Zwischenbilanz zur Wehrerfassung bleibt vage – Präsenz der Bundeswehr nimmt weiter zu

Hunderttausende Jugendliche des Jahrgangs 2008 werden derzeit per Fragebogen für den Wehrdienst erfasst. Aus den bisherigen Zahlen lassen sich wenig belastbare Aussagen über die Wehrbereitschaft ableiten. Deutlich wird jedoch vor allem die wachsende Präsenz der Bundeswehr im Alltag junger Menschen.

Seit diesem Jahr verschickt die Bundeswehr an alle 18-jährigen Jugendlichen einen Fragebogen zur Wehrerfassung. Nun hat sie eine erste Zwischenbilanz gezogen. Bisher wurde der Fragebogen an 298.200 Jugendliche verschickt, geplant sind insgesamt rund 700.000. Doch eine wirkliche Aussagekraft lässt sich aus den bislang veröffentlichten Daten kaum ableiten.

Mit dem sogenannten „neuen Wehrdienst“ verfolgt die Bundesregierung das Ziel, mehr junge Menschen für einen freiwilligen Dienst bei der Bundeswehr zu gewinnen. Dabei sollen Jugendliche vom Leben als Soldat:in überzeugt werden. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) erklärte dazu, „dass viele von ihnen sich länger zu diesem wichtigen Dienst an unserem Land verpflichten“.

Der neue Wehrdienst dient neben der vereinfachten Personalgewinnung zugleich als Vorstufe für eine mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht, falls die Personalziele der Bundeswehr mit Freiwilligen nicht erreicht werden. Um diese umsetzen zu können, baut sie ihre Infrastruktur in diesen Belangen deutlich aus.

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Bundeswehr wächst – langsam

Die bislang veröffentlichten Zahlen lassen wie gesagt nur begrenzte Rückschlüsse zu. Denn belastbare Aussagen darüber, wie viele Jugendliche tatsächlich Interesse an einem Dienst bei der Bundeswehr haben, sind daraus kaum abzuleiten. Die Ursache hierfür liegt einerseits am Aufbau des Fragebogens: So wird beispielsweise auf einer Skala von 0 bis 10 bereits jeder Wert ab 1 als Aussage „ich kann es mir vorstellen, Soldatin oder Soldat zu werden“ und damit als Interesse an der Bundeswehr gewertet. Auch die fehlende überprüfbare Datenlage stellt die Seriosität von Berichten wie die der Tagesschau auf Instagram in Frage. Darin wurde behauptet: „Immer mehr junge Menschen wollen zur Bundeswehr.“

Unabhängig von den Antworten gelingt es der Bundeswehr jedoch zunehmend, sich als attraktive „Arbeitgeberin“ zu präsentieren und in den Alltag junger Menschen vorzudringen. Schon der Fragebogen selbst sorgt dafür, dass die Bundeswehr in die Haushalte von hunderttausenden Jugendlichen gelangt und für viele überhaupt erst als berufliche Option sichtbar wird.

Hinzu kommt, dass die Bundeswehr ihre Werbemaßnahmen in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut hat und mit zahlreichen finanziellen Anreizen wirbt: Neben einem festen Einkommen und einem sicheren Arbeitsplatz unterstützt sie Soldat:innen auch bei der Wohnungssuche außerhalb der Kaserne. Zusätzlich werden Verpflichtungsprämien von bis zu 5.413,98 Euro pro Verpflichtungsjahr gezahlt. Kostenfreie Unterkunft und Verpflegung machen den Dienst insbesondere für solche jungen Menschen attraktiv, die vergleichsweise schnell ein regelmäßiges eigenes Einkommen erzielen möchten.

Finanziell ist somit der Job bei der Bundeswehr deutlich einem normalen Ausbildungsberuf überlegen. Das Durchschnittsgehalt bei Ausbildungen liegt bei 1.238 Euro, beim Wehrdienst ist es mehr als das Doppelte – nämlich 2.600 Euro.

Diese Strategie zeigt durchaus Wirkung: Nach Angaben der Bundeswehr stieg die Zahl der regulären Bewerbungen im ersten Halbjahr um 24 Prozent auf rund 38.500. Für das Gesamtjahr 2025 wurden rund 56.000 Bewerbungen registriert – ein Anstieg von 9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig nahmen die Neueinstellungen im ersten Halbjahr um 13 Prozent auf etwa 11.000 zu. Dennoch wird weniger als ein Drittel aller Bewerber:innen tatsächlich eingestellt.

Für den Wehrdienst wurden bisher rund 1.500 Musterungen durchgeführt und 530 Jugendliche rekrutiert. Insgesamt wuchs die Bundeswehr im Jahr 2025 auf rund 184.200 aktive Soldatinnen und Soldaten – ein Plus von etwa 3.000 gegenüber dem Vorjahr. Langfristig verfolgt sie das Ziel, ihre Personalstärke bis zum Jahr 2035 auf 260.000 aktive Soldatinnen und Soldaten zu erhöhen.

Mehreren tausend jungen Männern droht Bußgeld

Darüber hinaus bedeutet die Wehrerfassung eine umfassende Erhebung personenbezogener Daten. Nur rund 4 Prozent der männlichen Jugendlichen verweigerten die Beantwortung des Fragebogens, wie aus Daten hervorgeht, die das ZDF veröffentlicht hat. Konkret beantworteten 11.920 junge Männer den Fragebogen nicht. Ihnen droht nun ein Bußgeld, da sie zur Auskunft verpflichtet sind. Weibliche Jugendliche hingegen sind von der Beantwortungspflicht ausgenommen. Lediglich 4 Prozent von ihnen beteiligten sich freiwillig an der Umfrage.

Der Widerstand gegen eine mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht beschränkt sich jedoch nicht auf die Verweigerung des Fragebogens. Am 5. Dezember, am 5. März und 8. Mai demonstrierten deutschlandweit mehrere zehntausend Jugendliche gegen ihre drohende Rückkehr.

Weiter kämpfen und streiken gegen Wehrpflicht und Kriegsvorbereitung

Parallel dazu ist in den vergangenen Jahren auch die Zahl der Kriegsdienstverweigerungen kontinuierlich gestiegen. Seit diesem Jahr veröffentlicht das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) entsprechende Zahlen jedoch nicht mehr. Die Angaben wurden als Verschlusssache „nur für den Dienstgebrauch“ eingestuft und sind damit nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Die Zwischenbilanz der Wehrerfassung liefert daher bislang nur wenige belastbare Erkenntnisse über die tatsächliche Bereitschaft junger Menschen zum Wehrdienst. Denn Fakt ist, die unmittelbare Resonanz ist eher gering. Gleichzeitig zeigt sie aber, dass die Bundeswehr ihre Präsenz in der Gesellschaft weiter ausbaut, erfolgreich neue Bewerber:innen gewinnt und auch die Zahl an aktiven Soldat:innen und Reservist:innen ausbaut – wenn auch langsam.

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