Über 1.400 Tote nach Erdbeben in Venezuela – Sanktionen erschweren Hilfsmaßnahmen

Nach dem Erdbeben in Venezuela steigt die Zahl der Todesopfer rasant an. Zehntausende Menschen werden weiterhin vermisst. Zeitgleich werden Hilfen aus dem Ausland angekündigt – aber durch EU- und US-Sanktionen erheblich erschwert.

Mittwoch Abend, 18 Uhr Ortszeit. Zwei Erdbeben mit einer Stärke von 7,2 und 7,5 erschüttern die Nordküste Venezuelas. Besonders betroffen sind die Küstenregion La Guaira sowie Teile der Hauptstadt Caracas. Die Zahl der Todesopfer steigt bis Sonntagmorgen auf über 1.400. Mindestens 3.360 Menschen wurden verletzt, weitere 50.000 gelten noch als vermisst.

Rettungskräfte suchen weiterhin nach Verschütteten, während immer wieder Nachbeben die Arbeiten erschweren und viele Menschen aus Angst vor weiteren Erschütterungen im Freien übernachten müssen. Insgesamt wurden bereits mehr als 200 Nachbeben in und um die Region gezählt. Die geschäftsführende Präsidentin Delcy Rodríguez rief am ersten Tag den Notstand aus.

Nach Angaben der Behörden wurden hunderte Gebäude zerstört oder schwer beschädigt. Die UN spricht von einer der schwersten Naturkatastrophen in Venezuela seit 100 Jahren, mit einem finanziellen Schaden von rund 6,7 Milliarden Dollar. Die UN ruft zu umfangreicher internationaler Hilfe auf.

Das Erdbeben trifft ein Land, in dem rund 56 Prozent der Bevölkerung in extremer Armut leben. Bereits vor dem Beben hatte jede:r Vierte Bedarf an humanitärer Hilfe. Durch eine wirtschaftliche und politische Krise sind die Preise für Grundnahrungsmittel kaum mehr bezahlbar. Seit dem Jahr 2015 flohen Millionen Menschen aufgrund der Armut in die Nachbarländer. Auch eine medizinische Grundversorgung ist für einen Großteil der Bevölkerung nicht sichergestellt.

„Wir müssen leider damit rechnen, dass die Zahl der Toten und Verletzten noch erheblich steigen wird, wie wir aus unserer Erfahrung mit anderen Naturkatastrophen wissen“, sagt Magdalena Kilwing, Johanniter-Fachbereichsleiterin für humanitäre Nothilfe. „Das ganze Ausmaß der Schäden wird erst in ein paar Tagen klar werden. (…) Die Krankenhäuser, die schon vor den Beben häufig in marodem Zustand waren und mit Stromausfällen und fehlenden Medikamenten zu kämpfen hatten, werden schnell an ihre Kapazitätsgrenzen gelangen.“

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) schätzt dazu, dass bis zu 1,4 Millionen Menschen von den Erdbeben und dessen Folgen betroffen sind. Die UN geht gar von bis zu 7 Millionen Betroffenen aus.

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Internationale Hilfe läuft an

Inzwischen haben zahlreiche Länder Such- und Rettungsteams sowie medizinische Hilfsgüter nach Venezuela geschickt oder dies angekündigt. Über 1.600 Rettungskräfte wurden bisher eingeflogen und das OCHA (Office for the Coordination of Humanitarian Affairs), das DRK sowie Ärzte ohne Grenzen (MSF) haben Hilfsteams und medizinische Güter nach Venezuela entsandt. Die US-Regierung kündigte Hilfen im Wert von 150 Millionen Dollar sowie eine Lockerung von Sanktionen an.

Gleichzeitig warnen verschiedene Organisationen davor, dass die langjährigen Wirtschaftssanktionen, die gegen Venezuela laufen, die Katastrophenhilfe zusätzlich erschweren könnten.

„Einerseits wird diese Hilfe die Bedürftigen nicht erreichen können“, sagt etwa Sarah Schiffling. Sie ist stellvertretende Direktorin des finnischen HUMLOG-Instituts, das in Helsinki im Bereich humanitäre Logistik und Lieferkettenmanagement forscht. „Andererseits wird diese Katastrophe von den USA genutzt werden, um mehr Einfluss in Venezuela zu gewinnen.“

Alex Main vom Center for Economic and Policy Research (CEPR), eine linksliberale Denkfabrik für Wirtschafts- und Sozialpolitik mit Sitz in Washington, erklärt dazu: „Die venezolanische Regierung muss Erdbebenhilfe frei empfangen und verteilen sowie humanitäre Unterstützung an die Betroffenen weiterleiten können. Die derzeitigen US-amerikanischen und weiteren Sanktionen drohen, die gesamte Katastrophenhilfe zu behindern.“

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Sanktionen erschweren die Hilfe

Die US-Regierung verhängte seit dem Jahr 2015 schrittweise weitreichende Finanz-, Handels- und Ölsanktionen gegen das Land, insbesondere gegen das staatliche Unternehmen PDVSA, das einen Großteil der Staatseinnahmen generiert. Doch übt sie ihre Politik gegenüber Venezuela in den vergangenen Jahren nicht mehr nur über Sanktionen, sondern auch durch direkte militärische Eskalation aus.

Anfang des Jahres griffen US-Streitkräfte Venezuela an, Präsident Nicolás Maduro wurde dabei vom US-Militär entführt. Zusätzlich wurden Vermögenswerte eingefroren und zahlreiche Regierungsmitglieder mit individuellen Sanktionen belegt. Ziel dieser Maßnahmen war es nach eigener Darstellung der US-Regierung, politischen Wandel zu fördern und die internationale Isolation der venezolanischen Regierung zu verstärken.

Auch die Europäische Union unterhält Sanktionen gegen Venezuela, darunter ein Waffenembargo sowie gezielte Maßnahmen gegen einzelne Verantwortliche. Offiziell richten sich diese nicht gegen die Bevölkerung und enthalten Ausnahmen für humanitäre Hilfe.

In der Praxis erschweren Sanktionen die Hilfslieferungen dennoch. Banken und Unternehmen vermeiden aus Angst vor Verstößen gegen Sanktionsvorschriften häufig Geschäfte – selbst dann, wenn diese rechtlich zulässig wären. Dadurch können Geldtransfers verzögert, der Einkauf von Medikamenten, Treibstoff oder technischer Ausrüstung erschwert und Transporte sowie die gesamte Logistik verteuert werden.

Dazu sagt Schiffling: „Finanzsanktionen können es NGOs erschweren, Geld in das betroffene Land zu überweisen, um Mitarbeiter:innen oder Lieferant:innen zu bezahlen. Zudem können zusätzliche administrative Belastungen entstehen, die den Betrieb verlangsamen und den Import von Waren sowie die Einreise von Mitarbeiter:innen in das Land erschweren.“

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Katastrophe trifft auf eine langjährige Krise

Das Erdbeben trifft Venezuela in einer Situation, in der das Land bereits seit Jahren unter einer schweren wirtschaftlichen und sozialen Krise leidet. Nach Einschätzung der Johanniter waren Krankenhäuser, die Stromversorgung und die öffentliche Infrastruktur vielerorts bereits vor der Katastrophe stark belastet.

Die Ereignisse zeigen, dass Naturkatastrophen besonders dort verheerende Folgen haben, wo Gesundheitssysteme, Infrastruktur und soziale Versorgung bereits geschwächt sind. In Ländern mit instabiler Infrastruktur können labile oder marode Gebäude leichter einstürzen, Rettungswege schneller blockiert sein und die Versorgung mit Strom, Wasser und medizinischer Hilfe deutlich schneller zusammenbrechen.

Naturkatastrophen führen in solchen Kontexten häufig zu einer Kettenreaktion. Zerstörte Krankenhäuser erschweren die Behandlung von Verletzten, beschädigte Verkehrswege behindern den Zugang zu abgelegenen Gebieten, und der Ausfall von Kommunikationssystemen verzögert die Koordination von Hilfsmaßnahmen. Gleichzeitig steigt in den Tagen nach einem Beben das Risiko weiterer Gefahren wie Nachbeben, Erdrutsche oder Ausbrüche von Krankheiten durch unterbrochene Trinkwasserversorgung. Die Folgen solcher Katastrophen hängen deshalb nicht nur vom Naturereignis selbst ab, sondern auch stark von den Bedingungen eines Landes vor dem Ereignis.

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