Der Krieg gegen den Iran lässt die Preise steigen und die Wirtschaft weiter ins Wanken geraten. Mit ihrer ersten Zinserhöhung seit drei Jahren reagiert die EZB auf die anziehende Inflation. Während Unternehmen Investitionen zurückfahren und die Konjunktur schwächelt, zeichnet sich bereits ab, wer die Rechnung zahlen soll: die Arbeiter:innenklasse. – Ein Kommentar von Leon Wandel.
Mehr als 100 Tage sind vergangen, seit die USA den Iran angriffen und damit einen Krieg auslösten, der bis heute andauert. Schon früh war absehbar, dass der Konflikt weit über die Region hinaus wirtschaftliche Folgen haben würde. Besonders die Blockade der Straße von Hormus brachte den Handel mit wichtigen Rohstoffen ins Stocken. Die Auswirkungen sind weltweit spürbar: Unter anderem zogen die Energie- und Kraftstoffpreise deutlich an.
Nun schlägt sich die Krise auch in der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) nieder. Am vergangenen Donnerstag erhöhte sie den Leitzins von 2,0 auf 2,25 Prozent. Es ist die erste Zinserhöhung seit September 2023. Ziel der Maßnahme ist es, die wieder heranziehende Inflation einzudämmen. EZB-Präsidentin Christine Lagarde begründete den Schritt mit den wirtschaftlichen Folgen des Kriegs: „Der Krieg droht, die Inflation im Euro-Raum weiter anzufachen, während er die Wirtschaft schwächt.“
Ein zentraler Treiber der Preisentwicklung ist der Ölmarkt. Seit Beginn des Iran-Kriegs ist der Ölpreis um rund 50 Prozent gestiegen. Dadurch kletterte die Inflationsrate in der Eurozone im Mai auf 3,2 Prozent und liegt damit deutlich über dem EZB-Zielwert von 2,0 Prozent. Noch im Dezember des vergangenen Jahres hatte sie bei lediglich 1,9 Prozent gelegen. Für das Jahr 2027 rechnet die EZB derzeit mit einer Inflationsrate von 2,3 Prozent.
Auch die Konjunkturaussichten haben sich eingetrübt: Die EZB senkte ihre Wachstumsprognose für die Eurozone von 0,9 auf 0,8 Prozent. Selbst diese Einschätzung gilt vielen Beobachter:innen noch als optimistisch. Die Deutsche Bank rechnet lediglich mit einem Wachstum von 0,5 Prozent. Erst für die Jahre 2027 und 2028 erwartet die EZB wieder stärkere Wachstumsraten von 1,2 beziehungsweise 1,5 Prozent.
Nur ein halbes Prozent Wachstum – Auch Bundesregierung schraubt Wachstumsprognose herunter
Der Krieg gegen den Iran ist jedoch nur ein Faktor in einer umfassenderen wirtschaftlichen Krise. Die gegenwärtigen Probleme sind nicht allein das Ergebnis geopolitischer Konflikte. Sie treffen auf ein Wirtschaftssystem, das bereits zuvor von schwachem Wachstum, Investitionsproblemen und wiederkehrenden Krisen geprägt war. Die Zinspolitik der EZB kann diese grundlegenden Widersprüche nicht lösen.
Kritik aus der Wirtschaft und von den Gewerkschaften
Der Leitzins bestimmt, zu welchen Konditionen sich Geschäftsbanken Geld bei der Europäischen Zentralbank leihen können. Er beeinflusst damit unmittelbar die Kreditkosten für Unternehmen und Privatpersonen. Das heißt: Wer einen Kredit aufnimmt, um ein Haus zu bauen oder ein Auto zu kaufen, kann in Zukunft mit höheren Kosten für Zinsen rechnen. Über diesen Mechanismus versucht die EZB, die Inflation zu steuern.
Steigende Preise bedeuten nicht nur, dass einzelne Produkte teurer werden. Sie führen auch dazu, dass die Kaufkraft des Geldes sinkt. Selbst Lohnerhöhungen können diesen Verlust meist nicht vollständig ausgleichen. Deshalb kommt es trotz umkämpfter Tarifabschlüsse häufig dazu, dass die Reallöhne stagnieren oder sogar zurückgehen und zu einem Reallohnverlust führen – so auch bei den vergangenen Tarifabschlüssen.
Mit der aktuellen Zinserhöhung verfolgt die EZB das Ziel, die Nachfrage zu bremsen. Höhere Zinsen verteuern Kredite und regen zum Sparen an. Unternehmen sollen weniger investieren, private Haushalte weniger konsumieren. Auf diese Weise soll die Geldmenge im Umlauf sinken und der Preisanstieg gebremst werden.
Allerdings wirkt dieser Mechanismus nur mit erheblicher Verzögerung: Oft vergehen viele Monate oder sogar mehr als ein Jahr, bis Zinserhöhungen ihre volle Wirkung entfalten. Gerade in Zeiten rascher wirtschaftlicher und politischer Veränderungen birgt diese Trägheit Risiken. Entwicklungen an den Rohstoffmärkten oder neue militärische Eskalationen können die Lage innerhalb kurzer Zeit grundlegend verändern.
An den Finanzmärkten kam die Entscheidung der EZB nicht überraschend. Die Zinserhöhung war bereits weitgehend eingepreist. Die Industrie stört sich dennoch daran. Denn höhere Finanzierungskosten erschweren Investitionen und gelten deshalb als Belastung für das Wirtschaftswachstum von Unternehmen.
Auch Gewerkschaften äußern sich skeptisch. Ein Sprecher der IG Metall erklärte laut Reuters, die Zinserhöhung bremse das Wachstum, ohne die eigentlichen Ursachen der Inflation zu beseitigen.
Neben der EZB dürfte auch die Bank of Japan ihre Geldpolitik weiter straffen. Für die kommende Sitzung wird von ihr eine Erhöhung des Leitzinses von 0,75 auf 1,0 Prozent erwartet. Dagegen rechnen Investor:innen derzeit nicht mit Zinsschritten der Bank of England oder der Schweizer Nationalbank.
Preissteigerungen und Sozialabbau treffen die Bevölkerung
Die deutsche Wirtschaft befindet sich seit Jahren in einer schwierigen Lage: Bereits die Krise von 2018/2019 hinterließ tiefe Spuren, die bis heute nicht vollständig überwunden sind. Als sich erste Anzeichen einer Erholung zeigten, wurde die wirtschaftliche Entwicklung durch die Corona-Pandemie erneut massiv zurückgeworfen. Der Krieg gegen den Iran trifft daher nicht auf eine stabile Wirtschaft, sondern auf ein bereits angeschlagenes System.
Noch Anfang 2026 sprach Dominik Rüger vom Immobiliendienstleister JLL von deutlichen Anzeichen einer Erholung auf dem Immobilienmarkt. Mit dem Ausbruch des Iran-Kriegs seien diese Hoffnungen jedoch zunichte gemacht worden. Die geopolitische Eskalation erschwere geplante Expansionen oder verzögere sie erheblich. Besonders die – jetzt eingetretenen – Zinserhöhungen der EZB würden die Branche zusätzlich belasten.
Von den aktuellen Entwicklungen ist vor allem die Baubranche betroffen. Während die Umsätze kaum wachsen, steigen die Kosten für Baustoffe und Energie rasant: Beton, Zement, Kunststoffe, Diesel und Heizöl verteuerten sich innerhalb weniger Wochen deutlich. Nach Angaben des Branchenverbands haben bereits rund 43 Prozent der Bauunternehmen ihre Preise erhöht, mehr als die Hälfte plant weitere Anpassungen. Auch in der Chemieindustrie rechnen Branchenvertreter damit, dass ein Großteil der Unternehmen die gestiegenen Kosten an die Kund:innen weitergeben wird.
Letztlich werden diese Preissteigerungen vor allem auf die Arbeiter:innen abgewälzt. Wohnen, Energie und andere grundlegende Lebenshaltungskosten lassen sich nicht einfach vermeiden. Hinzu kommt, dass die Folgen von Lieferengpässen laut einer Studie des Ifo-Instituts oft noch bis zu zwei Jahre nach dem ursprünglichen Schock spürbar bleiben.
„Jetzt ist der richtige Moment, um auf die Straßen zu gehen!“
Zusammen mit den angekündigten Kürzungen im Sozialbereich durch die Merz-Regierung deutet vieles darauf hin, dass die Kosten kommender Krisen erneut vor allem von der arbeitenden Bevölkerung getragen werden sollen.

