Nach Polizeigewalt in Lübeck: „Es ist wichtig, Kraft in der gemeinsamen politischen Arbeit zu suchen“

Am Wochenende plakatierten zwei Aktivistinnen im Lübecker Stadtteil St. Lorenz für eine Stonewall-Demonstration. Dabei wurden sie von zwei Polizisten angegriffen. Eine der beiden Frauen erlitt eine Platzwunde am Kopf und eine ernstzunehmende Handverletzung. Im Interview spricht Sina H.* über ihre Erfahrung und warum sie am Jahrestag des Stonewall-Aufstands trotzdem auf die Straße gehen wird.

Am Sonntagabend wart ihr in St. Lorenz unterwegs, um die Stonewall-Demonstration zu bewerben. An dem Abend hast du auch Polizeigewalt erfahren. Wie lief das ab?

Beim Verteilen von Material für unsere erste Aktion, den LGBTI-Stammtisch und die anstehende Stonewall-Demo, wurden wir von zwei Polizisten verfolgt. Nach einer kurzen Verfolgungsjagd, die die Polizisten auch noch belustigte, sprang eine der Beamten von hinten auf meinen Oberkörper. Ich schlug mit meinem Kopf und dem Oberkörper auf den Asphalt.

Da der Polizist mit seinem kompletten Körpergewicht auf mir lag und deutlich größer und schwerer war als ich, konnte ich mich nicht mal richtig abstützen oder versuchen den Aufprall irgendwie abzufangen. Ich versuchte, so schnell wie möglich aufzustehen und sah meine blutenden Verletzungen an den Fingern. Das Ausmaß der Verletzungen war uns in dem Schockmoment noch nicht wirklich klar.

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An meinem Shirt klebte Blut und meine Genossin stellte fest, dass ich auch eine Platzwunde am Kopf hatte. Das hat auch die Polizisten aufhorchen lassen, die daraufhin einen Notarzt anboten, allerdings direkt gefolgt von der Drohung, das Ganze als „Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte“ aufzunehmen. Ich habe den Notarzteinsatz aufgrund dessen abgelehnt. Anschließend wurden unsere Plakate beschlagnahmt und wir verließen den Ort des Geschehens.

Wie ordnet ihr diesen Angriff ein?

Besonders brisant ist, dass der Angriff beim Verteilen von Material über das Thema LGBTI+ stattgefunden hat, und wir uns beide auch dieser Community zuordnen. Obwohl der Staat versucht, sich LGBTI+ freundlich darzustellen, greift er dann doch diejenigen an, die sich für ihre eigenen Rechte auf der Straße einsetzen. Das zeigt sich auch bei anderen Themen, wie zum Beispiel der Solidarität mit Palästina oder dem Widerstand gegen die Kriegsvorbereitungen und die Wehrpflicht.

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Auch in Lübeck zeigt sich der zunehmende Rechtsruck, sowohl auf den Straßen, als auch in Behörden. Wir werten diese Attacke auch ganz klar als Einschüchterungsversuch, unsere politische Arbeit hier in Lübeck durchzuführen. Doch obwohl, oder gerade weil wir noch sehr frisch gegründet sind, lassen wir uns das nicht so einfach gefallen! Die Androhung, wir hätten weitere Repressionen zu befürchten, wenn wir uns sofort um die Verletzungen gekümmert hätten, zeigt, dass man keine Gerechtigkeit vom Staat erfährt. Diesmal hat es uns getroffen, doch wir wissen, das ist kein Einzelfall. Die Polizei schützt uns nicht. Sie kämpft mit allen Mitteln gegen uns.

Ihr habt gestern mit einer Kundgebung in der Lübecker Innenstadt darauf reagiert. Warum habt ihr euch entschieden, mit dem Fall an die Öffentlichkeit zu gehen, und wie sah die Aktion aus?

Wir wollten nicht zulassen, dass der Vorfall einfach so unter den Teppich gekehrt wird. Deswegen haben wir uns als Solidaritätsnetzwerk zusammengesetzt und entschieden, auf die Straße zu gehen! Erst haben wir am Tag nach der Gewalttat Bilder des Geschehens und der Verletzungen, die unserer Genossin zugefügt worden waren, auf Instagram geteilt. Danach haben wir binnen 24 Stunden für eine Kundgebung mobilisiert.

Die meisten von uns sind noch nicht lange beim Solinetz organisiert. Mitzuerleben, was uns sogar bei einer ganz gewöhnlichen Plakatier-Aktion angetan wird, wenn die Bullen Bock drauf haben, war für alle Genoss:innen ein Schock. Um dieser Lähmung aktiv entgegenzuarbeiten, haben wir unsere Wut in Form der politischen Arbeit eingesetzt. Unser Ziel war es, die in diesem spezifischen Fall und die allgemeine Polizeigewalt öffentlich anzuprangern und den Zusammenhang zum Stonewall-Tag zu thematisieren. Schließlich haben LGBTI+ damals in New York damals auf der Straße gegen die Schikanen der Bullen und des Staats gekämpft. Die Kontinuitäten liegen auf der Hand.

Das hat gut funktioniert. Auf der Kundgebung waren zwischenzeitlich bis zu 200 Menschen. Für eine kleinere Stadt haben wir verdammt viele Leute auf die Straße bekommen. Es ist wichtig, in Situationen wie dieser zusammenzustehen und Kraft in der gemeinsamen politischen Arbeit zu suchen. Schlussendlich sind wir aus dieser Situation gestärkt hervorgegangen. Wir haben außerdem sehr viel Kraft aus den Solidaritätsbekundungen anderer Solinetz-Ortsgruppen und Genoss:innen aus befreundeten Organisationen gezogen.

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Welche nächsten Schritte habt ihr geplant?

Wir haben uns vorgenommen, den Vorfall als Solinetz Lübeck politisch aufzuarbeiten und uns die Frage zu stellen: In welchem größeren gesellschaftlichen Kontext finden Repressionen wie diese statt? Welchem Zweck dienen Repressionen? Was ist das für ein Staat, von dem diese Repressionen ausgehen? Staatliche Repressionen im Zusammenhang mit der Faschisierung besser einzuordnen, halten wir für sehr wichtig.

Es ist völlig offensichtlich, dass die ideologischen Angriffe auf die Rechte von LGBTI+, Migrant:innen und Muslim:innen in der nächsten Zeit auch zu mehr Gewalttaten von Staat und Faschisten gegen diese Gruppen führen werden. Wir dürfen uns nicht spalten lassen! Der Staat schmeißt den Rüstungskonzernen die Kohle nur so hinterher, aber am Ende sind unterdrückte Minderheiten an der Verarmung unserer Klasse schuld? Diesen Blödsinn dürfen wir als Arbeiter:innen nicht glauben. Wir gehen am Sonntag auf die Straße, weil wir eine Klasse sind und die Verteidigung von LGBTI+ Rechten uns alle etwas angehen.

*Name geändert

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