„Flamingo-Revolution“: Massenproteste in Albanien gegen Ausverkauf an Trump-Familie

In den letzten Wochen kam es in Albanien zu massiven Protesten gegen den Ausverkauf der Insel Sazan und weiterer Gebiete zum Bau von Luxus-Resorts durch Milliardär:innen. Die Regierung verteidigt derweil ihr Vorhaben. Nicht zum ersten Mal steht sie wegen Korruption in der Kritik.

„Ivanka geh nach Hause“, „Edi Rama raus“ und „Albanien ist nicht zu verkaufen“ sind die Slogans tausender Albaner:innen, die sie auf Pappschildern bei den seit Wochen andauernden Proteste im Land in die Höhe halten. Auch selbstgebastelte Flamingos sind Zeichen des Protests. Diese leben an den Küsten der unbewohnten Insel von Sazan im Südwesten des Landes, 150 Kilometer von der Hauptstadt Tirana entfernt. Dort sollen große Flächen für das Bauvorhaben des Ehepaars Ivanka Trump und Jared Kushner verkauft werden.

In einem Interview erzählte Ivanka Trump, wie sie bei einem Yachtausflug die Insel „entdeckt“ habe und seitdem von dem Projekt träume. Jetzt haben sie mit der Regierung einen Deal geschlossen, eine luxuriöse Hotelanlage dort bauen zu dürfen. Die Regierung erwartet dadurch hohe Einnahmen und hofft, die beliebteste Urlaubsregion am Mittelmeer zu werden.

Bagger und Bauzäune stehen bereit

Viele Albaner:innen haben jedoch keine Lust darauf. Eine Online-Petition gegen die Baupläne hat bereits 120.000 Unterzeichner:innen. Die Insel Sazan, eine ehemalige Militärbasis, ist heute ein Naturschutzgebiet für über 250 Vogelarten und weitere Tiere. Unter anderem brüten dort Flamingos. Für Zugvögel dient die Küste als Rastplatz auf dem Weg nach Afrika. Amphibien und Reptilien laufen Gefahr, durch die Bauarbeiten zerquetscht zu werden.

Ivanka Trump bezeichnet das Projekt als Bau einer neuen Stadt. Es seien Hochhäuser mit Platz für bis zu 10.000 Menschen geplant. Gleichzeitig handelt es sich bei den Orten um Teile der „Natura 2000“, also expliziten Naturschutzgebieten der Europäischen Union. Umweltschützer:innen benennen die Gefahr der Zerstörung mehrerer Hundert Hektar unbebauter Natur und Stränden.

Gegenüber der Insel am Festland liegt das kleine Dorf Zvernec. Auch hier sollen Luxus-Resorts entstehen. In Zvernec begann am 23. Mai die Protestwelle nach Zusammenstößen zwischen Protestierenden und privaten Sicherheitskräften. Ein Video der Zusammenstöße verbreitete sich schnell über das ganze Land. In Zvernec stehen bereits Bauzäune und Bagger bereit. Ivanka erklärte, ihr gehöre der acht Kilometer lange Küstenabschnitt.

Rolle der Regierung

Der vielfach kritisierte Edi Rama ist Albaniens Ministerpräsident. Er selbst sagte aus, er „werde Albanien zur Prinzessin der Urlaubsziele am Mittelmeer machen“. Das Abkommen zwischen dem albanischen Staat und der Trump-Familie ist scheinbar bereits Anfang 2025 geschlossen worden. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Viele Protestierende fordern deshalb nicht nur, dass das Bauprojekt gestoppt wird, sondern auch den Rücktritt des Ministerpräsidenten. Rama selbst stellte bereits klar, dass er das Bauvorhaben auf keinen Fall stoppen werde. Er begründet es damit, die albanische Wirtschaft würde den Aufschwung brauchen, den der Tourismus erzeugen würde.

Zusätzlich unterstützt die Regierung die Bebauung der Gebiete dadurch, dass die Investor:innen während der Bauphase von Steuern befreit werden und die Regierung selbst die Infrastruktur wie Strom und Wasser gewährleistet. Die Suche nach weiteren beteiligten Investor:innen gestaltet sich derweil schwieriger.

Eine investigative Journalistin beschreibt es als die Suche nach der kleinsten Matroschka-Puppe. Anstelle einzelner Verantwortlicher fand sie nur immer mehr Scheinunternehmen. Der Repräsentant von Kushners Firma äußerte zuvor, seine Firma sei nicht Teil des Projekts, sondern nur Einzelpersonen.

Geht man den Unternehmen genauer auf den Grund, findet man zwei Personen, deren Besitz mehrere Hundert Millionen Quadratmeter albanischen Grunds umfasst. Hierbei werden die großen Summen verständlich, die an die Regierung gewandert sein müssen, für welche die Gebiete verkauft wurden.

Proteste zu Jahresbeginn

Seit Ende Mai gehen Albaner:innen ununterbrochen auf die Straße. Teils fliegen Albaner:innen sogar dafür in ihr Heimatland zurück und beteiligen sich. Dabei spielt der Schutz der Umwelt eine große Rolle und, dass die Bevölkerung sich gegen Massentourismus stellen will. Auch in anderen Regionen Südeuropas, wie etwa Italien oder Spanien, gibt es seit längeren Proteste gegen Massentourismus.

Doch die Proteste richten sich gegen mehr als das Immobilienprojekt. Es ist nicht das erste Mal dieses Jahr, dass Menschen in Massen gegen Korruption in der Regierung demonstrieren. Im Frühjahr 2026 gab es schon einmal eine Protestwelle gegen Korruptionsvorwürfe der Regierung. Für viele habe der aktuelle Skandal nur „das Fass zum Überlaufen“ gebracht.

Proteste in Albanien – Zwischen EU-Beitritt und Korruption

20 Haftbefehle wegen Korruption

Die Staatsanwaltschaft für Korruption und organisiertes Verbrechen (Spak) erließ Anfang Juni 20 Haftbefehle, die gegebenenfalls mit dem Bauprojekt und seinen Investor:innen zu tun haben. Vier davon wurden bereits umgesetzt. In den Ermittlungsakten finden sich Verträge, die auf das Bauprojekt im Naturschutzgebiet deuten.

Dort finden sich Initialen von Firmen und Menschen, die nach aktuellem Stand mit Beteiligten des Projekts der Investmentfirma Affinity Partners von Jared Kushner in Verbindung stehen. Gleichzeitig ist es durch ein Firmengeflecht und verschiedenste Beteiligungen sehr schwer herauszufinden, welche Menschen genau an den Firmen beteiligt sind.

Ministerpräsident Rama erklärte zuletzt, dass es für die Bauvorhaben noch keine Genehmigung gebe. Gleichzeitig stehen bereits Bauzäune und Bagger vor Ort. Er bestreitet den Verkauf der Insel, was die Proteste jedoch nicht abschwächt. Er bezeichnet den Luxustourismus zudem als Lösung gegen Massentourismus.

Die sogenannte „Flamingo-Revolution“, also die Protestwelle wird zwar von der Bevölkerung in großen Teilen begrüßt, stößt aber auch auf Widerstand von staatlicher und privater Seite. So griffen am 30. Mai private Sicherheitskräfte den friedlichen Protest in Tirana an.

Die Proteste in der Hauptstadt Tirana haben den Charakter einer Massenbewegung angenommen. Menschen gehen trotz verschiedenen Alters oder politischer Unterschiede gemeinsam auf die Straßen. Gleichzeitig fehlt den Protestierenden aktuell noch eine gemeinsame Linie abseits von Antikorruption und der Forderung nach dem Rücktritt der Regierung.

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