Das Wetterphänomen El Niño ist da und könnte eine Zunahme an Waldbränden, Dürren und Überflutungen bedeuten. Obwohl Europa der Kontinent ist, der sich am schnellsten aufheizt, sind wir darauf nicht vorbereitet. – Ein Kommentar von Manon Keun.
Alle vier bis sieben Jahre verändern sich die Passatwinde über dem Pazifik. Sie lassen nach, das kalte Tiefenwasser bleibt unten, und an der Oberfläche staut sich ungewöhnlich viel warmes Wasser. Sobald die Temperaturen dort über Monate hinweg mindestens 0,5 Grad über dem Normalwert liegen, spricht man von El Niño, was massive Auswirkungen auf die natürlichen Ökosysteme hat.
Vergangene El Niños haben beispielsweise zu Überflutung, starkem Wachstum schädlicher Algen, Dürre, extremer Hitze und Fischabwanderung sowie zu Fischsterben in den Ozeanen geführt. Auch die sogenannte Korallenbleiche, also das irreparable Absterben von Korallenriffen, ist eine bekannte Folge.
El Niño ist zwar ein natürliches Phänomen, aber der Klimawandel verschärft es. Für 2026 rechnen US-amerikanische Meteorolog:innen mit einer 63-prozentigen Wahrscheinlichkeit mit Temperaturen, die bis zu zwei Grad Celsius über der Normaltemperatur der Pazifikoberfläche liegen könnten. Der Klimaforscher Gabriel Vecchi von der Princeton University geht für 2026 außerdem von einem deutlich früheren Höhepunkt und tendenziell längeren Auswirkungen als bei bisherigen El Niños aus. In der Vergangenheit erreichte El Niño seinen Höhepunkt im Spätherbst oder frühen Winter.
Kipppunkt bei Korallenriffen erreicht – die Klimakrise rollt weiter
Weltweite Klimawarnung durch die UN
Der UN-Generalsekretär Guterres erkennt El Niño als „dringende Klimawarnung“. Weltweit würden die hohen Temperaturen von Juni bis August Wetterphänomene verursachen. Er fordert alle Staaten auf, sich darauf vorzubereiten. Vor allem Nordostafrika, Indien und Australien werden von extremer Hitze, Waldbränden und Dürre betroffen sein.
Mittel- und Südamerika, Süd- und Äquatorialafrika sowie die Westküste der USA werden vermutlich ebenfalls mit erhöhter Trockenheit und Wasserknappheit konfrontiert werden. Für die Ostküste der USA bedingt El Niño vermutlich eine mildere Hurrikansaison als gewöhnlich. Der Monsun in Indien könnte sehr knapp ausfallen, was nicht nur Ernteausfälle, sondern auch Trinkwassermangel bedeuten würde.
In Deutschland geht man mit El Niño zur Zeit zurückhaltend um. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) kündigt eine intensive Hitzewelle für die kommende Woche an, allerdings ohne auf El Niño zu verweisen. Man geht von einer indirekten Betroffenheit aus. Insbesondere für den Süden und Osten Deutschlands erwartet der DWD höhere Temperaturen als gewöhnlich, die aber nicht konkret auf El Niño zurückgeführt werden, sondern auf den Klimawandel im Allgemeinen.
Ein verstärkter El Niño, dessen globalen Auswirkungen auch Europa betreffen, ist allerdings eine solche Folge. Das sagt auch Prof. Dr. Johanna Baehr, die Leiterin der Forschungsgruppe Klimamodellierung am Institut für Meereskunde der Universität Hamburg: Für Europa werde El Niño zwar nur ein Einflussfaktor unter vielen bleiben, dennoch werden die erhöhte Globaltemperatur und die ungewöhnlich hohen Temperaturen im Nordatlantik relevant für uns sein. Hitzewellen, die durch El Niño bedingt sind, könnten sich möglicherweise auch noch im Jahr 2027 zeigen.
Auch Prof. Dr. Dietmar Dommenget von der Monash University in Melbourne, Australien, betont die langfristigen Auswirkungen vom Klimawandel auf El Niño: „Wenn es gar ein sehr starkes ‚Super-El Niño‘-Ereignis wird, dann könnten die langfristigen Auswirkungen im Jahr 2027 und darüber hinaus sehr deutlich werden, mit einer Beschleunigung der Erderwärmung und einer Trendumkehr im tropischen Pazifik, die die Trends in den Regenmustern in den tropischen und subtropischen Gebieten stark beeinflussen würden.“ Zudem könnten die Abstände zwischen den El Niño-Phänomen enger werden. Das würde die globale Erderwärmung bedeutend beschleunigen sowie die globalen Dürre- und Regenmuster verändern und hätte massive Folgen für die Landwirtschaft und Tierpopulationen.
Bloß keine Panik?
Insgesamt zeigen sich viele Klimaforscher:innen unsicher über die Vorhersagbarkeit und Schwere des Phänomens. Aussagen über die zukünftige Häufigkeit und Intensität sind nicht hinreichend abgesichert, es gibt widersprüchliche Ergebnisse und Prognosen für sehr verschiedene Verläufe. Für die Berichterstattung um El Niño empfiehlt das Science Media Center Germany die Benennung der hohen Wahrscheinlichkeiten (beispielsweise 96 Prozent für die längere Fortdauer des El Niños 2026), aber mahnt zur Zurückhaltung bezüglich Prognosen wie „Super El Niño“. Es gäbe zwar Studien, die von einem milden Winter in Nordeuropa und mehr Niederschlägen in Südeuropa ausgehen, dennoch solle man gegenüber der Öffentlichkeit kommunizieren, dass keine belastbaren Auswirkungen tatsächlich belegbar sind.
Der diesjährige Mai war der zweitheißeste seit Beginn der Aufzeichnungen. Hinsichtlich des belegten Klimawandels und der tatsächlichen Erhöhung der Globaltemperatur sowie der Erfahrung aus vergangenen schweren El Niños 1997 und 2015 ist es an der Zeit, mögliche Folgen auch in Europa ernst zu nehmen und sich entsprechend vorzubereiten, sagt Dr. Daniela Matei vom Max-Planck-Institut für Meteorologie. Sie prognostiziert für den nord- und mitteleuropäischen Winter starke Kaltlufteinbrüche und für den darauffolgenden Sommer 2027 erneut intensive Hitzewellen. Das kündigt auch das Deutsche Komitee Katastrophenvorsorge so an.
Klimawandel und Heat-Dome: Europa erlebt neue Temperaturrekorde
Der Meteorologe Jan Schenk betont, dass die klimatischen Folgen für Deutschland zwar gering wären, die Preise für Kaffee, Kakao, Reis, Zucker und Getreide in Europa aber durch die kommende Ernteausfälle in wichtigen Anbaugebieten wie Indien, Südostasien und Teilen von Südamerika steigen könnten. Auch Ernteausfälle in der Sojaproduktion könnte die Tierindustrie in Deutschland treffen. Dürren bedingen nicht nur Ernteausfälle, sondern zwingen Menschen auch dazu, sich umzusiedeln und haben Einfluss auf Löhne, Lieferketten und Preisvolatilität. Damit betrifft El Niño auch weltweit die Existenzen von Arbeiter:innen.
Europa brennt bereits
Klar ist: Deutschland ist nicht nur indirekt betroffen. Die fortschreitende Desertifikation, also die Wüstenbildung mit Verschlechterung und Zerstörung von fruchtbaren Böden in ohnehin trockenen Regionen wie beispielsweise in Brandenburg, ist längst bekannt. Konkrete Maßnahmen wie Aufforstung, Verzicht auf Monokulturen, nachhaltige Landwirtschaft und Wasserrückhaltung wären notwendig. Die Lieberoser Wüste in der Lausitz ist die größte Wüste Deutschlands, entstanden durch Übernutzung, Waldbrände und Störung der Vegetation für Militärzwecke. Große Gebiete Brandenburgs versanden, es findet ein Humusverlust statt, dadurch geht die Bodenfruchtbarkeit deutlich zurück.
Mittlerweile haben 13 EU-Länder Wüstenbildung gemeldet, knapp ein Viertel der EU-Fläche ist stark degradierungsgefährdet. Täglich verschwinden bis zu 70 Fußballfelder an Naturflächen, die zu sekundären Wüsten werden. Bereits im letzten Sommer erlebte Europa eine massive Hitzewelle, die besonders den Süden in Atem hielt: Dort verbrannten bis zu 1.034.550 Hektar Waldfläche. 85 Prozent der griechischen Bevölkerung war Temperaturen von über 40 Grad im Juli ausgesetzt. Das vierte Jahr in Folge waren die Temperaturen 2025 so hoch wie nie zuvor, über 14.500 Menschen in Europa waren von Überflutung und extremen Niederschlag betroffen. Europa ist der Kontinent, der sich im weltweiten Vergleich am schnellsten aufheizt.
In polaren Regionen und Skandinavien gab es bis zu zwei Wochen starker Hitzebelastung – in einem durchschnittlichen Jahr sind diese Hitzebelastungen nie länger als zwei Tage gewesen. Die daraus resultierende Gletscherschmelze hob den globalen Meeresspiegel um 0,4 Millimeter an. Die Hitze bedingt auch immer größere Zeckenpopulationen im Norden. El Niño wird eine ähnliche, aber noch stärkere Situation dieser Art herbeiführen, so ein Bericht des Klimawandeldienstes Copernicus der Europäischen Union und der Weltorganisation für Meteorologie (WMO).
Bis 2030 hat sich die EU das Ziel gesetzt, keine weiteren Bodenverluste zuzulassen; inwiefern dieses Ziel tatsächlich verfolgt wird, bleibt an dieser Stelle unklar. In Anbetracht des fehlenden politischen Handelns um einen verstärkten El Niño entsteht der Eindruck, dass die Desertifikation und andere Folgen wie Überflutungen, die Deutschland (und Europa) akut betreffen, nicht ernst genug genommen werden, sondern der Klimawandel ausschließlich anhand wirtschaftlicher Faktoren verhandelt wird.
Schließlich ist Brandenburgs Wasserhaushalt massiv von dem Tesla-Werk in Grünheide beeinflusst. Den Bedarf von 373.000 Litern pro Stunde (in Trinkwasserqualität) zu decken, war laut Expert:innen nie realistisch und von Anfang an eine zu große Belastung für die Umwelt. Einige kleine Seen sind bereits ausgetrocknet, bei anderen sinkt der Wasserspiegel stetig und hinzu kommt, dass das Werk eigentlich in einem Wasserschutzgebiet steht. 79 Seen in Brandenburg haben aktuell einen Wasserrückgang; die Grundwasserneubildung ist deutlich langsamer als die Entnahme. Ein weiterer Grund dafür ist der Braunkohleabbau in der Lausitz.
Deutschland und die Klimaziele: War da nicht was mit der Umwelt?
Wer durch Hitzestress stirbt, ist keine Frage des Wetters
Mindestens 37 Menschen sind in Indien an der letzten Hitzewelle im Mai 2026 gestorben. Eine neue Studie zeigt, dass die nächste Hitzewelle bis zu 3.400 Tote am Tag fordern könnte und die offiziellen Zahlen der Regierung vermutlich eine grobe Unterschätzung sind.
Wer durch Hitzestress stirbt, entscheidet sich in den meisten Fällen durch die Klassenzugehörigkeit: Arbeiter:innen können sich meist weniger in klimatisierte Bereiche zurückziehen, leben in schlechteren Wohnverhältnissen, müssen häufiger Wege zurücklegen und sind die Ersten, die bei Wassermangel Rationierung des Trinkwassers erleiden sowie hohe Preise für abgefülltes Wasser zahlen müssen. In Indien leben circa 380 Millionen Menschen in Bedingungen, in denen Hitze für sie lebensgefährlich ist.
Bis 2050 wird der Klimawandel vermutlich 216 Millionen Menschen dazu zwingen, ihren Wohnort zu wechseln. Sei es in Brandenburg oder Indien: Der kommende El Niño gefährdet Existenzen und Menschenleben und erfordert konkrete Gegen-Maßnahmen.

