Zum zweiten Mal findet am 15. Juni der Veteranentag mit Veranstaltungen in dutzenden Städten Deutschlands statt. Das Ziel: Wieder eine „Veteranenkultur“ aufbauen. Dies reiht sich klar in die zunehmende Militarisierung und die nationalistische Stimmungsmache in Deutschland ein. Dagegen wächst der Widerstand der Jugend. – Ein Kommentar von Nefisa Mounib.
In Berlin findet die zentrale Festlichkeit statt: Am 21. Juni, also eine Woche nach den bundesweiten Veranstaltungen, organisieren die Bundesregierung und Verteidigungsministerium auf dem Reichstagsgelände eine große Veranstaltung mit Konzerten, Essen und Ständen.
Unter anderem wird eine Fotoausstellung von Bryan Adams gezeigt. Dabei handelt es sich um Porträts britischer Veteran:innen, die in Afghanistan und im Irak eingesetzt waren und ihre Narben und Verstümmelungen aufzeigen. Die Botschaft sei der Bundeswehr und dem Künstler zufolge aber nicht, dass diese Menschen für Kriege um Profite und Einflusssphären wortwörtlich zerstückelt wurden, sondern dass ihnen für den hohen Einsatz Ruhm und Anerkennung gebührt.
Nazis haben in der Bundeswehr Kontinuität
Mit einer ähnlichen Ignoranz der schrecklichen Seiten von Krieg gelingt es der Bundeswehr auch, das offensichtlichste Argument gegen eine Veteranenkultur in Deutschland schlichtweg beiseite zu wischen. Mit gekonntem Umgehen mit Begriffen wie „Faschismus“ oder Hinweisen auf die Rolle der deutschen Armee im Zweiten Weltkrieg findet sich auf der Webseite der Bundeswehr nur die Bemerkung, dass es durchaus „berechtigte Gründe” gäbe, weshalb der Begriff des Veteranen in Deutschland „noch nicht so geläufig” sei. „Losgelöst davon hat die Bundeswehr ihre eigene Tradition“, heißt es unmittelbar darauffolgend.
Traditionserlass: Nazi-Generäle als Vorbilder der Bundeswehr
Dieser geschichtsrevisionistischen Erzählung von neuen Traditionen widerspricht der Fakt, dass große Teile von Hitlers Generalstab mit der Gründung der BRD zu Beratern wurden, die Bundeswehr schließlich nach eigenen Plänen aufbauten, Schlüsselrollen einnahmen und schlussendlich auch die strategischen Pläne innerhalb der NATO stark beeinflussten.
Wie sehr diese Strukturen auf Faschismus fußen, zeigt sich immer wieder, wenn rechte Chatgruppen auffliegen oder Munition entwendet wird. Diese deutlich länger bestehenden „Traditionen” werden durch Beschlüsse wie den Veteranentag verschärft. So wird der zunehmende Nationalismus in der deutschen Gesellschaft befeuert.
Deutsche Veteran:innen, die im Auslandseinsatz waren, haben zum Beispiel in Jugoslawien, Afghanistan und Mali gekämpft. Auf der Webseite der Bundeswehr werden die Soldat:innen dafür geehrt, dass sie auf Stabilisierungsmissionen gedient haben. Besonders hervorgehoben werden die 35 deutschen Soldaten, die in den Jahren 2002-2021 in Afghanistan durch kriegerische Auseinandersetzungen gestorben sind. Im selben Zeitraum wurden über 170.000 Afghan:innen durch den Krieg getötet, weit über 47.000 davon waren Zivilist:innen.
Die Bundeswehr stand dabei keineswegs nur daneben: So war es beispielsweise Georg Klein, Oberst der Bundeswehr, der einen Luftangriff in Kundus befahl, bei dem 120 Zivilist:innen ermordet wurden. Klein sollte für seine Verantwortung genauso wenig Respekt gezollt werden wie den unzähligen Kriegsverbrecher:innen, zum Beispiel den Folter:innen im US-amerikanischen Gefängnis in Bagram und den zahlreichen Vergewaltigern innerhalb der Streitkräfte.
Am Ende bleibt ohnehin die Frage, warum die alliierten Kräfte inklusive der Bundeswehr überhaupt vor Ort waren, wenn nun heute die Taliban Afghanistan regiert und Deutschland sogar verdeckte diplomatische Beziehung zu den Taliban aufgenommen hat. Wie so oft bleibt die Antwort die gleiche: In den 20 Jahren Einsatz haben deutsche Unternehmen unschlagbare Profite gemacht. Die altbekannten Großkonzerne haben sich hier mit Rüstungsexport, Infrastrukturmaßnahmen und Ausbeutung von natürlichen Ressourcen die Taschen vollgestopft. Das war es, wofür die Veteranen gefallen sind – nicht für Demokratie, Frauenrechte oder Stabilität.
Bundeswehr sammelt ihr Kanonenfutter ein
Seit nun schon einigen Jahren ist der kulturelle Wandel in unserer Gesellschaft spürbar: Während Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) sich einst vor den Bundestagswahlen damit brüstete, dass mit ihr an der Spitze keine deutschen Waffen in Kriegsgebiete geliefert werden würden, sehen wir nun, dass die deutschen Rüstungspakete von Mal zu Mal zunehmen. Selbst die Jüngsten der Gesellschaft sind Besuchen der Bundeswehr in Bildungsinstitutionen oder Beiträgen über Waffen sogar in der Sendung mit der Maus ausgesetzt.
Zum einen werden alle mit Militärpropaganda beschallt, die uns weismachen will, dass Soldat:in-sein ehrenvoll, friedliebend und lukrativ ist, zum anderen spitzen sich gleichzeitig die imperialistischen Machtkämpfe um Einflusssphären weiter zu. Wir müssten unsere Nation also verteidigen und wieder kriegstüchtig werden.
Der Wille, eine „Veteranenkultur“ zu verstärken, lässt sich zusätzlich in die Entwicklung der Bundeswehr von einer Berufsarmee zu einer Massenarmee einordnen. Während der deutsche Staat ordentlich in den globalen Kriegen mitmischt, tut er dies auch im Innern meist mit Sondereinheiten wie dem KSK. Dies steht nicht im Widerspruch zu aktuellen Entwicklungen wie dem Ukraine-Krieg, sich zuspitzenden Verhältnissen im Indopazifik und wieder vermehrtem Einmischen in Westasien.
Deutschland soll sich bereit machen für kriegerische Auseinandersetzungen im Schützengraben. Da dies verständlicherweise für die meisten Arbeiter:innen nicht gerade attraktiv ist und die Quote der Rekrut:innen weit unter den Erwartungen liegt, muss dies der Bevölkerung schmackhafter gemacht werden. Hier kommen lokale Feste wie zum Veteranentag ins Spiel, auf denen Karrieren als Bundeswehrsoldat:innen als erstrebenswertes Ideal an Kinder und Jugendliche verkauft werden. Auch im restlichen Jahr lässt die Bundeswehr keine Gelegenheit aus, ihr Image aufzupolieren. Neben den Ständen auf Berufsmessen oder Gaming Conventions war sie vergangenes Jahr beinahe 6.000 Mal an Schulen zu Besuch.
Widerstand wächst weiter
Doch besonders Jugendliche wehren sich gegen die Kriegstreiberei, die Wehrpflicht und die Verehrung von Veteran:innen. Bereits letztes Jahr kam es bundesweit zu Protestaktionen. Das Antimilitaristische Aktionsnetzwerk, die Demokratische Jugend YUNA, die Internationale Jugend, das Bündnis Rheinmetall Entwaffnen und sehr viele mehr griffen zu kreativen Mitteln, führten unter anderem Adbusting-Aktionen oder Die-ins durch oder riefen bundesweit zu Demonstrationen auf. Sie machten durch ihre Praxis greifbar, dass die Rekrut:innen aus ihrer Sicht nur für die Interessen der Reichen kämpfen, nicht für die Sicherheit oder den Wohlstand der arbeitenden Bevölkerung.
Seit den Aktionen im vergangenen Jahr sind nur Gründe hinzugekommen, um gegen den Veteranentag aufzustehen. Dem neuen Wehrdienstgesetz wurde zugestimmt, es wurden und werden viele weitere Schritte in Richtung Kriegswirtschaft gegangen, wodurch die Haushaltskürzungen alle Lohnabhängigen treffen, und deutsche Unternehmen profitieren weiterhin ungeniert vom Abschlachten unserer Klassengeschwister auf der ganzen Welt.
Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 111 vom Juni 2026 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.

