Während Spargel und Erdbeeren für viele immer teurer werden, setzt die Politik auf noch härtere Bedingungen für diejenigen, die sie ernten. Interne Ministeriumsdokumente zeigen: Agrarministerium und Bauernverband machten Druck für Gesetzesänderungen, die Saisonarbeiter länger ohne Sozialversicherung arbeiten lassen. – Ein Kommentar von Enrico Telle.
Deutschland ist mitten in der Spargel- und Erdbeersaison, doch bei der neuesten Recherche von Abgeordneten Watch und Frag den Staat vergeht einem der Appetit: Während sich viele Deutsche das edle Gemüse und Obst kaum mehr leisten können, zeigt diese, wie sich Agrarminister Alois Rainer (CSU) und seine Staatssekretär:innen heldenhaft für eine billige heimische Spargel-, Obst- und Gemüseproduktion einsetzen.
In vielen landwirtschaftlichen Betrieben ist die Arbeit von circa 220.000, meist osteuropäischen Saisonarbeiter:innen unersetzlich. Etwa 74 Prozent von ihnen kommen dabei aus dem Ausland. Diese schuften dafür unermüdlich in Sechs-Tage-Wochen und an oft bis zu 16 Stunden langen Arbeitstagen. Bezahlt werden sie zum Mindestlohn, und seit der Gesetzesänderung vom vergangenen August sind sie während der ersten 90 Tage ihrer Anstellung nicht versichert. Oft wohnen sie auch bei denjenigen, die von ihrer Arbeit profitieren, und seit der Gesetzesänderung kann die Miete dafür sogar automatisch vom Lohn abgezogen werden. Hinzu kommt, dass die Unterbringung der Arbeiter:innen oft sehr schlecht ist – die Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt weist schon seit Langem auf die maroden Küchen und schlechte Wasserqualität hin.
Wie eine neue Recherche mit internen Dokumenten aus den Ministerien zeigt, hatten sich für die Gesetzesänderungen sowohl das Agrarministerium unter Minister Alois Rainer, als auch der Deutsche Bauernverband explizit beim zuständigen Ministerium für Arbeit und Soziales eingesetzt.
Die Begründung für die Verschärfung der Bedingungen für saisonale Landarbeiter: Man wolle den Selbstversorgungsanteil der deutschen Wirtschaft mit Obst und Gemüse vergrößern.
Dabei sehen alle, die an der Supermarktkasse bezahlen, dass diese „verbesserte Versorgung“ nur den Profiten der Agrarindustrie dient, nicht aber den Portemonnaies der Verbraucher:innen – und natürlich schon gar nicht den ausgebeuteten Arbeiter:innen.
Angriff auf Arbeitsbedingungen reiht sich ein
Der Versicherungsschutz der in der Branche beschäftigten Arbeiter:innen wurde seit 2015 schon mehrfach verschlechtert: Damals lag die Zahl der Tage ohne Sozialversicherung noch bei 50, also fast der Hälfte von heute. Diese Dauer erhöhte die Regierung immer wieder, während der Corona-Pandemie sogar auf über 100 Tage und dann letztes Jahr von 70 auf 90 Tage.
Gesetzesentwurf: Erntehelfer:innen sollen noch länger ohne Sozialversicherung arbeiten
Bei Arbeitszeiten von bis zu 16 Stunden am Tag und einer Sechs-Tage-Woche in einer Branche mit einer hohen körperlichen Belastung stellt dies einen besonders schweren Angriff auf die Rechte und Versorgung der Arbeiter:innen dar – und spart den Unternehmen dementsprechend auch besonders viel ein.
Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales geht dabei von einem Tageslohn von circa 200 Euro aus. Beim Mindestlohn von 13,90 Euro, den die Saisonarbeiter:innen normalerweise erhalten, bedeutet das einen Arbeitstag von über 14 Stunden. Das Problem sah das Amt hier jedoch nicht bei der Tagesarbeitszeit, sondern beim aus diesem Tageslohn errechneten Verlust für die Sozialversicherung, wenn die Regelung der verlängerten Ausnahme für Saisonarbeiter:innen durchgesetzt würde. Diesen Verlust berechnete das Ministerium auf 150 Millionen Euro.
Obwohl man das Vorhaben laut interner Schreiben aufgrund dieser Bedenken kritisch sah, wurde auch dieser Änderungsvorschlag letzten August sehr schnell umgesetzt – nach bereits einem halben Jahr Koalition und nur kurzer Korrespondenz zwischen den Ressorts von Landwirtschafts- und Arbeitsministerium.
Enge Zusammenarbeit von Bauernverband und Agrarministerium
Von einer kurzen Korrespondenz zwischen dem Lobbyverband der Agrarindustrie und dem Agrarministerium kann hingegen keine Rede sein: 25 Mal trafen sich Vertreter:innen der beiden in etwas mehr als einem Jahr schon zu Gesprächen im Ministerium, aber auch auf öffentlichen Veranstaltungen und Festen. Das entspricht durchschnittlich fast einem Treffen alle zwei Wochen. Häufiger sieht wohl nur Katherina Reiche (CDU) ihre Berater:innen oder Jens Spahn (CDU) seine Verkäufer:innen von FFP2-Masken.
Eines dieser Treffen fand am 14. August 2025 statt – nur einen Tag, bevor sowohl das Agrarministerium, als auch der Deutsche Bauernverband kritische Nachrichten an das Ministerium für Arbeit und Soziales sendeten, das gerade einen ersten Entwurf zum Thema vorgelegt hatte. Und nur wenige Tage, bevor dieses dann den Entwurf anpasste – zugunsten der Agrarindustrie.
Während Bärbel Bas unter der Ampel sogar noch auf einen umfassenderen Schutz und eine Verbesserung der Bedingungen hinzuarbeiten schien, begründet sie die Verschärfung nun: „Die Änderung hat keine Auswirkungen.“ Man schaffe nur einen rechtlichen Rahmen.
Lockere Regeln und trotzdem regelmäßige Verstöße
Derselbe rechtliche Rahmen wird allerdings immer weniger gewissenhaft durchgesetzt: Obwohl die Zahl der Mindestlohnverstöße in der Branche laut DGB sehr hoch ist, führt der Zoll immer weniger Kontrollen durch. Waren es im Jahr 2021 noch 839, so kontrollierte die Schwarzarbeitsabteilung 2024 nur noch 274 mal.
Auch beim Vermieten wird besonders hart ausgebeutet und betrogen: Eine gängige Praxis sei das unbegründete Einbehalten von Kautionen. Auch von unrechtmäßigen Vertragsstrafen oder selbst zu bezahlenden Arbeitsmitteln wird berichtet.
Während die gesetzlichen Vorgaben gelockert werden und Kontrollen zunehmend zur Ausnahme statt zur Regel werden, erhöhen die Bauern fleißig die geforderte Arbeitsdichte. Dieselben, die trotz massiver Verstöße gegen die Rechte ihrer Arbeiter:innen Fördergelder in Millionenhöhe von Deutschland und der EU erhalten, schauen ihren Beschäftigten auch noch genau auf die Finger. Waren im Jahr 2024 noch 11 Kilogramm Spargel pro Stunde gefordert, waren es 2025 schon bis zu 14 Kilogramm.
Formell sind die Fördermittel, von denen die Branche abhängt, an sogenannte „Sozialstandards“ gekoppelt. Kein Bestandteil der Konditionalität: Mindestlohn und Höchstarbeitszeit.
Solange der Staat fleißig mitmacht beim Lohndumping, wird sich die Situation der saisonalen Landarbeiter:innen weiter verschlechtern. Doch wenig überraschend hat das auch einen unerwünschten Nebeneffekt: Immer weniger Menschen wollen in Deutschland als Saisonkräfte arbeiten. So sank die Zahl der Saisonarbeitskräfte in der Landwirtschaft zwischen den Jahren 2022 und 2023 um 32.000 Personen beziehungsweise 12 Prozent.
Doch auch hier gab es ja schon den passenden Gegenvorschlag aus der Politik: Im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt hatte Ministerpräsident Sven Schulze gefordert, einfach Bürgergeld-Empfänger:innen zur Erntehilfe zu zwingen, anstatt sich auf Kräfte aus Osteuropa zu verlassen.
Die Felder mögen den Spargel liefern – die politische Ernte dieser Politik sind jedoch Lohndumping, Sozialabbau und eine Branche, die auf immer stärkerer Ausbeutung beruht.

