Der libanesische Präsident versucht die vollständige Souveränität über den Libanon zurückzuerlangen und biedert sich dafür bei US-Präsident Trump an. Währenddessen meldet auch die Bundesregierung ihr Interesse am Libanon an.
Erstmals seit 2009 ist das Staatsoberhaupt des Libanons wieder in Washington zu Gast. Präsident Joseph Aoun traf sich am Dienstag mit Donald Trump im Weißen Haus.
Hauptgesprächsthema war hierbei die völkerrechtswidrige Besetzung des Südlibanons durch Israel. 60 Gemeinden sind von dieser Okkupation betroffen, Teile davon sind verwüstet und zerstört. Über eine Millionen Bewohner:innen mussten aus den Gebieten fliehen. Über die aktuelle Situation vor Ort gibt es unterschiedliche Angaben. Es kann nicht sicher festgestellt werden, wo die israelische Armee vor Ort stationiert ist oder welche Bereiche unter Beschuss der Israelis stehen.
Das Gebiet um Sawtar al-Gharbia soll nun als „Pilotzone“ den libanesischen Streitkräften zurückgegeben werden. Der Rückzug aus dieser und einer weiteren „Pilotzone“ sind Teil eines bilateralen Abkommens, welches der Libanon und Israel Ende Juni beschlossen haben. Voraussetzung war, dass die zurückgegebenen Territorien vom libanesischen Militär kontrolliert werden und die Hisbollah dort nicht an die Macht käme. Der unter Vermittlung der USA ausgehandelte Vertrag sieht darüber hinaus die Entwaffnung der libanesischen Miliz vor, während die Israel Defense Forces (IDF) im Gegenzug nicht weiter in den Libanon vorrücken soll.
Wackliges Abkommen: Israel setzt Angriffe und Besatzung im Libanon fort
Aoun fordert vollständigen Rückzugs Israels
Dem libanesischen Präsidenten ist dies allerdings nicht genug. Er wolle Trump einen schriftlichen Vorschlag unterbreiten, der einen vollständigen Rückzug Israels vorsieht. Dieser beinhaltet seine Idee einer möglichen Niederlegung der Waffen seitens der Hisbollah.
Der libanesische Machthaber setzt auf seinen amerikanischen Amtskollegen als einzigen Menschen, der Einfluss auf Netanyahu hat. Daher bemüht sich Aoun, Trump öffentlich zu würdigen. Er verweist auf seine angebliche Freundschaft mit ihm und hebt hervor, dass Trump den „Frieden“ stets im Blick habe. Darüber hinaus dankt er den Vereinigten Staaten für ihren Beitrag zur Wahrung der libanesischen Souveränität.
Dass Aoun sich derart unterwürfig präsentiert, ist sowohl seiner eigenen Historie als auch seinem großen Ziel geschuldet. Aoun ist ehemaliger Befehlshaber der von den USA unterstützten libanesischen Streitkräfte. Seit 2025 ist er Präsident des Staates, der zuvor zwei Jahre ohne Staatsoberhaupt existierte. Mit Aoun ist in Libanon jemand an der Macht, der einen deutlichen Kurswechsel vorhat.
Für diesen prowestlichen und antiiranischen Kurs findet er deutliche Worte für die schiitische Untergrundarmee. Sie hätte kein Interesse am Libanon und ihrer Bevölkerung, stattdessen würden sie nur für die Interessen des Irans agitieren. Auf der anderen Seite spart er mit Kritik an Israel sowohl im Kontext des Völkermords in Gaza als auch der illegalen Besatzung des Libanons.
Aouns Plan ist also klar zu erkennen: Der libanesische Staat und seine Armee sollen an Souveränität gewinnen und die Hisbollah zurückgedrängt werden. Dafür setzt er auf das Backing des Westens und biedert sich bei US-Präsident Trump an. Ob dieser Plan aufgeht und der Libanon am Ende wirklich souverän handeln kann oder ob man vielmehr einen alles entscheidenden „Unterstützer“ durch einen anderen austauscht, bleibt abzuwarten.
Trump sichert Unterstützung zu
Bei Trump kommt das devote Verhalten scheinbar schon einmal sehr gut an: Aoun „weiß, wie er mich erreichen kann“, kommentiert der US-Präsident und ergänzt: „Jetzt kann er alles haben.“ Was das konkret zu bedeuten hat, wurde jedoch nicht verlautbart, es blieb bei vagen Unterstützungsbekundungen.
Nichtsdestotrotz ist Libanons Anliegen ein Segen für den US-Präsidenten. Trump kann seinen Einfluss in Westasien weiter ausbauen und sich zudem einmal mehr als vorgeblicher Friedensbringer inszenieren. Auch wenn dieses Szenario derzeit als wenig wahrscheinlich gilt, würde eine erfolgreiche Entwaffnung der Hisbollah durch Aoun den iranischen Einfluss in der Region erheblich schwächen und Teheran zunehmend isolieren.
Auch in der Beziehung mit Israel ergibt sich hier für die USA eine Möglichkeit. Mit einem Machtwort im Sinne oder gar einer direkten Unterstützung des Libanons könnte die US-Regierung den eigenen Einfluss in Westasien ausbauen und das entschieden durch einen anderen Kanal als den wichtigsten Verbündeten Israel. Im Kontext des Iran-Kriegs war die Beziehung der beiden Staaten zuletzt eher angespannt: Immer wieder gab es Medienberichte – und teils auch Anspielungen auf US-Seite –, dass die US-Regierung unzufrieden mit dem Kriegsverlauf sei und das Gefühl habe, von Israel in den Krieg gezogen worden zu sein.
Doch auch für Israel wäre eine schnelle und funktionierende Abmachung von Vorteil. Israel hätte sich damit eines seiner wichtigsten regionalen Gegner entledigt, ohne für den völkerrechtswidrigen Angriff politisch oder rechtlich zur Verantwortung gezogen zu werden. Die Frage ist nun, wie stark das Interesse im Libanon ist und inwiefern man sich in dieser Sache gegenüber den USA durchsetzen kann.
Israels geplante Bodenoffensive im Libanon – nächster Schritt zu einem Groß-Israel?
EU-Friedenstruppen im Südlibanon?
Doch nicht nur die US-Regierung scheint Interesse an einem direkteren Einfluss auf den Libanon zu haben. Ein ähnlicher Vorstoß kam vor kurzem aus Deutschland. So machte der deutsche Außenminister Johann Wadephul (CDU) kürzlich einen Vorschlag für ein EU-Truppenmandat im Südlibanon:
Die Europäische Union solle damit in die Fußstapfen der UN treten und dort als Friedensmacht für Sicherheit sorgen. Bisher versuchte dies die UN-Stabilisierungsmission UNIFIL, deren Mandat zum Ende dieses Jahres nach fast 50 Jahren ausläuft und nicht verlängert wird. Auch deutsche Einheiten der Bundeswehr waren an der über 10.000 Personen fassenden Friedenstruppe beteiligt. Sie bildete die libanesische Marine aus und half ihr dabei, das Seegebiet vor dem Libanon vor Waffenschmuggel zu schützen. Spätestens Anfang 2027 soll sie den Libanon verlassen.

