LGBTI+ Freundlichkeit von Unternehmen und staatlichen Stellen ist en vogue, während die gesellschaftliche Stimmung sich zunehmend gegen sie richtet. Dieser Widerspruch zeigt sich auch auf der queeren Jobmesse in Berlin. Wie passt das zusammen und welche Absichten stehen hinter dem Bekenntnis zur Diversität? – Ein Kommentar von Lukas Sievers.
Der Juni ist der Pride Monat. Während LGBTI+ Personen dauerhaft für ihre Interessen kämpfen und auf die Straße gehen, zeigen sich Unternehmen und staatliche Behörden einmal jährlich von ihrer bunten Seite.
Seit 2009 findet im Juni die queere Jobmesse „Sticks & Stones“ statt, wie auch dieses Jahr am 6. Juni in Berlin. Zu den Ausstellenden gehören große Konzerne wie Adidas, Bayer und Allianz sowie auch staatliche Institutionen wie die Bundeswehr und Geheimdienste.
Diversität als Marketing-Inszenierung
Hinter der Jobmesse steht die Uhlala GmbH, die die LGBTI+ Freundlichkeit von Unternehmen bewertet. Dabei werden aber nicht LGBTI+ Arbeiter:innen der Unternehmen befragt. Uhlala vermarktet „LGBTI+ Diversity Management“ als Trendprodukt an die Unternehmen und krönt Konzerne anhand symbolischer Maßstäbe mit dem Pride-Champions-Siegel.
Im Vordergrund steht die LGBTI+ Sichtbarkeit im Unternehmensprofil. Diversitätsschulungen und Leistungen wie ein bunter Social-Media-Auftritt können sich Unternehmen von Uhlala einkaufen, um als Arbeitgeber LGBTI+ Zielgruppen anzusprechen.Tatsächliche Verbesserungen für LGBTI+ Personen am Arbeitsplatz lassen sich in Diversitäts-Schulungen an dessen Vermarktung messen.
Zum Programm der Sticks & Stones Jobmesse in Berlin gehörten auch mehrere Vorträge, beispielsweise: „Geld ist Macht – Warum Finanzen für uns ein Akt der politischen Selbstbestimmung sind“
Die Themen und Titel dieser Vorträge zeigen klar den Zweck der Messe. Geld und eine hohe Karriereposition werden als erstrebenswertes Mittel zur politischen Selbstbestimmung dargestellt. Den Besucher:innen wird vermittelt, dass sie selbstbestimmt leben können, wenn sie nur fleißig genug arbeiten und genug Geld verdienen oder sich nach oben kämpfen.
Situation von LGBTI+ Personen in Deutschland
Während diese Panels und große Unternehmen unter anderem mit möglichen hohen Karrieremöglichkeiten und für das Streben nach finanzieller Freiheit werben, ist die Realität der Mehrheit der 12 Prozent in Deutschland lebenden LGBTI+ Personen eine andere. Sie sind als Arbeiter:innen für ihren Lebensunterhalt auf einen Lohn angewiesen. Zudem wirken sich die Einsparungen im Sozialstaat besonders negativ auf LGBTI+ Personen aus.
Die meisten können sich nicht etwa eine private Gesundheitsversorgung leisten, wenn diese infolge der Kürzungsreformen abgebaut wird und Leistungen wie geschlechtsangleichende Behandlungen seltener von den Kassen übernommen werden könnten oder sie von den Kürzungen in der Psychotherapie betroffen sind.
Aber auch von prekären Lebensbedingungen wie Obdachlosigkeit sind LGBTI+ Personen besonders betroffen. Allein in Berlin sind etwa 10.000 LGBTI+ Personen wohnungs- oder obdachlos. Immer noch gibt es zahlreiche LGBTI+ Personen, die starke Ablehnung durch ihr soziales Umfeld erfahren und beispielsweise von Zuhause rausgeworfen werden.
Protest gegen Bundeswehr-Stand und Instrumentalisierung
In Berlin fand vor der diesjährigen „Sticks & Stones“ Jobmesse in der Uber Arena eine Protestkundgebung statt. Unter dem Motto „Bock auf einen Job an der Front aber in bunt?“ wurde die Instrumentalisierung von LGBTI+ Personen für die Rekrutierung der Bundeswehr kritisiert. Diese klassifizierte 2021 Transgeschlechtlichkeit noch als psychosexuelle Störung, die die gesundheitliche Eignung für einen Job beim Militär in Frage stellt.
Auf der Website der Messe sind als LGBTI+ freundliche Maßnahmen der Bundeswehr gelistet, im Falle eines Auslandsaufenthaltes, Informationen über die LGBTI+ Freundlichkeit des Ziellands zu erhalten. Auch die Teilnahme an Pride-Paraden zählt dazu.
Dass die Bundeswehr heute im aktuellen Aufrüsrungskurs der Regierung gezielt LGBTI+ Personen anspricht, sei laut Organisator:innen nichts als Zweckdienlichkeit. „Als Kanonenfutter sind auch wir LGBTI+ ihnen gut genug!“ schreiben sie in einer Stellungnahme. Im Kriegsfall würde auch die gesetzliche Regelung zum sogenannten Militärgeschlecht inkraft treten. Danach ist für die Einberufung zum Kriegsdienst der Geschlechtseintrag irrelevant, stattdessen gilt das Geschlecht auf der Geburtsurkunde. Das ermöglicht der Bundeswehr transgeschlechtliche Frauen als Männer zum Krieg zu verpflichten.
Auch BKA, BND und Verfassungsschutz vertreten
Kritisiert wird außerdem die Ausstellung des Bundeskriminalamts, des Bundesnachrichtendiensts und des Verfassungsschutzes. Diese Institutionen stellen sich laut Organisator:innen als LGBTI+ freundlich dar, während die deutsche Behörden und Geheimdienste Antifaschist:innen überwachen und beispielsweise die antifaschistische nicht-binäre Person Maja an das LGBTI+ feindliche Ungarn ausgeliefert haben. Maja sitze deswegen bis heute in einem Männergefängnis in Isolationshaft, so die Kundgebungsteilnehmer:innen.
Die Veranstaltenden der Kundgebung stellen ein instrumentelles Verhältnis der Konzerne und staatlichen Austellenden zu LGBTI+ Personen fest. Dem einmal jährlichen Marketing-Event im Juni gegenüber stünde die ansteigende Unterdrückung die LGBTI+ Personen alltäglich erleben und dem Kampf für ihre Interessen und Rechte, der auch den Kampf gegen den steigenden Faschismus beinhalte.
Denn während in den 2010er Jahren die gesellschaftliche Akzeptanz von LGBTI+ Personen zunächst stieg, zeigt sich aktuell ein anderer Trend. Die Anzahl faschistischer Angriffe und Einschüchterungsversuche nimmt von Jahr zu Jahr zu. Während die Polizei im Jahr 2022 noch 1.188 Straftaten gegen LGBTI+ Personen erfasste, waren es 2023 schon 1.785 Fälle. Im Jahr 2024 stieg die Zahl sogar nochmal deutlich auf 2.917.
Stonewall Demonstrationen von Berlin bis Istanbul: „Schützen können wir uns nur selbst“
LGBTI+ Rechte? – Eine Gratwanderung im Kapitalismus
Der Kapitalismus schwankt zwischen der Integration von LGBTI+ auf der einen und der Stabilisierung der traditionellen Familienordnung auf der anderen Seite. Einerseits sollen LGBTI+ Personen selbst als Arbeiter:innen zum Profit beitragen. Außerdem erschließen sich Märkte für Produkte mit LGBTI+ Personen als Zielgruppe. Andererseits sichert das traditionelle Familienmodell, das keinen Platz für LGBTI+ Personen vorsieht, eine kostengünstige Reproduktion der Arbeiter:innen, indem sie zumeist Frauen im Privaten zugeschoben wird.
Auch der Umgang mit LGBTI+ Freundlichkeit in der Bundeswehr und der Regelung zum Militärgeschlecht sind Ausdruck dieser Gratwanderung zwischen Integration und Arbeitsteilung nach Geschlechterrollen.
In vielen Städten in Deutschland werden am 28. Juni, dem Jahrestag der Stonewall Aufstände 1969 in New York jährlich Demonstrationen begangen. Sie erinnern an den Kampf von transgeschlechtlichen Menschen gegen ständige Polizeirazzien in queeren Bars, der zum Grundstein für eine internationale LGBTI+ Bewegung geworden ist.
Im Gegensatz zu kommerziellen Pride-Paraden oder Jobmessen mit Teilnahme von Repressionsbehörden, betonen die Veranstalter:innen dieser Stonewall-Demonstationen den notwendigen Kampf gegen Kapitalismus und Patriarchat und enttarnen die vermeintlich gleichen Interessen von Großkonzernen, Staat und LGBTI+ Arbeiter:innen.

