Wirtschaftsforum in St. Petersburg: Annäherung deutscher Unternehmen und AfD-Politiker an Russland?

Das Wirtschaftsforum in St. Petersburg bringt deutsche Unternehmer:innen und AfD-Politiker zurück nach Russland. Damit wird zunehmend sichtbar, dass die klare Distanzierung gegenüber Russland nicht mehr so unumstößlich wirkt wie noch vor wenigen Jahren. – Ein Kommentar von Alexandra Baer.

Das Eis scheint zu tauen – zumindest wirtschaftlich. Nach mehreren Jahren offizieller deutscher Abstinenz tauchten beim Internationalen Wirtschaftsforum wieder deutsche Unternehmer und Delegierte der AfD auf russischen Boden auf. Das Internationale Wirtschaftsforum (engl.: St. Petersburg International Economic Forum, SPIEF 2026) findet von Mittwoch bis Samstag in St. Petersburg statt und wird maßgeblich von Russlands Regierung getragen.

Noch vor wenigen Jahren wäre die Anwesenheit deutscher Gäste eine politische Sensation gewesen. Bisher bleibt der Aufschrei aus. Und anscheinend besteht zumindest bei Teilen der deutschen Wirtschaft ein wachsendes Interesse, wirtschaftliche Gesprächskanäle mit Russland offenzuhalten.

Deutsche Wirtschaft blickt auf langfristige Chancen in Russland

Die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer begründet die Rückkehr deutscher Unternehmen zum Wirtschaftsforum mit langfristigen wirtschaftlichen Interessen: „Nicht zuletzt für den Moment nach einem Waffenstillstand wollen wir wie andere große westliche Länder die wirtschaftliche Brücke nach Russland erhalten und die mehr als 100 Milliarden deutscher Vermögenswerte in Russland schützen“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Kammer, Matthias Schepp, der Deutschen Presse-Agentur.

Nach Angaben Schepps seien Vertreter aus den USA und Frankreich bereits seit dem vergangenen Jahr wieder in entsprechenden Dialogformaten vertreten. Die Angst vor China, das allein in den ersten drei Monaten des Jahres rund 1.400 neue Firmen in Russland gegründet hat, wird ebenfalls spürbar: „Der Westen sollte Russland, seinen großen Markt und seine Rohstoffe nicht auf Dauer Asien überlassen“, so Schepp.

Laut dem Programm des Forums werden unter anderem der EkoNiva-Gründer Stefan Dürr sowie Thomas Bruch, langjähriger Geschäftsführer der Globus Holding, am deutsch-russischen „Business-Dialog“ teilnehmen.

Nach Angaben der Auslandshandelskammer sind weiterhin rund 1.600 deutsche Unternehmen in Russland tätig. Der deutsch-russische Handel ist infolge der westlichen Sanktionen jedoch massiv zurückgegangen. Während das Handelsvolumen im Jahr 2021 noch bei knapp 60 Milliarden Euro lag und 2012 mit rund 80 Milliarden Euro einen Höchststand erreicht hatte, fiel es im vergangenen Jahr auf weniger als 10 Milliarden Euro.

Die Gästeliste in St. Petersburg beschränkt sich jedoch nicht nur auf Unternehmer:innen, die auf neue Geschäfte in Russland setzen: Auch der Dirigent Justus Frantz, der Berliner Verleger Holger Friedrich und der Filmemacher und Journalist Hubert Seipel traten den weiten Weg nach St. Petersburg an.

Kein Ende in Sicht? Neue Eskalationen und wachsende Mobilisierungsprobleme im Ukraine-Krieg

AfD-Politiker zu Gast in St. Petersburg

Dass sich unter den Gästen in St. Petersburg auch mehrere AfD-Politiker finden, überrascht kaum. Die Russland-Affinität von Teilen der Partei ist seit Jahren bekannt. Gleichzeitig gehört die Frage des richtigen Umgangs mit Moskau zu den umstrittensten außenpolitischen Themen innerhalb der AfD. Wie tief die Gräben verlaufen, zeigte die Debatte um eine Delegationsreise nach Russland im November vergangenen Jahres: Während vor allem ostdeutsche Landesverbände an einem russlandfreundlichen Kurs festhielten, versuchte die Parteiführung um Alice Weidel, das Image besonderer Kreml-Nähe abzuschütteln und die Partei für mögliche Regierungspartner anschlussfähiger zu machen.

Vorbereitung auf Regierungskoalition: Streit um Russland in der AfD

Beim diesjährigen Wirtschaftsforum nimmt etwa der Bundestagsabgeordnete und baden-württembergische Landesvorsitzende, Markus Frohnmaier, teil. Seiner Meinung nach brauche Deutschland „eine Politik, die Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und die Interessen der eigenen Bürger wieder stärker in den Mittelpunkt stellt“. Um sicherzugehen, dass ihn da niemand falsch versteht, fügte er hinzu, dass seine Teilnahme „keine Billigung des Krieges in der Ukraine“ bedeuten würde.

Neben Frohnmaier waren auch der sächsische AfD-Vorsitzende und Landtagsabgeordnete Jörg Urban sowie – laut Bild – auch der AfD-Bundestagsabgeordnete Steffen Kotré und der Europaparlamentarier Petr Bystron in St. Petersburg zu Gast.

Erst Drohnenangriff, dann Friedensinitiative

Aus russischer Sicht wurde das Treffen von einem ukrainischen Drohnenangriff auf den Hafen von St. Petersburg überschattet, der passgenau zu Beginn der Veranstaltung erfolgte. Kilometerweit sichtbare Rauchsäulen stiegen über den Öltanks auf. Offenbar wollte der ukrainische Präsident den hochrangigen Gästen aus 130 Ländern damit eine Botschaft übermitteln.

Weniger als 48 Stunden später setzte Kiew jedoch auf einen anderen Ton: Am Donnerstag forderte Präsident Wolodymyr Selenskyj Wladimir Putin in einem offenen Brief zu Friedensverhandlungen auf. Anscheinend will sich Selenskyj nicht mehr auf Trumps Vermittlungsbemühungen verlassen – dieser wirkt auch so, als würde er sich gerade auf den Angriffskrieg auf den Iran konzentrieren wollen.

Die Friedensverhandlungen sollen nach übereinstimmenden Medienberichten durch europäische Länder unterstützt werden. So soll am Sonntag ein persönliches Treffen zwischen Selenskyj und den Regierungschefs von Deutschland, Großbritannien und Frankreich stattfinden, um zu beraten, wie man Russland zu Friedensverhandlungen bewegen könne.

„Wir sind sehr dafür, dass dieser Konflikt zu einem Ende geführt wird“, so der stellvertretende Regierungssprecher Sebastian Hille in Berlin.

Russland sucht die wirtschaftliche Neuordnung ohne den Westen

Bei seiner Rede am Freitag sprach Russlands Präsident Putin direkt auch die europäischen Konkurrenten an: Die „europäische Elite“ schließe andere Staaten, darunter auch Russland, von wirtschaftlichem und technologischem Fortschritt aus. Auch ihre Politik in Westasien verbreite Chaos, und andere Länder würden in dieses Chaos mit hineingezogen werden. Die Welt stehe allerdings vor einem „globalen Paradigmenwechsel“, der ein „faireres“ Weltwirtschaftssystem hervorbringe.

Worin dieser Paradigmenwechsel genau bestehen soll, ließ Putin offen. Gemeint sein könnten der Aufstieg Chinas und anderer aufstrebender Volkswirtschaften, die geopolitischen Spannungen um Taiwan und in Westasien oder die tiefgreifenden wirtschaftlichen Folgen des Kriegs auf den Iran, der besonders auch europäische Länder wirtschaftlich stark trifft.

Iran-Krieg bringt schwere Folgen für Öl, Gas und Weltwirtschaft

Jedenfalls plant die russische Regierung, mit China und Indien eigene wirtschaftliche Systeme aufzubauen, um so unabhängiger vom Westen zu werden. Europa, so Putin, handle politisch kurzsichtig und begegne anderen Staaten mit wachsender Aggressivität. Die gegen Russland verhängten Sanktionen sowie die eingefrorenen Vermögenswerte der russischen Zentralbank wertete er als Akt des „Diebstahls“.

Insgesamt zeigt das Wirtschaftsforum in St. Petersburg jedoch eine vorsichtige Wiederaufnahme wirtschaftlicher Kontakte zwischen Deutschland und Russland, an der sich sowohl Unternehmer:innen als auch einzelne AfD-Politiker beteiligen. Auffällig ist dabei, dass die öffentliche Reaktion im Vergleich zu früher deutlich milder ausfällt und wirtschaftliche Interessen zunehmend in den Vordergrund rücken. Damit scheint die Phase eindeutiger Verurteilung von Russland zunehmend aufzuweichen.

Alexandra Baer
Alexandra Baer
Autorin Seit 2023. Angehende Juristin, interessiert sich besonders für Migration und Arbeitskämpfe. Alexandra ist leidenschaftliche Fußballspielerin und vermisst die kalte norddeutsche Art in BaWü.

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