Um den akuten Personalmangel an der Front zu beheben, plant die Ukraine, künftig bis zu der Hälfte ihrer Sturm- und Infanterieposten mit ausländischen „Legionären“ zu besetzen – angeworben von privaten Headhuntern. Finanziert wird dieses milliardenschwere Programm durch ein EU-Darlehen von 90 Milliarden Euro.
Die ukrainische Armee hat nach über vier Jahren Krieg gegen Russland Probleme, neuen Nachschub für den Einsatz an der Front zu generieren. Vermehrt rückt deshalb auch die Frage nach der gezielten Rekrutierung im Ausland in den Vordergrund.
Wie verschiedene Nachrichtenportale berichten, lagert das ukrainische Verteidigungsministerium unter anderem für diesen Zweck die Rekrutierung, Sicherheitsüberprüfung und Transport der Kandidaten an private Agenturen aus. Diese erhalten eine direkte Auszahlung für jeden Rekruten, der in der Ukraine eintrifft und einen Vertrag unterschreibt – de facto also ein Kopfgeld pro gelieferten Soldaten.
Namen oder Lizenzanforderungen für diese Firmen nennt das Ministerium bislang nicht. Spezifische Aufsichtsmechanismen gegen Missbrauch oder Menschenhandel sind in den veröffentlichten Dokumenten nicht erkennbar. Die Regierung in Kiew plant, künftig so bis zu 50 Prozent der Sturm- und Infanterieposten mit ausländischen Kämpfer:innen zu besetzen. Der stellvertretende Verteidigungsminister Mstyslav Banyk erklärte, das Ziel sei, einen Markt für die Rekrutierung von Ausländern zu schaffen, ähnlich wie zuvor Märkte für Drohnen und elektronische Kampfführung entstanden seien.
Sold von bis zu 11.000 Euro
Die Vergütungsstruktur des neuen „Infanterie-Sturm-Kontrakts“ ist auf maximale Anreize ausgelegt. Der Basissold beträgt umgerechnet rund 580 Euro monatlich. Hinzu kommen gestaffelte Tageszulagen: für Positionsarbeit, Such- und Angriffsaktionen und bis zu 1000 Euro für aktive Sturmangriffe.
Insgesamt ergibt sich damit ein Durchschnittseinkommen von etwa 7000 Euro monatlich, das Maximum liegt bei 11.000 Euro. Zum Vergleich: In der Regel verdient man in der Ukraine nur rund ein Zehntel davon, also etwa 720 Euro im Monat.
Die Ukraine will die Infanterie damit zu den „bestbezahlten Militärspezialisten der Welt“ machen. Ausländische Legionäre gelten rechtlich als vollwertige Angehörige der ukrainischen Streitkräfte, nicht als Söldner. Sie unterliegen dem ukrainischen Militärrecht und haben Anspruch auf medizinische Versorgung sowie Veteranenleistungen. Familien Gefallener erhalten eine staatliche Entschädigung von umgerechnet rund 365.000 Euro.
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EU-Milliarden als Rückgrat der Offensive
Die Liquidität für diese Sold-Offensive speist sich scheinbar unmittelbar aus westlichen Töpfen. Die Ukraine hat sich ein EU-Darlehen über 90 Milliarden Euro gesichert, dessen Mittel noch in diesem Monat fließen sollen. Die Verteidigungsausgaben steigen damit auf den Rekordwert von rund 97 Milliarden Dollar, knapp 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Ohne die europäischen Finanzhilfen wären die massive Solderhöhung und die Anwerbung ausländischer Kämpfer:innen schlicht unbezahlbar.
Innenpolitisch hat die Reform ein klares Ziel: Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyi verkauft den Umbau als Voraussetzung dafür, lang dienende ukrainische Frontsoldaten bis Jahresende schrittweise aus dem Dienst zu entlassen. Die Ukraine transformiert ihre Armee damit von einer Bürgerarmee hin zu einer hoch bezahlten, teilprivatisierten Streitmacht, ein historisches Experiment unter dem Druck eines Zermürbungskrieges.
Die Ukraine fordert zudem, die EU solle den vorübergehenden Schutzstatus für ukrainische Männer im Wehrpflichtalter bei Neuanträgen einschränken, explizit mit dem Argument, die Rekrutierungsbasis der Ukraine zu stärken. Im eigenen Land ist die Zwangsrekrutierung gegen den Willen der betroffenen Männer längst Alltag.
Immer wieder gibt es Berichte von Entführungen wehrfähiger Männer durch die ukrainischen Behörden. Ein Ukrainer schildert, wie er überraschend und gewaltsam aus seiner Wohnung geholt wurde: Drei maskierte Männer seien in seine Wohnung eingedrungen und hätten ihn in einen Kleinbus mit getönten Scheiben gezwungen. Dabei sagten sie zu ihm: „Zeit, dem Land zu dienen.“ Anschließend sei er direkt zu einem Rekrutierungs- und Sozialzentrum gebracht worden. Unter Ukrainer:innen wird dieses Vorgehen bereits als „Busifizierung“ bezeichnet.
Die Privatisierung der Kriegsführung: Ein Punktesystem für militärische Leistungen
Die Rekrutierungsoffensive ist nicht der einzige Bereich, in dem die ukrainische Kriegsführung nach marktwirtschaftlichen Prinzipien organisiert ist. Bereits seit August 2024 läuft das „Army of Drones Bonus“-Programm, ein Punktesystem für militärische Einheiten, das an Videospiele erinnert. Mehr als 400 Drohneneinheiten nehmen daran teil und werden auf einer Bestenliste geführt. Für bestätigte Abschüsse und Zerstörungen erhalten sie sogenannte E-Points, die sie gegen zusätzliche Ausrüstung eintauschen können, etwa Drohnen, elektronische Kampfsysteme oder Bodenroboter. Die staatlich unterstützte Plattform Brave1 Market fungiert dabei als eine Art „Amazon für die Militärtechnologie“.
Die Punktevergabe folgt einer klaren Preistabelle: Die Verwundung eines russischen Soldaten bringt acht Punkte, seine Tötung zwölf, die Zerstörung eines Panzers 40 Punkte, eines Mehrfachraketenwerfers 50 und das Abschießen eines Hubschraubers 100 Punkte. Der höchste Wert ist mit 120 Punkten für die Gefangennahme eines Soldaten per Drohne dotiert. Pro Punkt kann eine Einheit Technik im Wert von umgerechnet etwa 240 Dollar bestellt werden. Die ukrainische Regierung hat für dieses System allein im September 2025 über 38 Millionen Euro zusätzlich bereitgestellt.
Das System hat deutliche Auswirkungen auf die Rekrutierung. Einheiten mit hohen Punktzahlen auf der Bestenliste gelten als attraktive Arbeitgeber und ziehen neue Kämpfer:innen an. Die Einheiten bewerben ihre Erfolge gezielt über soziale Medien mit professionell geschnittenen Angriffsvideos. Gleichzeitig räumen Verantwortliche ein, dass das System nicht perfekt ist und die Jagd nach Punkten die Erfüllung taktischer Aufgaben in den Hintergrund drängen könne. Die Punktewerte werden regelmäßig an die sich ändernden Frontprioritäten angepasst.
Annäherung an die russische Mobilisierungsstrategie
Die Rekrutierungsoffensive wirft selbst für das ukrainische Militär Fragen auf. Das Verteidigungsministerium räumt ein, dass ein Teil der ausländischen Freiwilligen früher nicht vollständig verstanden habe, unter welchen Bedingungen sie dienen würden. Das hat bereits zu vorzeitigen Vertragsauflösungen geführt.
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Zugleich zeigt das ukrainische Vorgehen Parallelen zu russischen Rekrutierungsmethoden. Russland wirbt nach Erkenntnissen des ukrainischen Militärgeheimdienstes systematisch Menschen aus dem Ausland an, offiziell für Arbeit, aber auch für den Kriegseinsatz. Das ukrainische Hauptquartier für Kriegsgefangene hat nach eigenen Aussagen mindestens 18.000 ausländische Staatsangehörige aus 37 Ländern identifiziert.
Rekrutiert werden diese wohl vor allem aus Asien und Afrika, wo russische Rekrutierungsnetzwerke aktiv sind. Im Fokus stehen arme städtische Jugendliche in ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien sowie in Ländern wie Sri Lanka, Nepal, Kenia und Kamerun. Dort wird ihnen Arbeit in Russland versprochen, doch in der Realität werden sie nach ihrer Ankunft gezwungen, einen Vertrag mit der Armee zu unterschreiben.
Im Frühjahr startete das russische Innenministerium zudem ein Programm mit dem Namen „Zeit, in Russland zu leben“, das hochqualifizierte Fachkräfte anziehen soll. Inwiefern dieses Programm für ähnliche Zwecke genutzt werden könnte, ist unklar. Denn auch der tatsächliche Einsatz von Fachkräften in verschiedenen Bereichen ist für die Aufrechterhaltung der eigenen Kriegsfähigkeit notwendig.

