Peter Thiel: Tech-Milliardär im Kampf gegen den „Antichristen“ 

Der deutschstämmige Investor Peter Thiel hat das Softwareunternehmen Palantir gegründet und US-Vizepräsident J.D. Vance politisch aufgebaut. Er steht für technikgetriebenen Monopolkapitalismus, will schwimmende Städte für Superreiche bauen und bekämpft den Papst vor dessen eigener Haustür. – Ein Kommentar von Thomas Stark.

Kurz vor Ostern drängten sich zahlreiche Besucher:innen in die römische Kirche della Santissima Trinità dei Pellegrini, nicht weit vom Ufer des Tiber, um einer Messe auf Latein zu lauschen. Der Protagonist, zu dessen Ehren der Gottesdienst organisiert worden war, nahm jedoch selbst nicht daran teil. Peter Thiel geht Journalist:innen eher aus dem Weg, und von ihnen waren an diesem Sonntagabend viele gekommen. Sie wollten über eine der schillerndsten Figuren der amerikanischen Neuen Rechten zu berichten.

Ursprünglich kommt Peter Thiel aus Frankfurt am Main. Seine Familie wanderte jedoch aus Deutschland aus, als er ein Jahr alt war. Zunächst nach Ohio, dann nach Südafrika und später nach Kalifornien. Dort begann auch der berufliche Aufstieg des studierten Juristen. 1996 gründet er nach Stationen als Anwalt und Wertpapierhändler den Anlagefonds Thiel Capital Management. Danach fällt Thiels Name im Zusammenhang mit wichtigen Unternehmen der damals noch jungen US-Tech-Szene. So gehörte Thiel bei PayPal und Facebook zu den entscheidenden frühen Geldgebern.

2003 gründete er gemeinsam mit dem Risikokapitalunternehmen In-Q-Tel das Softwareunternehmen Palantir Technologies. In-Q-Tel wird aus Mitteln des amerikanischen Geheimdienstes CIA finanziert. Palantir entwickelt Datenanalysetools für staatliche Sicherheitsorgane, etwa zur angeblichen Terrorabwehr. Während er seinen PayPal-Anteil von 3,7 Prozent bereits nach dem Börsengang 2002 verkaufte, hält er bei Palantir bis heute 3 Prozent und hat über seine Gründer-Aktien („Class F“) nach wie vor signifikanten Einfluss auf strategische Entscheidungen des Unternehmens. Zudem ist er seit 2003 durchgehend Chairman of the Board des Unternehmens.

Firmengeflecht mit Bezug zu Rüstung und Spionage

Der Name „Palantir“ bezieht sich auf mystische Kristallkugeln aus J.R.R. Tolkiens Romantrilogie „Herr der Ringe“, was wohl eine ironische Bezugnahme auf das Sammeln von Polizeidaten zur Gewinnung von Erkenntnissen durch die Softwareprodukte des Unternehmens ist. An die Herr-der-Ringe-Welt angelehnt sind auch die Namen von zwei weiteren Investmentfonds im Besitz Thiels: „Valar Ventures“, gegründet 2010, investiert vor allem in Firmen der Finanztechnologie-Branche (Fintechs) in Europa und Nordamerika. Dazu gehört auch die deutsche Digitalbank N26. „Mithril Capital“ wiederum ist unter anderem am US-Raumfahrt- und Technologieunternehmen „BlackSky“ beteiligt, das Erdbeobachtungssatelliten betreibt, Bilder in Echtzeit aufnimmt und diese mit der KI-Plattform „Spectra“ automatisiert auswertet. Quasi ein Palantir im Weltall.

„Gotham“ – Überwachung und Diskriminierung auf ganz neuem Maßstab

Thiels 2005 gegründeter „Founders Fund“ ist unter anderem an Elon Musks Firmen SpaceXAI und Neuralink, an OpenAI und der Wettplattform Polymarket beteiligt. Dass Firmen aus Thiels Imperium wie Palantir oder BlackSky enge Verbindungen zum Militär und zu Geheimdiensten haben, folgt nicht nur einer geschäftlichen, sondern auch einer ideologischen Strategie. Thiel vertritt eine radikal libertäre Weltsicht und lehnt jede staatliche Beschränkung des Unternehmertums ab.

Für die Herrschaft der Tech-Monopole

Anders als viele andere radikale Marktideologen hält er jedoch auch nichts von der freien Konkurrenz. Er strebt offen nach dem Aufbau von marktbeherrschenden Monopolunternehmen, die sich auf technologische Innovationen stützen. Firmen wie Palantir und BlackSky haben in dieser Vorstellungswelt Thiels die Mission, Monopole auf Überwachungssysteme und Rüstungsfunktionen zu haben und den klassischen Staatsapparat auf dieser Basis zu übernehmen oder an den Rand zu drängen. Zu den intellektuellen Einflüssen Thiels gehört unter anderem der NS-Staatsrechtler Carl Schmitt, der ein wichtiger neurechter Kritiker des Liberalismus und der bürgerlichen Demokratie westlichen Stils war.

Um sein Weltbild voranzutreiben, unterstützt Thiel weltweit libertäre, neurechte Politiker:innen wie die MAGA-Bewegung Donald Trumps und hat unter anderem den amtierenden US-Vizepräsidenten J.D. Vance politisch aufgebaut. Vance und Thiel trafen 2011 erstmals aufeinander, 2015 wurde Vance für zwei Jahre Partner bei „Mithril Capital“.

Zu den bizarrsten Projekten Thiels gehört außerdem das 2008 gegründete „Seasteading Institute“, das schwimmende Städte im Ozean errichten will. In ihnen sollen dann Superreiche außerhalb staatlicher Regulierung leben und neue Gesellschaftsformen austesten können. Das Projekt brachte es 2017 bis zu einer Absichtserklärung mit der Regierung von Französisch-Polynesien für den konkreten Bau einer schwimmenden Stadt im Pazifik. Realisiert wurde dies bisher jedoch nicht.

Palantir feilt am faschistischen Überwachungsstaat – Deutschland guckt es sich ab

Päpstlicher als der Papst

Es war Thiels ideologischer Feldzug, der ihn im April 2026 ins Zentrum der katholischen Kirche nach Rom brachte. Dort hielt er ein viertägiges Seminar über die biblische Figur des „Antichristen“, die er in staatlichen und supranationalen Organisationen wie der EU, der UN oder der Kommunistischen Partei Chinas verwirklicht sieht. Thiel versteht sich selbst als Christ. Mit den Seminaren hat er das Ziel verfolgt, ultrakonservative Katholiken aus dem Umfeld der Gemeinschaft „Opus Dei“ zu schulen. Diese sollen sich nun gegen die liberalen Verfassungen von Papst Leo XIV. und dessen Vorgänger Franziskus in Stellung zu bringen.

Papst Leo brachte im Mai seine erste Enzyklika, also ein Grundsatzschreiben, zur künstlichen Intelligenz heraus. Darin fordert er unter anderem, die KI aus der Konzentration in den Händen weniger Tech-Konzerne zu befreien und unter globale, gesellschaftliche Kontrolle zu stellen. Also das genaue Gegenteil dessen, wofür Thiel einsteht. In Anlehnung an Carl Schmitt und dessen Interpretation einer bestimmten Bibelstelle, geht dieser davon aus, dass ein „Aufhalter“ („Katechon“) den Antichristen und die Apokalypse verhindern müsse. Schmitt und Thiel benutzen dieses Bild als Legitimation für politische Macht und das Ersetzen der liberalen bürgerlichen Demokratie durch einen autoritären, allmächtigen Staat.

Peter Thiel – ein Tech-Milliardär und libertärer Ideologe also, der sich nach Belieben aus der Bibel und Fantasy-Romanen bedient und mit seinen schwimmenden Städten ansonsten wie ein Trash-Bösewicht aus einem 80er Jahre James-Bond-Film wirkt. Sein Einfluss auf die Politik ist jedoch nicht zu unterschätzen, besonders durch den engen Draht zur US-Regierung und die Sicherheitsarchitektur des Staats.

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