NSU-Prozess gegen Zschäpes „enge Freundin“: Nazis morden, der Staat schaut weg

Ein Überlebender eines NSU-Anschlags konnte Susann Eminger als diejenige Frau wiedererkennen, die er kurz vor der Tat mehrfach am späteren Tatort gesehen hatte. Der Prozess gegen Eminger zeigt einmal mehr, wie lückenhaft die Aufarbeitung des NSU-Komplexes geblieben ist und warum der Kampf gegen faschistische Netzwerke nicht dem Staat überlassen werden kann. – Ein Kommentar von Enrico Telle.

Fast 15 Jahre nach der Selbstenttarnung des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) steht in Dresden erneut eine Unterstützerin des Netzwerks vor Gericht. Angeklagt ist Susann Eminger, eine enge Vertraute von Beate Zschäpe. Dass es überhaupt zu diesem Verfahren kommt, ist bemerkenswert. Denn während Politik und Behörden den NSU-Komplex seit Jahren als weitgehend aufgearbeitet darstellen, wurden die meisten Ermittlungen gegen Personen aus dem Umfeld des Netzwerks eingestellt.

Dabei steht bis heute eine grundlegende Frage im Raum: War der NSU tatsächlich nur ein Trio aus Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe – oder Teil eines deutlich größeren neonazistischen Netzwerks?

Für viele Betroffene, Angehörige der Mordopfer und Antifaschist:innen ist die Antwort längst klar: „Der NSU war nicht zu dritt“ wurde nach der Selbstenttarnung der Terrorgruppe zu einer zentralen Losung. Zu viele Hinweise deuten darauf hin, dass das Kerntrio über Jahre von einem breiten Unterstützer:innenumfeld getragen wurde. Der Prozess gegen Susann Eminger berührt genau diese offene Frage.

Der Prozess gegen Susann Eminger

Seit dem 6. November 2025 wird vor dem Oberlandesgericht Dresden gegen Susann Eminger verhandelt. Die aus Zwickau stammende Angeklagte gilt als langjährige Vertraute von Beate Zschäpe und gehört zum engeren Umfeld des NSU. Die Bundesanwaltschaft wirft ihr vor, die terroristische Vereinigung unterstützt und Beihilfe zu einer schweren räuberischen Erpressung geleistet zu haben. Am Donnerstag wurde die Beweisaufnahme vom Gericht geschlossen, am 17. Juli soll das Urteil fallen.

Auffallend ist nicht nur der Inhalt der Anklage, sondern auch der Zeitpunkt des Verfahrens. Der Prozess beginnt mehr als sieben Jahre nach dem Urteil im Münchner NSU-Verfahren und nachdem Ermittlungen gegen zahlreiche weitere Personen aus dem Unterstützer:innenumfeld eingestellt worden sind. Für viele Beobachter:innen wirkt die Anklage deshalb weniger wie eine umfassende Aufarbeitung als vielmehr wie ein spätes Nachspiel eines Komplexes, dessen zentrale Fragen bis heute ungeklärt sind.

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Die Nürnberg-Spur

Bei dem laufenden Prozess gegen Susann Eminger ist eine Frage von entscheidender Bedeutung: Was wusste sie über die Taten des NSU?

Wusste sie lediglich, dass sich das Trio durch Raubüberfälle finanzierte? Oder wusste sie, dass diese Überfälle dazu dienten, ein Leben im Untergrund zu ermöglichen, aus dem heraus rassistische Anschläge und Morde verübt wurden?

Ein bislang wenig beachteter Anschlag könnte für die Beantwortung dieser Frage von besonderer Bedeutung sein. Er deutet darauf hin, dass Eminger möglicherweise deutlich tiefer in die Aktivitäten des NSU eingebunden war, als sie selbst einräumt.

Am 23. Juni 1999 verübte der NSU einen Bombenanschlag auf die neu eröffnete Kneipe von Serkan Yildirim in Nürnberg. Yildirim überlebte schwer verletzt. Öffentlich bekannt wurde die Tat jedoch erst Jahre später im Zuge der Ermittlungen gegen den NSU und spielte deshalb im Münchner Verfahren keine Rolle.

Als die Polizei Yildirim im Jahr 2013 verschiedene Fotos vorlegte, erkannte er eine Frau wieder. Er erklärte, sie mehrfach in seiner Gaststätte gesehen zu haben – kurz vor dem Anschlag.

Zu diesem Zeitpunkt wusste Yildirim nicht einmal, dass die Ermittlungen den NSU betrafen. Die Polizei hatte ihn darüber nicht informiert. Umso bemerkenswerter war seine Aussage. Denn bei der erkannten Person handelte es sich nicht um Beate Zschäpe, sondern um Susann Eminger.

Sollte die Aussage zutreffen, wäre Eminger bereits Jahre vor den bekannten Mordserien an der Vorbereitung eines NSU-Anschlags beteiligt gewesen. Demnach wäre sie kurz vor der Tat von Zwickau nach Nürnberg gereist, mutmaßlich um den Anschlagsort auszukundschaften.

Trotzdem spielt dieser Anschlag im jetzigen Dresdner Verfahren bislang kaum eine Rolle.

Eine Unterstützerin aus Überzeugung?

Ob Susann Eminger von den Morden und Anschlägen des NSU wusste, ist Gegenstand des laufenden Verfahrens. Weniger umstritten ist dagegen, dass sie dem NSU-Kerntrio bis zum Ende treu geblieben bist und eine unterstützende Rolle im Umfeld des NSU eingenommen hatte.

Im Oktober 2011 fuhr sie Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe zu einem Termin, bei dem ein Wohnmobil abgeholt wurde. Wenige Wochen später nutzten Mundlos und Böhnhardt genau dieses Fahrzeug bei einem Raubüberfall in Eisenach. Nach dem Scheitern der Tat wurden sie tot aufgefunden, der NSU enttarnte sich.

Darüber hinaus stellte Eminger Beate Zschäpe – im Jahr 2018 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt ihre Krankenversicherungskarte sowie ihre Personalien für eine BahnCard zur Verfügung. Die BahnCard wurde von ihrem Ehemann André Eminger beschafft, der später wegen Unterstützung des NSU verurteilt wurde.

Die Verteidigung André Emingers hatte ihn im Münchner NSU-Prozess als „Nationalsozialisten mit Haut und Haaren“ bezeichnet – allerdings nicht als Vorwurf, sondern als Argument. Die politische Überzeugung ihres Mandanten sei schließlich nicht strafbar.

Auch bei Susann Eminger sprechen zahlreiche Hinweise dafür, dass ihre Unterstützung nicht bloß persönlicher Loyalität entsprang.

Bereits 2001 wurde gegen sie wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Gemeinsam mit anderen Neonazis soll sie Beschäftigte einer Gaststätte angegriffen haben, weil diese nicht zulassen wollten, dass dort Adolf Hitlers Geburtstag gefeiert wird.

Bei Durchsuchungen fanden Ermittler später in der Wohnung der Familie Eminger außerdem eine Spendendose der neonazistischen Gruppe Nationale Sozialisten Zwickau.

Nach dem Tod von Mundlos und Bönhardt entdeckte die Polizei außerdem einen Gedenkaltar für die beiden verstorbenen NSU-Mitglieder, aufgebaut in der gemeinsamen Wohnung der Familie. Die Täter wurden dort als Helden verehrt.

Im Verfahren gegen André Eminger sprach das Gericht in diesem Zusammenhang von einer „geständnisgleichen Wohnzimmerwandgestaltung“.

Wegsehen als Muster?

Der Umgang der Behörden mit André Eminger wirft nun weitere Fragen auf.

Zu Neujahr 2011 verschickte er an zahlreiche Kontakte eine SMS mit dem Inhalt: „Du bist nichts, dein Volk ist alles. 1488.“ Der nationalsozialistische Leitspruch befand sich zudem als Tätowierung auf seinem Körper, ergänzt um einen SS-Totenkopf und weitere einschlägige NS-Symbole.

Als André Eminger 2011 festgenommen wurde, verzichteten die Ermittlungsbehörden dennoch darauf, diese Tätowierungen fotografisch zu dokumentieren. Später wurde dies damit begründet, dass Eminger sich geweigert habe und die Polizei hätte Zwang anwenden müssen.

Das Vorgehen der Polizei im Fall Eminger steht exemplarisch für einen Komplex, in dem immer wieder Fragen offenblieben, Akten verschwanden, Ermittlungsansätze nicht weiterverfolgt wurden und staatliche Behörden bis heute nicht vollständig offenlegen, welches Wissen sie über das Umfeld des NSU tatsächlich hatten.

Zwei Maßstäbe?

Während der Staat bei der Aufarbeitung des NSU-Netzwerks bis heute auffallend zurückhaltend agiert, zeigt er in anderen Verfahren deutlich mehr Entschlossenheit.

Aktuell wird in Stuttgart-Stammheim gegen die sogenannten Ulm5“ verhandelt. Die Angeklagten sitzen hinter Sicherheitsglas im ehemaligen RAF-Gerichtssaal. Die Verteidigung kritisiert diese Bedingungen des Verfahrens von Beginn an scharf.

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Auch palästina-solidarische Aktivist:innen wie die Filton 4 in Großbritannien oder Kommunist:innen wie Daniela Klette werden mit erheblichem staatlichem Aufwand verfolgt. Häufig steht dabei der Vorwurf der Bildung oder Unterstützung krimineller beziehungsweise terroristischer Vereinigungen im Mittelpunkt.

Klar wird also: Während linke und palästina-solidarische Strukturen wegen Demonstrationen oder Kritik am Genozid vor Gericht gezerrt und auf Bewährung verurteilt werden, bleibt die strafrechtliche Aufarbeitung des NSU-Netzwerks bis heute lückenhaft.

Nicht auf diesen Staat verlassen

Für die Betroffenen rechter Gewalt ist diese Bilanz ernüchternd.

Seit 1990 wurden in Deutschland Dutzende Menschen durch faschistische Gewalt getötet. Zugleich gibt es bis heute Hinweise darauf, dass weitere ungeklärte Tötungsdelikte Merkmale aufweisen, die auf Verbindungen zum NSU oder seinem Umfeld hindeuten könnten.

Die jetzige Anklage gegen Susann Eminger ändert an dieser grundsätzlichen Bilanz wenig. Sie belegt schlicht, dass die Geschichte des NSU immer noch nicht vollständig abgeschlossen ist. Sie zeigt aber ebenso, wie begrenzt der Wille staatlicher Behörden bleibt, das gesamte Netzwerk hinter der Terrorgruppe aufzuklären.

Lassen wir den Antifaschismus also selbst Praxis werden: in unseren Vierteln, Schulen, Unis, Betrieben und auch in Erfurt, wenn wir uns gemeinsam dem Bundesparteitag der AfD entgegenstellen. Denn: wer gegen Nazis kämpft, kann sich auf diesen Staat nicht verlassen!

Enrico Telle
Enrico Telle
Schreibt seit 2025. Enrico Telle ist kultur- und musikbegeisterte rheinländische Person, die nach einer handwerklichen Ausbildung nun im sozialen Bereich arbeitet. Enrico schreibt besonders gern über Sachthemen, sowie Arbeitskämpfe und Außenpolitik.

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