Das Scheitern der USA im Krieg gegen den Iran zeigt, wie sehr sich die Kräfteverhältnisse zwischen den kapitalistischen Großmächten verschoben haben. – Ein Kommentar von Paul Gerber.
Zuletzt war im Krieg zwischen den USA und dem Iran nur noch wenig zu spüren vom anfänglich durch den amerikanischen Präsidenten Trump zur Schau gestellten Selbstbewusstsein. Eine Niederlage oder einen Fehlschlag wollte und konnte das Staatsoberhaupt der USA selbstverständlich nicht zugeben. Doch im Vergleich zu immer wieder abgegebenen schrillen Drohungen wirkte Trump bei der Vorstellung seines Deals verhältnismäßig kleinlaut und gab unter anderem zu Protokoll, man habe auf iranischer Seite „sehr rationale“ Verhandlungspartner, die „auch im Umgang angenehm“ seien.
Auch wenn Anfang Juli wohl kaum jemand wirklich belastbare Prognosen darüber anstellen kann, ob der zwischen dem neuen Führungspersonal des alten iranischen Regimes und den USA ausgbehandelte Kompromiss Bestand hat und zu einem langfristigen Schweigen der Raketenabschussrampen führt: Schon dieser Zwischenstand sagt viel über die Verhandlungsposition der USA aus: Nämlich dass diese offenbar sagenhaft schlecht war. Kein Wunder, dass der „mächtigste Mann der Welt“ zu Hause parteiübergreifend viel Kritik einstecken muss. Immerhin lässt sich mit guten Argumenten begründen, dass der Iran nach dem Krieg besser dasteht als zuvor.
Wie Trumps Krieg den Iran gestärkt hat
So sieht die Vereinbarung die Aufhebung sämtlicher Sanktionen gegen den Iran und seine Handelspartner durch die USA vor: Eine Praxis, die seit der Machtergreifung des heutigen Regimes im Jahr 1979 Bestand hatte. Außerdem sagen die USA mindestens 300 Milliarden Dollar für den iranischen Wiederaufbau zu. Ob der Iran im Gegenzug überhaupt echte Zugeständnisse machen muss, wird wohl erst in den nun geplanten Verhandlungen geklärt. Bisher ist nur von einer Wiederöffnung der Straße von Hormus die Rede. Außerdem muss sich der Iran erneut verpflichten, keine Atomwaffen zu entwickeln, was jedoch schon vorher die offizielle Position der Staatsführung war.
Unabhängig davon, ob man diese offizielle Position des Irans für glaubwürdig hält: Zumindest in den oberen Etagen der US-Regierung schien es handfeste Zweifel daran zu geben, ob eigene Atomwaffen technologisch für den Iran bei Kriegsbeginn überhaupt in greifbarer Nähe waren. Joe Kent, ehemaliger Direktor des Nationalen Zentrums für Terrorismusbekämpfung, begründete jedenfalls seinen Rücktritt aus Protest gegen diesen Militäreinsatz damit, dass seinen Informationen zufolge der Iran eben keine unmittelbare Bedrohung für die USA sei und auch nicht innerhalb weniger Monate eine Atomwaffe entwickeln könne.
Gut möglich also, dass der Iran am Ende (außer einigen besonders hervorstechenden Führungspersönlichkeiten wie Ali Chamenei) wenig verliert, aber viel gewinnt. Neben konkreten wirtschaftlichen Vorteilen dürfte der Krieg auch zu einer Erhöhung des eigenen diplomatischen und militärischen Gewichts aus Sicht anderer Staaten führen. So ist wahrscheinlich, dass die Golfstaaten, traditionell ebenfalls im Clinch mit dem Iran, die zum Teil ja auch Ziele von iranischen Raketenschlägen geworden waren, den Kriegsverlauf bereits zum Anlass für eine grundlegende Neuausrichtung ihrer Haltung zum Iran nehmen.
Aus ihrer Sicht hat der Krieg nämlich vor allem gezeigt, wie wenig verlässlich die US-Militärmacht und ihre Schutzversprechen gegen einen Staat wie den Iran sind. Einige Beobachter:innen gehen davon aus, dass die Golfstaaten in der Konsequenz versuchen werden, eine integrativere diplomatische Linie gegenüber den Iran zu etablieren.
Dass sich schon im Kriegsverlauf selbst eingefleischte USA-Fans wie der deutsche Kanzler Merz trauten, öffentlich die Strategielosigkeit des Verbündeten zu kritisieren, macht auf den ersten Blick die öffentliche Demontage der „letzten Supermacht“ perfekt. Ebenso wie die Tatsache, dass der israelische Juniorpartner im Irankrieg, bei schon geschlossener Vereinbarung zu Beendigung des Krieges, zumindest noch im Juni weiter Bomben im Libanon abwarf und damit sehr bewusst gegen einen der ersten und zentralen Punkte des „Deals“ verstößt, um das Kriegsende zu torpedieren.
Es scheint verlockend, bei dieser Bilanz in das hierzulande so beliebte „Trump-Bashing“ einzustimmen und sicherlich spielen Trumps „Eigenheiten“ in diesem Krieg absolut nicht für die USA. Letztlich hat aber nicht ein durchgeknallter New Yorker Immobilienkapitalist, der es bis ins Weiße Haus geschafft hat, diesen Krieg begonnen und verloren, sondern der seit dem 2. Weltkrieg ununterbrochen mächtigste kapitalistische Staat der Welt. Sich daran zu erinnern, ist in mehrerer Hinsicht wichtig.
Die Idee, den Iran zu überfallen, um einen regionalen Widersacher der USA erheblich zu schwächen, ist keinesfalls allein Trumps Schnapsidee oder ein Projekt der Israelis, das Netanjahu Trump bei einer Runde Golf in Florida schmackhaft gemacht hat. Eine „militärische Option“ gegen den Iran wird vielmehr in der Politikelite der USA seit Jahrzehnten von den sogenannten „Falken“ befürwortet. So wird eine interne Fraktion der US-Geopolitiker:innen bezeichnet, die als besonders aggressiv und schießfreudig gilt.
Dieser Punkt sei hier nur erwähnt, um in Erinnerung zu rufen, dass die USA unabhängig von ihrem jetzigen Präsidenten ihre Interessen seit Jahrzehnten mit offenen Völkerrechtsbrüchen, Invasionen und Geheimdienstoperationen überall auf der Welt durchsetzen.
US-imperialistische Machtdemonstration, nicht nur in Venezuela
Das Ende der unangetasteten amerikanischen Dominanz
Fast noch wichtiger bei der Auswertung des Irankriegs ist aber, dass auch die Niederlage der USA nicht nur das Produkt von Trump Strategielosigkeit ist. Aufgrund ihrer politisch, wirtschaftlich und militärisch vorherrschenden Stellung haben die USA ein ganzes Arsenal von Druckmitteln zur Verfügung.
Gerade der Versuch, den Iran durch Sanktionen und Strafzölle zu isolieren, ebenso wie zum Beispiel Russland und China, muss jedoch schlicht als gescheitert gewertet werden. Die blutige Nase, die sich die USA im Iran geholt haben, ist daher nicht als Anfang vom Ende der USA als einziger Weltmacht zu verstehen. Es zeigt vielmehr, dass die unumstrittene Vorherrschaft der USA bereits seit Jahren erschüttert wird und dies ein andauernder Prozess ist.
Seit spätestens 2017 lässt sich ein deutlicher Trend feststellen, dass die Großmächte, die klar einem weltpolitischen Lager zuzuordnen sind, also die USA und ihre engsten Verbündeten, unter anderem Deutschland und große Teile der EU, sowie Russland und China ihren Handel und ihre Kapitalinvestitionen umorientieren. Vor allem der Handel zwischen diesen beiden „Lagern“ hat im letzten knappen Jahrzehnt relativ betrachtet deutlich abgenommen. Ereignisse wie der Ukraine-Krieg oder die Zollerhöhungskampagne der Trump-Regierung im letzten Jahr haben diesen ohnehin bestehenden Trend nur noch beschleunigt.
Hervorzuheben ist aber, dass sehr bedeutsame, schnell wachsende andere Volkswirtschaften, deren Staaten oft auch eine eigene politische Agenda verfolgen, wie Brasilien oder Indien, diesem Trend eben nicht gefolgt sind. Sie verteidigen vielmehr vorerst ihre handelspolitisch unabhängig Position und beharren darauf, sowohl mit China, Russland als auch den USA handeln zu wollen.
Die aggressive Zollpolitik der USA der letzten Monate wird vor diesem Hintergrund schnell zu einem zweischneidigen Schwert, vor allem weil sie von einem klaren geopolitischen Kalkül geprägt war, also zum Beispiel gegen China um ein vielfaches höhere Zölle verhängt wurden als gegenüber einem von den USA stark abhängigen Land wie Mexiko. Die Gefahr aus amerikanischer Sicht besteht hier also darin, für Staaten wie Indien oder Brasilien zu starke Anreize für eine Intensivierung des Handels mit China zu setzen.
USA und Verbündete leiden unter dem Krieg
Ähnliches haben wir im Irankrieg beobachten können. Auf einer militärischen Ebene schien vor allem entscheidend zu sein, dass die USA die militärische Widerstandsfähigkeit des iranischen Regimes unterschätzt und seine innenpolitische Instabilität überschätzt haben. Dadurch wurde überhaupt erst möglich, dass der Iran sein wohl stärkstes Druckmittel, die Blockade der Straße von Hormus, effektiv einsetzen konnte. Dass dieses Mittel aber so effektiv funktioniert, muss mit weiteren Faktoren erklärt werden:
Wie auch hierzulande führte die Blockade und der Krieg zu stark steigenden Öl- und Spritpreisen und wurde zu einem weiteren Treiber der Inflation in den USA. Diese hält schon länger an und wächst sich zunehmend zu einem echten innenpolitischen Problem für Donald Trump aus.
Zentrale Verbündete der USA wurden schwer von der Blockade getroffen und zwar insbesondere in Ostasien. Hervorzuheben sind hier Japan und Südkorea, die beide sehr stark von Erdölimporten durch die Straße von Hormus abhängig sind; dementsprechend stark drängten diese auf eine schnelle diplomatische Einigung. Deutschland hat ebenso wie andere EU-Staaten bereits Kriegsschiffe in die Region geschickt.
Der Aufruf der USA aus dem März an ihre Verbündete, sich an militärischen Operationen zu beteiligen, um die Öffnung der Straße von Hormus sicherzustellen, stieß aber bei mehr oder weniger allen Verbündeten auf taube Ohren. Stattdessen versuchten diese offenbar verschiedentlich, unabhängig von den USA Verhandlungen mit dem Iran zu initiieren, um die sichere Passage der Meerenge für die eigenen Schiffe zu erwirken.
Die machtpolitische Gegenmaßnahme mit der Blockade der Meerenge traf offenbar nicht alle Staaten gleich, verschiedenen Berichten zufolge haben Schiffe unter chinesischer Flagge die Region immer wieder sicher passiert. China konnte sich hier erfolgreich als verlässlicherer Handelspartner als die USA inszenieren.
Zusammengefasst also gipfelte eine jahrzehntelange Sanktionskampagne mit dem Ziel, den Iran zu isolieren, in einen Krieg, aus dem der Iran gestärkt und weniger isoliert hervorzugehen scheint, während den USA ein relativer Verlust an Einfluss droht. Länder wie Japan und Südkorea, die vor allem wegen ihrer sehr stark am Golf konzentrierten Öllieferanten so stark getroffen wurden, könnten sich durch diesen Krieg gezwungen sehen, Öl und andere Energieträger auch von anderen Lieferanten zu beziehen, eventuell auch durch eine Ausweitung des Handels mit China und Russland.
Demütigung einer Weltmacht: Die USA in der iranischen Sackgasse
Tritt China an die Stelle der USA?
Der Verlauf des Irankriegs zeigt also, dass die USA ihre unbestrittene Hegemonie auf der Welt bereits ein Stück weit eingebüßt haben. Weit komplexer jedoch ist die Frage, ob das gleichbedeutend damit ist, dass sich nun China als mächtigster Konkurrent in den nächsten Jahren an diese Stelle setzt.
Am dynamischsten wächst das Kapital wohl aktuell im Bereich der Internetmonopole, insbesondere durch die scharfe Konkurrenz um die Entwicklung von immer leistungsstärkeren KI-Modellen. Unter anderem wegen dieses explosiven Wachstums des Sektors, aber auch wegen der Relevanz für die Entwicklung moderner Waffensysteme, wird die Frage, welcher Staat bzw. welche Konzerne über die leistungsstärksten KI-Technologien verfügt, üblicherweise als eine zentrale Frage im Kampf um die Vorherrschaft auf der Welt behandelt.
Dieser Kampf wird bereits hauptsächlich von Konzernen ausgetragen, diese wiederum sind nahezu alle US-amerikanisch oder chinesisch; im Fall von China zum Teil auch Staatskonzerne. Sie monopolisieren jeweils die Daten großer Teile der Weltbevölkerung beziehungsweise teilen sie unter sich auf. Zugleich bleiben sie nicht nur Werbetreibende, sondern entwickeln sich mehr und mehr zur dominierenden Form des Handelskapitals. Deutschland, aber auch die EU als Ganzes ist in dieser Hinsicht schon seit über einem Jahrzehnt weit abgeschlagen.
Verschiedene Expert:innen heben hervor, dass China sich mit immer größeren Abstand zum wichtigsten schwerindustriellen Produzenten für Maschinen und industrielle Vorprodukte entwickelt. Teilweise wird das Land als „Fabrik der Fabriken“ bezeichnet. Das gilt auch für den gerade skizzierten Bereich.
Für China ist es dabei relativ vorteilhaft, dass das Land die materiellen Grundlagen für den KI-Boom stärker im eigenen Land konzentriert, also selbst über eine ausgedehnte Chip- und Halbleiterindustrie verfügt, sowie zahlreiche seltene Erden, die für diese Produktionsketten notwendig sind, im Land selbst vorhanden sind.
Vorbereitungen auf den Krieg zwischen USA und China
Die US-Monopole wie Google, NVIDIA, Microsoft/OpenAI etc. müssen ihren Hardwarehunger stärker durch Importe stillen und sind somit wohl für Störungen dieser Lieferwege aktuell auch anfälliger. Das ist einer der Gründe, warum die USA Taiwan traditionell für eine so zentrale Frage erklären und im Pentagon bereits Szenarien für einen offenen Krieg um die Insel mit China durchgespielt werden.
China hat zweifelsohne in den letzten beiden Jahrzehnten einen raschen Aufstieg zum zweitmächtigsten Land der Welt erlebt. Um diesen Aufstieg fortzusetzen, wird es aber aus Sicht des Landes immer notwendiger, auch Teile des Weltmarkts zu erobern, die bisher etwa hauptsächlich von den USA beherrscht worden waren, und chinesisches Kapital auch in Regionen wie Südamerika anzulegen.
Die USA wiederum könnten früher oder später, wenn sie wirtschaftlich weiter an Boden verlieren, zu militärischen Mitteln greifen, um ihre Vorherrschaft zu verteidigen: Ein möglicher Entwicklungsverlauf, auf den sich auch China vorbereitet. Klar ist wohl heute nur, dass ein solcher offener Krieg zwischen den USA und China – neben Armut und Elend auf der ganzen Welt – starke Rückwirkungen auf die Kräfteverhältnisse zwischen den Großmächten im weiteren Verlauf des 21. Jahrhunderts zur Folge hätte.
Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 112 vom Juli 2026 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.

