W-Social: Europas Antwort auf X – oder der nächste Schritt zur digitalen Kontrolle?

Vor kurzem startete das soziale Netzwerk W-Social, das sich als Alternative zu Twitter versteht. Das Unternehmen verspricht eine Plattform nach europäischen Regeln, mit Datenschutz und ohne Bots. Doch dahinter steht ein ausgeklügelter Plan der EU. – Ein Kommentar von Dalia Ali.

Am 17. Juni ging die neue Kurznachrichtenplattform W-Social – und damit auch die angebliche Konkurrenz zu Elon Musks X – live. Nach einer einmonatigen Testphase, in welcher der Zugriff nur einem ausgewählten Kreis zur Verfügung stand, geht W-Social nun an den Markt und die Anmeldung ist für alle freigeschaltet.

Mehr als 180 Länder bekundeten ihr Vorhaben, die Plattform auch in ihrem Land freizuschalten. Das Interesse ist groß, gerade in Zeiten, in denen die Abhängigkeit zu US-amerikanischen Konzernen kritischer betrachtet wird. Insbesondere wächst die Unzufriedenheit mit der aktuellen Medienlandschaft seit der Übernahme von Twitter. Der mittlerweile Billionär Elon Musk kaufte die Plattform im Jahr 2022, benannte sie in X um und änderte einiges an den Regulierungen.

Seitdem stieg die Nachfrage nach einer europäischen Alternative zu den gängigen sozialen Netzwerken, unabhängig von amerikanischen und chinesischen Monopolen. Laut der Gründerin der Plattform, Anna Zeiter, möchte W-Social genau an diesem Wunsch anknüpfen und den Bedarf decken.

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Europäische Gelder, Server und Daten

Doch was genau unterscheidet W-Social von anderen Plattformen? Wie schon erwähnt wäre es zum einen die Klausel, dass nur Europäer:innen investieren und abstimmen dürfen. Finanziert wird Zeiters Vorhaben deshalb von 80 europäischen Privatinvestor:innen – größter Geldgeber soll laut Berichten ein schwedisches Medienunternehmen sein.

In der Zukunft möchte sich die Plattform außerdem über Werbeeinnahmen finanzieren. Dafür werden schon jetzt europäische Medienunternehmen angefragt und konkrete Werbedeals ausgemacht. Als weiterer Geldfluss kommen sogenannte Mikrotransaktionen hinzu: So sollen Nutzer:innen einzelne Nachrichten und Artikel kaufen können, statt ein Abonnement abschließen zu müssen. Dass die Mitgliedschaft Geld kosten könne, schließt die Gründerin nicht aus.

Letztlich basiert W-Social auch auf dem sogenannten AT-Protokoll, also demselben quelloffenen Standard wie Bluesky. Das bedeutet, dass Nutzer:innen Inhalte und auch ihre Profile zwischen kompatiblen Plattformen übertragen können. So soll das Problem behoben werden, in einen „leeren Raum“ einzutreten. In diesem Netzwerk gäbe es schon rund 40 Millionen Konten weltweit.

Zuspruch aus Brüssel

Obwohl eine europäische Alternative namens Eurosky schon existiert, welche ebenfalls auf dem AT-Protokoll basiert und zudem noch von der nicht-kommerziellen Stiftung Modal entwickelt wurde, erntet ausgerechnet W-Social Lob.

Bei der Vorstellung der Plattform in Brüssel vergangene Woche Mittwoch wurde nebenbei enthüllt, dass die EU-Kommission und ihre Präsentin Ursula von der Leyen, die Europäische Zentralbank und ihre Präsidentin Christine Lagarde, sowie die Präsidentin des Europäischen Parlaments, Roberta Metsola, bereits Konten erstellt haben. In einem separaten Post auf Instagram verkündete die EU-Kommission: „Wir sind besonders glücklich, einer [Plattform], die in Europa angesiedelt ist, beizutreten.“

Mehr Kontrollen und Überwachung

Dabei ist auch die Entscheidung relevant, ihre Konten von Bluesky mit W-Social und nicht mit Eurosky zu verbinden, und das, obwohl letztere Plattform schon länger existiert. Damit dürften die Kontakte und somit auch die Einflüsse, die das Start-Up durch die machtvollen Menschen an Bord hat, nicht unterschätzt werden. Viel wichtiger aber ist das gemeinsame Vorhaben von Kommission und des Start-Ups, Identifizierungspflichten zu stärken und voranzutreiben und nicht zuletzt auch der kommerzielle Aspekt.

Mit der European Digital Identity Wallet (EUDI-Wallet) stellt die EU ihren eigenen Versuch vor, digitale Überwachung und Zurückverfolgung zu verstärken. Konkret wurden rund 40 Rechtsvorschriften erlassen, welche die praktische Umsetzung der EUDI-Wallet als europäische, digitale Brieftasche ermöglichen sollen. Statt jedoch auf Datensparsamkeit zu setzen – wie es einst gedacht war – werden mehr Daten abgefragt, gesammelt und freigegeben. Zudem sollen auch vermehrt biometrische Daten gespeichert werden, obwohl sie ganz besonderem rechtlichen Schutz unterliegen. So können diese Informationen und Daten auch ungehindert an Unternehmen fließen, die sie gar nicht bräuchten, und so missbraucht werden.

Mittel zum Zweck

Aber was hat W-Social damit zu tun? Zum einen verspricht das Unternehmen, dass die Server ausnahmslos in Europa stehen werden. Dafür zuständig ist das finnische Unternehmen UpCloud. Demnach gelten entsprechend auch europäisches Recht und europäische Datenschutzgesetze. Zuletzt müssen sich alle Nutzer:innen als Mensch über 18 Jahren verifizieren, um ein Konto anzulegen. Dafür müssen sie ihren Personalausweis oder den Reisepass einscannen und ein Foto von sich hinterlegen. Unter dem Vorwand, KI-Bots und Desinformation verhindern zu wollen, spielt W-Social gleichzeitig eine wichtige Rolle, die Identifizierungspflichten im Internet voranzutreiben und die EUid-Brieftasche zu etablieren.

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Zeiter sieht das als großen Pluspunkt für ihre Plattform. Laut ihr ist bei den aktuellen sozialen Kanälen unersichtlich, ob ein echter Mensch oder nur eine KI gerade postet. Sie versichert, dass diese Daten gelöscht würden und alles, was bliebe, ein verschlüsselter Token sei, also eine Art digitaler Geheimschlüssel – etwa wie ein „Stempel“ auf dem eigenen Konto, das verifiziert ist.

Demnach ist es kein Wunder, dass die EU Kommission eifrig ihre Konten auf W-Social verlagert und da auch schnell aktiv wird. Sie erkennt darin die Möglichkeit, ihr Vorhaben effizienter und schneller durchzupeitschen.

„Made in Europe for the World“

Unter dem Motto „Made in Europe for the World“ stellte sich das privat finanzierte Start-Up hinter der Plattform W-Social im Januar beim Weltwirtschaftsforum in Davos vor. Allen voran steht Anna Zeiter: Sie ist nicht nur die CEO von W-Social, sondern arbeitete auch als Datenschutzbeauftragte bei der Händlerplattform eBay.

Das „W“ im Namen hat für sie auch noch weitere Bedeutung: Zum einen steht es im Alphabet vor „X“, der Konkurrenzplattform. Außerdem besteht der Buchstabe aus zwei aneinandergefügten „V“. Sie stünden für „Values“ (Werte) und „Verify“ (Überprüfung) – die vorgeblichen Prinzipien des Netzwerkes.

Zusammen mit dem schwedischen Unternehmer Ingmar Rentzhog, der zuvor schon eine Plattform hochzog, gründete sie W-Social. Mit an Bord sind Personen aus dem Umfeld der Musikplattform Spotify, auch der ehemalige schwedische Minister Pär Nuder ist dabei.

Laut einem Interview mit Zeiter verbergen sich hinter dem Unternehmen Leute, die einfach das Gefühl hätten: „We need to make Europe great again“. Um das zu sichern, haben nur Europäer:innen das „Recht“, zu investieren, und nur ihnen sind Abstimmungsrechte innerhalb des Unternehmens gestattet. „Das heißt, wir haben bewusst […] ausgeschlossen, dass jetzt der große chinesische oder amerikanische Konzern kommen kann, um das ganze Teil aufzukaufen“, so Zeiter. Wie jedoch verhindert wird, dass sich Abstimmungsrechte durch Korruption und Bestechungen erkauft werden können, bleibt unklar.

Passend zu „MEGA“ sollen auch Faschist:innen Konten erstellen dürfen und sie für ihre Propaganda nutzen. Zeiter bekräftigt explizit, dass auch die Co-Vorsitzende der AfD, Alice Weidel, „bei uns willkommen“ ist, solange sie „mit einem Pass kommt“, wie alle anderen.

Wirklich eine Alternative?

Auf den ersten Blick scheint es schwer, die Plattform von ihrem Konkurrenten X zu unterscheiden. Beide dienen als Kanäle für Kurznachrichten, die Personen unter einem selbsterstellten Profil veröffentlichen. Die Interaktionsmöglichkeiten von „gefällt mir“, über Kommentare und Wiederveröffentlichungen sind identisch.

Zudem sollen die negativen Aspekte von X, wie zunehmende Hetze, rassistische Äußerungen und Desinformationen, die sich seit Musks Übernahme 2022 immer mehr verbreiteten, nicht aktiv bekämpft werden. Genau diese aber zwingen Nutzer:innen der Plattform zur Suche nach einer Alternative. Doch diese Alternative will W-Social gar nicht sein. Wenn offen bekennende Faschist:innen wie Weidel herzlich willkommen geheißen werden, ist es unmöglich, zu erwarten, dass das politische Klima aus jeglicher Perspektive anders sein wird.

Vielmehr geht es darum, europäische Überwachung und Verfolgung durch EUID und Server in Europa zu ermöglichen, zu verstärken und durchzuführen. Dass auch KI-gesteuerte Profile und Bots als Vorwand genutzt werden, um diese Maßnahmen zu rechtfertigen, sollte niemanden überraschen.

Am Ende des Tages steht auch hinter diesem neuen sozialen Netzwerk – wie zuvor hinter Instagram, X und so weiter – ein Privatunternehmen mit Investor:innen, die sich einen Profit aus ihren Investitionen erhoffen. Auch W-Social muss sich rentieren und „lohnen“. Eine wahre Alternative kann die Plattform also nicht sein, wenn sie nicht die grundlegenden Probleme sozialer Kanäle löst, nein, sogar selbst von ihnen profitiert und profitieren muss.

Dalia Ali
Dalia Ali
Berichtet seit 2025 aus Halle (Saale) für Perspektive. Junge Sozialistin, die sich einen Schwerpunkt auf die Linie der Frauenrevolution setzt. Besonders gerne schreibt sie über internationale Themen sowie Migrationspolitik. Im Hintergrund laufen 2016er Deutschrap Songs. Auf Papier kommen aber fortschrittliche Artikel ganz nach dem Motto: "Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat!"

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