Gegen mehrere Spieler der Fußball-Weltmeisterschaft laufen Verfahren wegen sexualisierter Gewalt. Während FIFA und Verbände die Spieler decken, gibt es Pfeifkonzerte von den Rängen. Gleichzeitig kommt es rund um die Spiele zu einem starken Anstieg häuslicher und sexualisierter Gewalt gegen Frauen. – Ein Kommentar von Samy Herbst.
Vorwürfe wegen sexualisierter Gewalt gibt es zahlreiche gegen Fußballprofis, die aktuell bei der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer auf dem Rasen stehen. Der prominenteste ist dabei zweifelsohne der portugiesische Superstar Cristiano Ronaldo. Schon 2010 scheitert eine Klage gegen Ronaldo, der beschuldigt wurde, das ehemalige US-Modell Kathryn Mayorga vergewaltigt zu haben. Das Verfahren wurde in Folge außergerichtlicher Absprachen abgebrochen, nachdem Ronaldo die Betroffene mit 375.000 Euro bestochen hatte, um „Vertraulichkeit zu wahren“ und einen „öffentlichen und kostspieligen Rechtsstreit zu vermeiden“.
Es vergingen acht Jahre, bis im Rahmen umfassender Fußball-Leaks ein Geständnis des Fußballstars gegenüber seinen Anwälten öffentlich wurde und das Thema die breite Öffentlichkeit erreichte. In den durchgesickert Dokumenten schilderte Ronaldo gegenüber seinen Anwälten unter anderem, dass Mayorga mehrfach „Nein“ und „Stopp“ gesagt haben soll, bevor er sie zum Sex im Hotelzimmer gezwungen habe. Das Gericht erkannte die Leaks jedoch nicht als Beweise an, da die Kommunikation zwischen Beschuldigtem und Mandanten unter besonderem Schutz stehe. Somit wurde das Strafverfahren 2022 trotz der belastenden Veröffentlichungen wieder eingestellt.
Paradoxerweise machte die Richterin die Betroffene Mayorga selbst für dieses Urteil verantwortlich, da diese im Prozess auf „gehackte, vertrauliche Dokumente“ zurückgegriffen habe. Mayorga habe die Chance darauf verspielt, dass der Fall weiter verfolgt wird. Trotz des Geständnisses bleiben Konsequenzen für Cristiano Ronaldo letztlich aus, und heute steht der Superstar wieder auf der Weltbühne.
Ronaldos mutmaßliche Taten werden verharmlost
Dort wird er von tausenden Fans in den Stadien und Millionen von Anhänger:innen vor den Fernsehern für seine sportlichen Leistungen bejubelt. Die psychischen Folgen der Vergewaltigung für die Betroffene spielen in der öffentlichen Berichterstattung derweil keine Rolle. Im Gegenteil: Schon während des Verfahrens wird Ronaldo zwischen den Zeilen immer wieder in Schutz genommen. So spricht die deutsche Presse von „angeblicher Vergewaltigung“ und berichtet in erster Linie aus der Perspektive des Angeklagten.
Die Zeit nach der Veröffentlichung der Vorwürfe sei die „wohl schwierigste“ Zeit seines Lebens gewesen. Für die Betroffene gibt es weder Rechtsspruch noch Entschädigung. Erst seit Beginn der diesjährigen Weltmeisterschaft werden wieder einzelne Stimmen lauter, die das ungerechte Verfahren kritisieren und sich mit Kathryn Mayorga solidarisieren.
Der Podcast Olga News kommentiert auf Instagram etwa: „Die Liste prominenter Fußballer, gegen die Vorwürfe sexualisierter Gewalt und teils vielfacher Vergewaltigung erhoben wird, ist lang: Mason Greenwood, Thomas Partey, Cristiano Ronaldo, Benjamin Mendy, Achraf Hakimi oder Ryan Mendes. Für einen Fußballer scheint wohl auch eine Vielzahl an Vorwürfen kein Karriereende zu sein.“ Die Herausgeberinnen des Podcasts prangern vor allem die FIFA und staatliche Institutionen an, die keinen Schutz vor patriarchaler Gewalt leisten würden.
Pfiffe gegen zwei Spieler bei der WM
Das zeigt sich auch in den Fällen von Thomas Partey und Achraf Hakimi: Obwohl die FIFA und Fußballfunktionäre Debatten über die Vielzahl von Profifußballern mit schweren Vorwürfen sexualisierter Gewalt gerne vom Turnier fernhalten möchten, sind sie immer wieder Thema rund um die Weltmeisterschaft. Der ghanaische Nationalspieler Thomas Partey etwa durfte nicht in das Gastgeberland Kanada einreisen. Der Grund dafür ist, dass er seit April wegen Missbrauchsvorwürfen vor einem Londoner Gericht steht. Die kanadischen Gesetze erlauben bei solchen Verfahren das Verbot einer Einreise.
An Spielen im weiteren Gastgeberland USA durfte er jedoch teilnehmen. Dort wurde Partey aber von Fans im Stadion lautstark ausgepfiffen. Vor dem Spielbeginn in der Gruppenphase gegen England verweigerte dann der britische Nationalspieler Djed Spence dem Ghanaer den Handschlag und löste damit eine mediale Kontroverse aus. Ghanas Nationaltrainer erklärte nach dem Spiel: „Leider bringen sie ihre Politik und all diese Themen ins Spiel ein. Es ist unsere Pflicht, das zu ignorieren.“
Auch gegen einen weiteren Spieler gab es während der Weltmeisterschaft Pfeifkonzerte wegen Vorwürfen sexualisierter Gewalt. Der marokkanische Profi Achraf Hakimi muss sich derzeit in Frankreich wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung vor Gericht verantworten. Im Gruppenspiel gegen Schottland wurde er bei jeder Ballberührung ausgepfiffen. Doch auch er wurde von seinem nationalen Fußballverband in Schutz genommen. Der marokkanische Nationaltrainer Mohamed Ouahbi erklärte nach dem Spiel: „Wir haben nicht darüber geredet, müssen wir auch nicht. Wir stehen hinter ihm.“
Verleihung des FIFA Friedenspreis: Weniger Fußball, mehr Trump
Mehr häusliche und sexualisierte Gewalt durch Männer während der WM
Auch abseits des Rampenlichts erleben viele Frauen und Mädchen häusliche und sexualisierte Gewalt. Sie steigt während großer Fußball-Events nachgewiesenermaßen zusätzlich. Das zeigen nicht zuletzt Studien aus England, die während der Weltmeisterschaften 2002, 2006 und 2010 durchgeführt wurden.
Bei einem Sieg der englischen Nationalmannschaft stieg die Gewalt um 26 Prozent, bei einer Niederlage sogar um 38 Prozent. Dementsprechend ist auch aktuell während der Fußball-Weltmeisterschaft wieder mit einem Anstieg der Gewalt gegen Frauen zu rechnen. Der Konsum großer Mengen Alkohol ist dabei oft ein verstärkender Faktor. Während aus dem Lager der reaktionären Kräfte immer wieder Migration als Grund für die steigende Gewalt an Frauen angeführt wird, zeigt ein Blick auf die Statistiken, dass das Profil eines typischen Sexualstraftäters vor allem zwei Charakteristika aufweist.
Er ist männlich und steht in einem persönlichen Verhältnis zur Betroffenen. Anders als das Narrativ des „muslimischen Messermanns am Bahnhof“ und Glauben machen soll, gehen die meisten Taten von den (Ex)-Partnern betroffener Frauen aus und finden oft in den eigenen vier Wänden statt. Dabei ist die große Mehrheit der Betroffenen weiblich. Laut Bundeskriminalamt betrug die Zahl registrierter Fälle häuslicher Gewalt gegen Frauen 2024 rund 188.000 mit steigender Tendenz.
Hierbei muss allerdings von einer sehr hohen Dunkelziffer unregistrierter Fälle ausgegangen werden, da die meisten Frauen häusliche und sexualisierte Gewalt nicht zur Anzeige bringen. Häufig stehen Frauen in einem ökonomischen oder sozialen Abhängigkeitsverhältnis zu ihren (Ex-)Partnern und müssen im Fall einer Anzeige mit negativen Konsequenzen für ihre Lebenssituation oder weiterer Gewalt rechnen.
Nur in 10 Prozent der Fälle kommt es zur Verurteilung
Der Abbau sozialer Ausgaben des Staats für Schutzeinrichtungen wie Frauenhäuser verschärft dieses systemische Problem aktuell zusätzlich. Hinzu kommt, dass Betroffene den Prozess einer Anzeige oft als erniedrigend und retraumatisierend erleben. So müssen vergewaltigte Frauen in Deutschland innerhalb von weniger als drei Tagen nach der Vergewaltigung bei der Polizei vorsprechen, intime Fragen zur Tat über sich ergehen lassen und DNA-Proben abgeben oder vorweisen, um überhaupt eine realistische Chance auf eine Verurteilung des Beschuldigten zu erlangen.
In diesem Sinne ist es nicht verwunderlich, dass es in weniger als 10 Prozent der angezeigten Fälle von Vergewaltigung zu einer Verurteilung kommt. In den meisten Fällen kommt es vor Gericht zu Aussage gegen Aussage. Für das Gericht sind jedoch die betroffenen Frauen in der Beweispflicht, während für die Vergewaltiger die Unschuldsvermutung gilt. Dabei gibt es für Frauen keine guten Gründe, über das Erlebte zu lügen. Unter Berücksichtigung der Dunkelziffer lässt sich sagen, dass Vergewaltigung in Deutschland in nahezu allen Fällen keine rechtlichen Konsequenzen mit sich zieht.
Ob WM oder nicht: Gewalt gegen Frauen hat System
Die meisten Frauen erleben im Verlauf ihres Lebens übergriffiges Verhalten, häusliche, sexualisierte oder auch psychische Gewalt. Großereignisse wie Fußball-Weltmeisterschaften werfen vielfach ein Schlaglicht auf patriarchale Gewalt und den gesellschaftlichen Umgang mit ihr. Die männlich geprägte Kultur spielt aber nicht nur während öffentlicher Großevents wie der Fußball-WM eine Rolle, sondern ist tief in der Gesellschaft verankert. Egal ob die deutsche Mannschaft die WM gewinnt oder schon im Sechzehntelfinale ausscheidet: Die Gewalt gegen Frauen geht weiter.
Aber auch der Widerstand gegen patriarchale Gewalt wächst. Die FIFA und nationale Verbände tun zwar alles dafür, Fälle unter den Teppich zu kehren und ihre Spieler in Schutz zu nehmen. Doch die Pfiffe von zehntausenden Fans im Stadion können von ihnen nicht ignoriert werden.
Auch organisieren sich immer mehr Frauen in fortschrittlichen Organisationen gegen die allgegenwärtige Gewalt. Viele von ihnen haben sie erlebt oder im nächsten Umfeld mitbekommen. Sie sind getrieben von Trauer und Wut über die bestehenden Verhältnisse, aber auch von der Vision einer Zukunft, in der Gewalt und Unterdrückung aufgrund des Geschlechts endgültig überwunden sind.

