Die Europäische Union hat am Montag den Weg für eine mögliche getrennte Beitrittsperspektive Moldaus geebnet, die die Ukraine im Prozess überholen könnte. Mit Blick auf den russischen Einfluss und die strategische Lage des Landes zwischen der Ukraine und Rumänien wird der Beitritt des kleinen Landes zur geostrategischen Investition, die den Konflikt mit Moskau weiter verschärfen könnte.
Die Europäische Union hat am Montag in Brüssel den Weg für eine mögliche Entkopplung der Beitrittsprozesse von Moldau und der Ukraine geebnet. Beide Länder hatten im Juni 2024 formal die Verhandlungen eröffnet, doch nun deutet sich an, dass das kleinere Moldau sein Nachbarland im Osten überholen könnte. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte nach dem EU-Moldau-Gipfel: „Sobald der erste Cluster geöffnet ist, ist jedes Bewerberland für sich selbst verantwortlich.“ Ratspräsident António Costa lobte das Reformtempo der moldauischen Regierung und prognostizierte, das Land könne die verbleibenden fünf Cluster „zügig“ öffnen.
Mehr als ein Beitritt: EU startet Verhandlungen mit der Ukraine
Moldau vor der Ukraine?
Die formellen Beitrittsverhandlungen waren im Juni 2024 eröffnet worden, nachdem Ungarn seine Blockade gegen die Ukraine aufgegeben hatte. Seitdem durchliefen beide Länder das sogenannte Screening. Im September 2025 erklärte die EU sie für bereit für die Endrunde. In den letzten Tagen gelang die Öffnung des ersten Verhandlungskapitels, des sogenannten „Fundamentals“-Clusters, der Rechtsstaatlichkeit, Justiz, Korruptionsbekämpfung und Menschenrechte im EU-Sinne umfasst.
Für Moldau könnte es nun schneller gehen als für die Ukraine. Die EU-Kommission signalisierte, dass der Beitrittsprozess nicht mehr an den Fortschritten der Ukraine gemessen werde. Dies ist eine bedeutende politische Wende, denn seit den frühen Tagen des russischen Krieges galten die beiden Bewerbungen als informelles Paket. Ein solcher Schritt war politisch heikel, weil eine Entkopplung als falsches Signal an die Ukraine gewertet werden könnte. Nun jedoch scheint Brüssel bereit zu sein, einen Sonderweg für Moldau zu gehen, zumal das Land im Frieden lebt und sein Nachbar sich im Krieg befindet. Ein einziges Veto unter den 27 EU-Staaten reicht jedoch, um den gesamten Prozess für beide Länder zu blockieren.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, der die Entwicklung mit Sorge beobachtet, sagte zu den EU-Staatschefs: „Der erste Cluster wurde vor Kurzem geöffnet, und sowohl die Ukraine als auch Moldau haben das voll verdient. Wir sind bereit, weiterzugehen. Am liebsten gemeinsam“.
Ein kleines Land mit großer strategischer Bedeutung
Die strategische Bedeutung Moldaus für die EU ist enorm. Moldau ist das ärmste Land Europas und liegt unmittelbar zwischen der Ukraine und Rumänien. Die Hauptstadt Chișinău ist weniger als 200 Kilometer von der ukrainischen Hafenstadt Odessa entfernt. Russland hat seit Jahrzehnten einen militärischen Stützpunkt in der abtrünnigen Separatisten-Region Transnistrien und betrachtet das Land als Teil seiner Einflusssphäre. Der Kreml hat nach Einschätzung von Beobachtern versucht, mit allen Mitteln den pro-europäischen Kurs der Regierung in Chișinău zu stoppen.
Die EU hat erheblich in die Einflussnahme des Landes investiert. Schon vor der Wahl im September 2025 sagte die EU-Kommission Fördergelder in Höhe von 1,8 Milliarden Euro zu. Das Land erhält zudem militärische Unterstützung durch die NATO und pflegt eine enge sicherheitspolitische Kooperation mit Rumänien und der Ukraine.
Zudem gibt es eine Separatistenbewegung im Osten des Landes an der Grenze zur Ukraine. Transnistrien ist dabei explizit prorussisch und kann mit den Separatistenregionen im Osten der Ukraine verglichen werden.
Wahl in Moldau: Pro-russische Partei verboten, Pro-EU Partei siegt
Pro-europäischer Kurs nach hartem Machtkampf gesichert
Die Parlamentswahlen in Moldau am 21. September 2025 waren eine Zäsur. Die regierende pro-europäische Partei PAS von Präsidentin Maia Sandu gewann mit 50,2 Prozent die absolute Mehrheit. Das prorussische Bündnis unter Führung des Ex-Präsidenten Igor Dodon erreichte nur 24,2 Prozent.
Der Wahlkampf war dabei von massiven Einflussversuchen geprägt. So berichteten Sicherheitsbehörden von beispiellosen Versuchen Moskaus, Stimmen zu kaufen, KI-generierte Desinformation zu verbreiten und sogar Unruhen zu organisieren. Gleichzeitig wurden vor den Wahlen zwei prorussische Parteien verboten und 77 Personen festgenommen. Auch die weitere Wahlkampfunterstützung durch die EU sollte nicht unerwähnt bleiben.
Die Wahl wurde als Entscheidung zwischen Ost und West interpretiert. Der pro-europäische Kurs hat sich dabei im Machtkampf durchgesetzt. Moldau will nun bis 2030 der EU beitreten. Der moldauische Premierminister Alexandru Munteanu sagte auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos: „Die Republik Moldau war schon immer ein europäisches Land“. Er räumte jedoch ein, dass sich das Land nicht allein verteidigen könne und auf die EU angewiesen sei.
Der Historiker Oliver Jens Schmitt von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften beschreibt das Vorgehen in der Republik Moldau als vorbildhaft. Moldau habe der EU gezeigt, wie man den russischen Einfluss bekämpfen kann. Dabei spielt er explizit auf Parteiverbote, Festnahmen und Paramilitärs auf der Straße an. Dies zeigt, wie offen der Kampf gegen echte oder vermeintliche Feinde der europäischen Vorherrschaft angegangen wird und damit auch die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird – solange man den Gegner in die „russische Ecke“ stecken kann.
Ein geopolitischer Paukenschlag
Die EU hat mit der Öffnung des Beitrittsprozesses für Moldau und der Andeutung einer möglichen Entkopplung von der Ukraine ein starkes geopolitisches Signal gesendet. Dieses Signal geht über den eigentlichen Beitrittsprozess weit hinaus.
Es zeigt, dass die EU bereit ist, ihren Einflussbereich auch in der postsowjetischen Peripherie zu erweitern und ein kleines Land, das unter enormem Druck aus Moskau steht, in die Gemeinschaft zu integrieren. Die EU-Erweiterung wird hier zur geostrategischen Investition – ein Schritt, der den Konflikt mit Russland weiter verschärfen könnte.

