Sexualisierte Gewalt an Frauen im Kriegsgebiet: 18 Beschäftigte bei Ärzte ohne Grenzen entlassen

Nachdem Fälle von sexualisierter Gewalt an Frauen und Mädchen gemeldet wurden, leitete Ärzte ohne Grenzen eine interne Untersuchung ein. Nach Abschluss der Untersuchung wurden 59 Fälle bestätigt und 18 Beschäftigte der Organisation entlassen. Jedes Jahr gibt es tausende Fälle systematischer sexualisierter Gewalt in Kriegsgebieten.

Im Sudan herrscht seit 2023 ein Bürgerkrieg zwischen den Rapid Support Forces (RSF) und den staatlichen sudanesischen Streitkräften (SAF). 400.000 Menschen wurden in drei Jahren getötet. 14 Millionen sind gezwungen, innerhalb des Landes oder in Nachbarländer zu fliehen. Darunter auch zu Tausenden in das Nachbarland Tschad.

In den Lagern der Geflüchteten im Osten des Tschad wurden Mitte Juni Fälle sexuellen Missbrauchs und sexualisierter Ausbeutung durch Mitarbeiter:innen von Ärzte ohne Grenzen (fr. Médecines Sans Frontières, MSF) bekannt. Laut MSF wurde Ende 2024 eine interne Ermittlung eingeleitet, nachdem mehrere aus dem Sudan geflüchtete Frauen schwere Vorwürfe sexualisierter Gewalt geschildert hatten.

Das UN-Menschenrechtsbüro (OHMR) überprüfte bereits seit Ausbruch des Krieges im April 2023 bis Mitte April 2026 546 Vorfälle in 16 von 18 Bundesstaaten des Sudan, mindestens 838 Opfer waren betroffen.

Es ist jedoch zu vermuten, dass die tatsächlichen Zahlen deutlich höher liegen. Besonders bei Statistiken zu psychischer, körperlicher und sexualisierter Gewalt gegen Frauen ist davon auszugehen, dass ein Großteil der Fälle nicht erfasst wird. Selbst in Deutschland werden laut Schätzungen zum Dunkelfeld nur rund 5 Prozent der häuslichen Gewalt und 10 Prozent der Vergewaltigungen angezeigt.

Der Bericht zeigt auf, dass es nicht nur in den Kriegsgebieten sexualisierte Gewalt gibt, sondern diese sich auch auf die Fluchtrouten ausgebreitet hat und Zivilist:innen systematisch traumatisiert.

Geld, Jobs und Lebensmittel für sexuelle Handlungen

Einige Frauen hatten sich bereits 2024 an die Associated Press (AP) gewandt und mit Reporter:innen gesprochen. Eine Frau berichtete mit ihrem sieben Wochen alten Kind auf dem Arm, welches nach ihren Angaben von einem Helfer stammt, der ihr Geld für Sex versprochen hatte. „Die Kinder weinten. Uns gingen die Lebensmittel aus. Er hat meine Notlage ausgenutzt“, berichtete eine Frau.

In einem Interview mit AP schilderten die Frauen und Mädchen, dass sie sowohl von lokalem Sicherheitspersonal, als auch von humanitären Helfern der MSF sexualisierte Gewalt erlitten hatten. Konkret wurde ihnen im Gegenzug für sexuelle Handlungen Geld, Lebensmittel oder ein einfacher Zugang zu Jobs versprochen.

Die Psychologin Daral-Salam Omar berichtete gegenüber AP von weiteren Frauen und Mädchen, die ähnliche Vorwürfe schilderten, aber nicht mit Reporter:innen sprechen wollten. Grund dafür ist in den meisten Fällen die Angst vor Ausgrenzung und Stigmatisierung.

„Sie waren psychisch am Ende. Stellen Sie sich vor, eine Frau wird in dieser Situation ohne Ehemann schwanger“, erklärte Omar.

Endloses Blutvergießen im Kampf um Macht und Profite im Sudan

Bekannte Probleme und Lösungen ohne Wirkung

Nachdem diese Schilderungen in die Öffentlichkeit getragen wurden, schickte MSF mehrere Teams in die betroffenen Lager. Die Untersuchungen gingen mehrere Monate und bestätigen 59 Fälle von sexueller Belästigung, Missbrauch und Ausbeutung. 18 Beschäftigte wurden entlassen und von zukünftigen Beschäftigungen innerhalb der Organisation ausgeschlossen.

In einigen Fällen konnten die Vorwürfe jedoch nicht überprüft werden. Sowohl Betroffene als auch Täter konnten nicht identifiziert werden. Während der Untersuchungen wurde auch bekannt, dass nicht nur schutzsuchende Frauen und Kinder betroffen sind.

Auch tschadische Mitarbeiter:innen wurden damit bedroht ihren Job zu verlieren, wenn sie sich weigerten, Sex mit Kollegen oder Vorgesetzten zu haben. Die Mitarbeiter:innen hatten aus Angst vor Jobverlust die Vorfälle nicht gemeldet.

MSF merkt in einem Bericht an, dass es bereits ähnliche Meldungen gab. Beispielsweise während des Ebola-Ausbruchs im Kongo im Jahr 2021. Im Jahr 2023 heißt es in einem Bericht der MSF, dass wochenlange Schulungen der Mitarbeiter:innen und Gemeindeleiter:innen präventiv durchgeführt wurden, diese allerdings keine dauerhafte Wirkung zeigten. Unter anderem wegen der hohen Personalfluktuation.

Sexualisierte Gewalt im Krieg: 98 Prozent der Opfer Mädchen

Sexualisierte Gewalt als Mittel der Unterdrückung

Im Jahr 2024 wurden laut UN-Bericht mehr als 4.600 Fälle von sexualisierter Gewalt im Zusammenhang mit Kriegen dokumentiert. Die meisten Fälle werden in der Demokratischen Republik Kongo, Sudan, Haiti, Somalia und der Zentralafrikanischen Republik gemeldet. Die Mehrheit der Opfer sind Frauen und Mädchen.

In den letzten Jahren hat die sexualisierte Ausbeutung und der Missbrauch gegenüber Kindern in Kriegsgebieten um 35 Prozent zugenommen, so berichten SOS-Kinderdörfer. Der UN-Bericht aus dem Sudan von Juni 2026 dokumentiert neben Vergewaltigung und Gruppenvergewaltigung, Zwangsheirat, Zwangsprostitution, sexuelle Sklaverei, sexuelle Folter und Menschenhandel zum Zwecke sexueller Gewalt.

Sexualisierte Gewalt wird dabei auch gezielt als Kriegswaffe genutzt. Die Folgen für Betroffene sind verheerend, denn sie tragen nicht nur körperliche und psychische Folgen mit sich,  die Ereignisse können sich auch über Generationen hinweg auswirken.

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