Sonntag, dann könnten schwere Gewitter die Extremwetterlage abschließen.

Über die Ursache der Hitzewelle sowie die Verbindung mit dem diesjährigen „Super-El Niño“ herrschen verschiedene Ansichten. Klar ist, dass sowohl der menschengemachte Klimawandel als auch das Großevent im pazifischen Ozean höhere Temperaturen begünstigen.

El Niño verschärft die Klimakrise – und gefährdet weltweit Menschenleben

Eine Studie von World weather attribution legt dar: Temperaturen in Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Südengland liegen 5-12 Grad Celsius über dem saisonalen Durchschnitt. Die Studie benennt klar den menschengemachten Klimawandel als Ursache, selbst bei Hitzewellen waren die Temperaturen in Europa vor fünfzig Jahren dreieinhalb Grad Celsius niedriger.

Wirtschaftliche und infrastrukturelle Folgen

Die Auswirkungen der extremen Hitze sind unterschiedlicher Art. Wenngleich die Folgen für Mensch und Natur nicht zu unterschätzen sind, gibt es darüber hinaus auch infrastrukturelle und wirtschaftliche Folgen.

In Frankreich und der Schweiz wurden AKWs abgestellt, da diese warmes Abwasser in die Flüsse leiten. Auch hierzulande hat beispielsweise das Wasser im Rhein bereits 28 Grad erreicht. Die Kraftwerke in Deutschland sind jedoch oft im Sommer planmäßig in „Revision“, es finden routinemäßige Überprüfungen statt. Aufgrund der hohen Strommenge, die im Sommer durch erneuerbare Energie erzeugt wird, ist das wirtschaftlich sinnvoll für die Betreiber.

Das hat jedoch Konsequenzen: Da aufgrund der großen Hitze besondere Kühlung notwendig ist, in Büros wie Haushalten, aber beispielsweise auch an Produktionsstätten oder in der Logistik, gibt es einen extremen Strombedarf. Dieser führt an Abenden zu einer sogenannten „Hitzeflaute“. Der Begriff leitet sich von dem der „Dunkelflaute“ ab, die einen Zustand bezeichnet, in dem weder die Sonne scheint, noch der Wind geht – also erneuerbare Energien kaum Strom liefern.

Durch die Dunkelflauten an den Abenden entstanden in den vergangenen Tagen Spitzenstrompreise von fast 750 Euro die Megawattstunde Strom.

Dabei wären jedoch im Gegensatz zu Energieengpässen, die im Winter auftreten, diese sehr leicht durch größere Batteriespeicher ausgleichbar, da tagsüber extreme Energiemengen aufnehmen.

Auch die Straßen und Schienennetze leiden unter der Hitze: Die deutsche Bahn rät gar von Zugreisen ab und bietet kostenlose Stornierung an, auch in den Benelux-Staaten ist der Zug-und Bahnverkehr stark eingeschränkt. Heute wurde auch die A7 Richtung Hamburg großräumig gesperrt, der Asphalt reißt auf, er kann der Hitze nicht mehr standhalten. In Thüringen sorgt die Hitze für ungewöhnliche Bilder: Seit bei Lengefeld die 30-Grad-Marke geknackt wurde, ist dort ein Streufahrzeug unterwegs, um den Asphalt statt mit Streu mit kühlendem Wasser zu versorgen.

Deutschland ist schlecht vorbereitet

Während in Frankreich nach der Hitzewelle 130 Millionen Euro für Klimaanlagen in Schulen bereitgestellt werden müssen, wird auch hierzulande die Lage immer kritischer: Gerade in Kliniken und Senioren- und Pflegeheimen häufen sich die Beschwerden. In Dormagen in Nordrhein-Westfalen musste am Samstagmorgen ein Seniorenheim evakuiert werden und die Bewohner:innen wurden medizinisch versorgt; in der Nacht war ein Bewohner verstorben.

Auch der Hausärztinnen- und Hausärzteverband wirft der Bundesregierung Versagen beim Hitzeschutz vor: „Den jahrelangen Ankündigungen[…] sind keine Taten gefolgt.“, sagte der Vorsitzende den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Auch in den Krankenhäusern ist die Lage prekär: Während die OP-Säle oft gut gekühlt sind, hört der Hitzeschutz bei den Patient:innen auf. Gleichzeitig steigt aufgrund der Hitze die Belastung massiv an, in Frankreich gibt es beispielsweise seit der Hitzewelle circa 61 Prozent mehr Rettungswagen-Einsätze.

Deutschland und die Klimaziele: War da nicht was mit der Umwelt?

Auch in Deutschland existiert ein Muster-Hitzeschutzplan vom Bundesgesundheitsministerium. Verbindlich ist dieser nicht. Beim Blick auf die Notaufnahmen wird das deutlich: Nur etwa ein Drittel der Einrichtungen in Deutschland verfügt über Klimaanlagen.

Der kälteste Sommer für den Rest unseres Lebens?

Ein weiteres Ansteigen der Temperaturen steht für den Rest des Sommers noch aus. Auch der nächste Sommer dürfte erfahrungsgemäß aufgrund von El Niño extrem heiß werden. Ob danach allerdings Hitzewellen wie die aktuelle tatsächlich schon in den nächsten Jahren zur Regel werden, bleibt unklar. Trotzdem ist es laut Forschung wahrscheinlich, dass bis 2100, also in den nächsten siebzig Jahren, sich die Hitzetage fast verdreifachen und auch die Mitteltemperatur noch weiter ansteigt. Diese Entwicklung dürfte auf Extreme wie Hitzewellen und Tropennächte überproportional zutreffen. Auch der Luftmassenwechsel am Ende einer solchen Hitzewelle würde dann aufgrund noch größerer Hitze mit größeren Niederschlagsmengen einhergehen, da die Luft mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann.

In den kommenden Jahrzehnten werden also die Sommer immer öfter von großer Hitze und längeren Dürrephasen auf der einen, aber auch heftigeren Starkregenereignissen auf der anderen Seite geprägt sein.

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