Nach 140 Tagen Hungerstreik: Athener Stadtrat spricht sich gegen Räumung von Prosfygika aus

Der Hungerstreik von Bewohner:innen der selbstverwalteten Nachbarschaft Prosfygika hat zu einem ersten Erfolg geführt. Der Stadtrat fordert die verantwortliche Region Attika auf, die Räumung zu stoppen. Aristotelis Chantzis befindet sich nach Beendigung des Hungerstreiks weiter in Lebensgefahr.

Die Stadtverwaltung Athens hat die geplante Räumung des selbstverwalteten Viertels Prosfygika vorerst gestoppt. Sie knickte am Mittwochabend unter dem Druck der Bewohner:innen, solidarischer Unterstützer:innen und der Hungerstreikenden Aristotelis Chantzis und Suzon Doppagne ein. Chantzis wurde dabei am Montag aufgrund seines kritischen Gesundheitszustands in ein Krankenhaus eingeliefert. Beide Hungerstreikenden haben aufgrund der Erreichung des Ziels, die Räumung zu verhindern, ihren Hungerstreik beendet.

Widerstandsbewegung erkämpft erfolgreich einen Stopp der Räumung

Am Mittwochabend forderte der Stadtrat die zuständige Verwaltung der Region Attika auf, die geplante Räumung des selbstverwalteten Viertels unverzüglich zu stoppen. Bürgermeister Haris Doukas erklärte, dass sich eine Mehrheit des Athener Stadtrats dieser Entscheidung angeschlossen habe.

Einen entscheidende Rolle spielte dabei der Hungerstreik der beiden Aktivist:innen. So erklärte der Bürgermeister: „In diesen entscheidenden Stunden stellen unsere Fraktion, Athens Now und Open City den Schutz menschlichen Lebens über alles andere.“ Die Entscheidung des Stadtrats kann daher direkt auf den Gesundheitszustand und das Durchhaltevermögen der Hungerstreikenden sowie der Bewohner:innen Prosfygikas zurückgeführt werden.

Des Weiteren heißt es in der Erklärung, dass die Verwaltung der Region Attika und die Bewohner:innen des besetzten Viertels in einen Austausch treten sollen, um eine „allgemein akzeptierte Lösung“ für Prosfygika zu finden.

Die Bewohner:innen des wohl größten selbstverwalteten Wohnprojekts Europas zeigen sich zuversichtlich. Den erfolgreichen Hungerstreik bezeichnen sie als „siegreichen Kampf – als eine Welle des Widerstands von unten, der es gelang, eine breite und ausgeweitete Front gegen die Politik des Todes zu bilden.“ Dabei werden sie den Kampf mit anderen Methoden fortsetzen.

Die Geschichte von Prosfygika

Das in Athen liegende selbstverwaltete Viertel Prosfygika besteht aus acht Häuserblöcken, die in den 1930ern für Geflüchtete aus Asien errichtet wurden. Die insgesamt 228 Wohnungen wurden seit den frühen 2000er Jahren vor allem von Geflüchteten und Menschen aus der anarchistischen und kommunistischen Bewegung bezogen. Bis heute gilt das Viertel als Zentrum für die türkische und kurdische Widerstandsbewegung.

Aufgrund von Problemen mit Strukturen der Mafia entschieden sich 2010 einige Besetzer:innen, eine Kollektivierung der Häuserblöcke anzustreben. Sie gründeten die Versammlung der besetzten Prosfygika, um so als politische Einheit zu agieren und selbstverwaltetes Wohnen zu ermöglichen.

Prosfygika in Athen: Ein internationalistisches Wohnprojekt im Visier des Staates

Bis heute werden die Entscheidungen in Prosfygika von ihrem höchsten Entscheidungsorgan, der Generalversammlung, getroffen. Auf den ungefähr 15.000 selbstverwalteten Quadratmetern leben etwa 400 Menschen, die ihre Grundbedürfnisse durch 22 selbstorganisierte Strukturen wie eine Bäckerei, eine Gesundheitsstation und eine autonome Frauenstruktur befriedigen.

Der griechische Staat plante seit Jahren Räumung Prosfygikas

Seit Jahren erhöht der griechische Staat den Druck auf das selbstverwaltete Viertel. Im Februar veröffentlichte die Generalversammlung eine Mitteilung, laut der seit mehreren Monaten ein neuer Räumungsversuch vorbereitet werden solle. Dem vorausgegangen waren drei gescheiterte Räumungsversuche in den letzten zehn Jahren. Doch dieses Mal schien der Räumungsversuch besser vorbereitet und breiter mobilisiert.

Die Regierung der Region Attika hatte im Juni 2025 einen geheimen Vertrag über fünfzehn Millionen Euro abgeschlossen: so sollte mit Unterstützung von EU-Geldern die Schaffung von Sozialwohnungen und Unterkünften für Angehörige von Krebspatient:innen ermöglicht werden. Die Gemeinschaft nennt dies einen „schamlosen Vorwand“, der das Ziel verfolge, selbstorganisierte Räume zu beseitigen, politisch unliebsame Nachbarschaften zu kontrollieren und Immobilienmärkte anzukurbeln.“

Des Weiteren kritisieren sie, dass die Vorhaben des griechischen Staats nur als Vorwand verstanden werden können, da die derzeitigen Bewohner:innen schon jetzt all das leisten, was sich der Staat von einer Sanierung verspreche. In der Erklärung vom Februar dieses Jahres schreibt die Generalversammlung: „Mehr als 400 Menschen auf die Straße zu werfen, um 50 andere unterzubringen, ist keine Sozialpolitik. Das ist Verdrängung.“

Hungerstreik der Aktivist:innen Chantzis und Doppagne

Infolge der Veröffentlichung über die geplante Räumung trat der griechische Aktivist Aristotelis Chantzis Anfang Februar in einen Hungerstreik. Seitdem nahm Chantzis nur Wasser, Tee, Vitamine, Mineralstoffe und etwas Zucker zu sich.

Am 1. Mai schloss sich die Aktivistin Suzon Doppagne an. Am 28. Tag ihres Hungerstreiks sagt sie in einem Interview mit der WOZ: „Wir machen die Sache nicht größer, als sie ist. Wir mussten einfach die Antwort geben, die angesichts der Heftigkeit des Angriffs auf Prosfygika angemessen war – und angesichts der kurzen Zeit, die wir haben, um ihn abzuwehren.“

Anfang dieser Woche verschlechterte sich der Gesundheitszustand des Aktivisten Aristotelis Chantzis rasant, sodass er in akuter Lebensgefahr schwebte. Daraufhin wurde er am 138. Tag seines Hungerstreiks in ein Athener Krankenhaus eingeliefert. Vor seiner Einlieferung wandte sich Chantzis an die Medien und erklärte: „Der Kampf geht weiter. Wir werden bis zum Tod kämpfen, bis wir Recht bekommen. Wir tragen die Verantwortung für 400 Menschenleben, für unsere Gesellschaft. Wir werden siegen.“ Er machte dabei das Siegeszeichen – getreu dem Motto des Kampfes der Prosfygika: „Entweder wir siegen oder wir siegen!“

Nach Bekanntwerden der Unterstützung durch die Stadtverwaltung beendeten sowohl Chantzis als auch Doppagne einvernehmlich und mit sofortiger Wirkung ihre Hungerstreiks. Der Gesundheitszustand von Chantzis, der sich bei der Beendigung im 140. Tag des Hungerstreiks befand, verschlechterte sich in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag erneut. Am Donnerstag wurde er deshalb auf die Intensivstation des Krankenhauses verlegt. Dort wird er künstlich beatmet, da er aufgrund des Hungerstreiks unter einer schweren Lungenentzündung leidet. Stand Donnerstagabend bleibt der Gesundheitszustand des Aktivisten kritisch. Er befindet sich immer noch in Lebensgefahr.

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