Stonewall-Proteste im Zeichen von Faschisierung und Repression

Rund um den 57. Jahrestag der Stonewall-Aufstände fanden auch in diesem Jahr wieder zahlreiche Protestaktionen statt. Im Fokus lag die weltweit wachsende Faschisierung und damit verbundene steigende Angriffe auf LGBTI-Personen. Teilnehmer:innen betonten antifaschistischen Selbstschutz statt des Vertrauens auf bürgerliche Institutionen.

Am 28. Juni 1969 begannen ausgehend von der New Yorker LGBTI-Bar Stonewall-Inn, Aufstände gegen LGBTI-feindliche Polizeigewalt. Aktivist:innen wehrten sich gegen andauernde Schikanen und Polizeirazzien. Die Stonewall Riots markierten den Beginn einer neuen kämpferischen LGBTI-Bewegung und legten den Grundstein für heute weltweit stattfindende CSD-Demonstrationen.

An vielen Orten haben sich kommerzialisierte CSD-Demonstrationen mittlerweile deutlich vom ursprünglich kämpferischen Charakter der Stonewall Riots entfernt. Doch parallel zum CSD wird deutschlandweit jedes Jahr rund um den Jahrestag der Stonewall-Aufstände durch verschiedene revolutionäre und linke Gruppen den Ereignissen gedacht und ein Protest jenseits von staatlichen Akteuren auf die Straßen gebracht.

Insbesondere die Demonstrationen am Wochenende standen unter dem Eindruck einer beispiellosen Hitzewelle in Deutschland. Da vielerorts Temperaturen um 40 Grad erreicht wurden, verschoben Organisator:innen ihre Demonstrationen in die Abendstunden. Trotzdem gingen an meisten Orten weniger Menschen als in den vergangenen Jahren auf die Straße.

Faschisierung trifft LGBTI-Personen

Inhaltlich lag der Fokus bei vielen Demonstrationen und Protestaktionen auf der zunehmenden weltweiten Faschisierung. In Deutschland werden immer häufiger LGBTI-Personen attackiert, angefeindet und offener Gewalt ausgesetzt. Die aktuelle Bundesregierung aus Union und SPD signalisierte schon im Koalitionsvertrag, dass erkämpfte Rechte wie das Selbstbestimmungsgesetz Teil der Verhandlungsmasse sind und jederzeit wieder zurückgenommen werden können. Gleichzeitig erstarken rechte bis faschistische Bewegungen und Parteien in Deutschland und weltweit.

Der globale Rechtsruck richtet sich in besonderem Maße gegen LGBTI-Personen. In den USA etwa wurden allein in 2026 schon über 50 transfeindliche Gesetze beschlossen. So können etwa seit Mai Schulen staatliche finanzielle Mittel entzogen werden, die transgeschlechtliche Kinder und Jugendliche anerkennen. Auch die Gesundheitsversorgung von trans Personen wurden in den vergangenen Monaten drastisch von staatlicher Seite der Trump-Regierung erschwert.

In Deutschland ist die Zahl an faschistischen Angriffen und Proteste gegen CSDs in den vergangenen Jahren weiterhin auf einem hohen Niveau. Aktuell ist zudem die faschistische AfD in Umfragen deutschlandweit stärkste Kraft, und könnte ab September mit Sachsen-Anhalt im ersten Bundesland an der Landesregierung sein. In ihrem Regierungsprogramm stellt sie sich offen gegen alle Familienmodelle abseits der heterosexuellen Kleinfamilie, will das Selbstbestimmungsgesetz abschaffen oder Regenbogenfahnen verbieten.

In vielen Städten riefen Teilnehmende von Stonewall-Demonstrationen dazu auf, sich insbesondere als LGBTI-Personen, an Protestaktion gegen den kommenden AfD-Bundesparteitag in Erfurt am 4. Juli zu beteiligen. Bei der kämpferischen Demonstration in Nürnberg mit 70 Teilnehmner:innen, wurde etwa die Parole „LGBTI+ in die Offensive – Kämpfen gegen Krieg und Krise!“ gerufen.

LGBTI+ Befreiung heißt Kapitalismus abschaffen!

Protest gegen Rosa Listen in Baden-Württemberg

In Stuttgart gingen unter dem Motto „Keine Pride ohne Klassenkampf“ etwa 600 Menschen zur Critical Pride auf Straße. Das Bündnis positionierte sich gegen sogenannte „Rosa Listen“, die in diesem Jahr durch die CDU in der Landesregierung auf den Weg gebracht wurden. Damit sollen die persönlichen Daten aller Personen an die Polizei weitergegeben werden, die das Selbstbestimmungsgesetz zur Änderung des Geschlechtseintrags genutzt haben.

Auch auf der Freiburger Demonstration zum Stonewall-Jahrestag wurde das neue Gesetz zur Datenweitergabe an staatliche Behörden scharf kritisiert. Etwa 25 Personen protestierten dort unter dem Motto „Militant gegen Faschismus – LGBTI+ Befreiung selbst erkämpfen“. Thema waren in diesem Jahr auch die polizeilichen Repressionen gegen die Demonstration 2025. Aktuell steht wegen angeblichem Verstoßes gegen das Versammlungsgericht ein Teilnehmer des letztjährigen Protests vor Gericht. Die diesjährige Demonstration wurde von doppelt so viel Polizist:innen wie Demonstrant:innen begleitet.

Kampf der „Schönwetter-Allyship“

In Leipzig machte sich bei der 5. Stonewall Pride Demonstration die Wettersituation doppelt bemerkbar. Wegen Hitzeschäden wurde am Sonntag der komplette Straßenbahnverkehr eingestellt und so die Anreise stark erschwert. Dennoch gingen unter dem Motto „LGBTI+ Resist“ etwa 150 Menschen auf die Straße. Mit Parolen wie „Stonewall was a riot, we will not be quiet!“ wurde an die Historie der kämpferischen Aufstände erinnert.

Die Organisator:innen der Demonstration positionierten sich gegen Versuche der bürgerlichen Parteien die LGBTI-Bewegung in den Staat zu integrieren. Eine Rednerin der Föderation Klassenkämpferischer Organisationen (FKO) erklärte unter großem Beifall: „Ich hab die Schnauze voll von ihrem Schönwetter-Allyship, der uns mit der einen Hand in die Passivität streichelt und mit der anderen in den Rücken sticht“.

Gegen LGBTI+ Feindlichkeit – an jedem Tag und jedem Ort!

Transfeindlicher Angriff in Berlin-Kreuzberg

Einen Tag vor dem Stonewall-Jahrestag kam es in Berlin zu einem transfeindlichen Angriff. Am Samstagmorgen griffen zwei Männer eine trans Frau und eine nichtbinäre Person körperlich an. Beide mussten mit Platzwunden am Kopf und Schürfwunden in Krankenhäuser eingeliefert werden. Auf der kämpferischen Stonewall Pride Demonstration einen Tag später, betonten Parolen wie etwa „dieser Staat schützt mich nicht – meine Geschwister schützen mich“, den antifaschistischen Selbstschutz als Reaktion auf LGBTI-feindliche Angriffe.

Etwa 300 Personen beteiligten sich an der Demonstration durch den Stadtteil Friedrichshain. Dort kam es auf der während eines Redebeitrags über faschistische Gewalt zu einem direkten Angriff auf die Demonstration. Ein Mann durchtrennte mit einer Zange das Stromkabel zwischen Mikrofon und Lautsprecher. Anschließend wurde die Person in von Polizeikräften festgenommen. Doch auch Teilnehmer:innen der Demonstration wurden am Ende des Protests mit großer polizeilicher Begleitung nach Verfolgung durch Beamte festgenommen.

Perspektive Online
Perspektive Onlinehttp://www.perspektive-online.net
Hier berichtet die Perspektive-Redaktion aktuell und unabhängig

MEHR LESEN

PERSPEKTIVE ONLINE
DIREKT AUF DEIN HANDY!