Deutschlandweite Solidaritätskundgebungen nach Anschlag auf den CSD Berlin

In der LGBTI+ Community und darüber hinaus herrscht Trauer, Wut und Entsetzen über den Anschlag auf den Berliner CSD. Während Politiker:innen mehr Befugnisse für Sicherheitsbehörden fordern, gab es landesweit Gedenkveranstaltungen.

Am Samstagabend fuhr in der Nähe der Abschlusskundgebung des Christopher Street Days (CSD) Berlin ein Transporter in eine Menschenmenge. Mit hoher Geschwindigkeit raste das Auto durch den Berliner Tiergarten. Nach aktuellem Ermittlungsstand soll der Täter anschließend mit einer Stichwaffe weitere Menschen verletzt haben. Anschließend wurde der Berliner CSD abgebrochen.

Noch im Tiergarten verstarb eine Frau an ihren Verletzungen. 29 weitere Menschen wurden teils schwer verletzt. Keiner von ihnen schwebte am Montag mehr in Lebensgefahr. Die Nachricht verbreitete sich schnell bei den Teilnehmer:innen des CSDs und sorgte landesweit für Trauer, Bestürzung und Wut in der LGBTI+ Community und darüber hinaus.

Der Berliner CSD-Verein erklärte: „Wir sind bestürzt und unendlich traurig. Unsere Gedanken sind bei den Opfern, ihren Angehörigen sowie allen Menschen, die von diesem schrecklichen Ereignis betroffen sind“. Der deutschlandweit größte queere Bürgerrechtsverband (Verband Queere Vielfalt, LSVD) rief dazu auf, der Trauer „Raum zu geben“ sich nicht spalten zu lassen.

Eine Tote und zahlreiche Verletzte bei Anschlag auf CSD Berlin

Mutmaßlicher Täter erschossen

Direkt nach der Tat begann die Fahndung nach dem mutmaßlichen und zu diesem Zeitpunkt flüchtigen Täter. Schnell war die Polizei mit einem Großaufgebot vor Ort. Am Sonntag veröffentlichte die Berliner Polizei erste Informationen über den mutmaßlichen Täter und startete eine Öffentlichkeitsfahndung. Der 21-jährige wurde bereits mehrfach verurteilt und saß in Deutschland und Libanon im Gefängnis. Bei seiner Festnahme in einer Berliner Kleingartenanlage am Sonntagabend wurde er von Beamten des Berliner SEKs erschossen.

Aktuell ist weiterhin unklar, ob weitere Personen an der Tat beteiligt waren. Bereits am Tatort wurde eine Person festgenommen. Medienberichten zufolge sympathisierte der erschossene Tatverdächtige in der Vergangenheit mit islamischem Fundamentalismus und versuchte sich 2025 in Syrien dem Islamischen Staat (IS) anzuschließen.

Politiker:innen fordern mehr Befugnisse

Viele Organisationen, Politiker:innen und Medien sprechen daher von sogenanntem Islamismus als Tatmotiv für den Anschlag. Der Berliner CDU-Spitzenkandidat für die kommende Wahl des Abgeordnetenhauses Stefan Evers erklärte, Islamismus sei „die größte Gefahr“ für Schwule und Lesben in Deutschland.

Auch Bundeskanzler Friedrich Merz äußerte sich bei einer Gedenkveranstaltung zum Anschlag und sprach davon dass solche Taten „unsere Gesellschaft spalten“ und „unsere Offenheit und unsere Freiheit“ nehmen wollen. Er richtete sich an Teilnehmer:innen von CSDs mit den Worten „Lassen sie sich, lassen wir uns nicht einschüchtern“.

Während die Ermittlungen zum Hergang der Tat noch laufen, gibt es bereits erste Forderungen nach Konsequenzen von deutschen Bundespolitiker:innen. Kanzler Merz kündigte harte Maßnahmen an und erklärte man werde „mit Besonnenheit, aber auch mit Entschlossenheit“ über Konsequenzen entscheiden. Der Innenpolitiker Konstantin von Notz (Grüne) fordert mehr Befugnisse für Sicherheitsbehörden gegen „gewaltbereite Islamisten“.

Reform der Nachrichtendienste: Innenminister Dobrindt will massiv aufrüsten

Johannes Winkel, Vorsitzender der Jungen Union (JU) spricht von einer „Kriegserklärung radikaler Islamisten“, gegen die „offene Gesellschaft“ und setzt sich daher dafür ein, die geplante Nachrichtendienstreform der Bundesregierung schneller durchzusetzen.

Solidaritätskundgebungen und Mahnwachen

Doch während in der Bundespolitik über Innere Aufrüstung diskutiert wird, gab es landesweit Kundgebungen und Demonstrationen in Solidarität mit den Betroffenen des Anschlags. Am Tatort in Berlin sammelten sich Tausende Menschen, lagten Blumen und Kerzen nieder und errichteten eine Gedenkstelle. 10.000 Menschen versammelten sich zu einer Kundgebung am Brandenburger Tor, direkt gegenüber des Tiergartens.

Auch in der Innenstadt von Frankfurt am Main versammelten sich hunderte Menschen zu einer spontanen Gedenkkundgebung, organisiert durch das örtliche CSD-Bündnis. Auch in Großstädten wie Leipzig, Köln oder München gab es Mahnwachen oder solidarische Kundgebungen. In Hamburg etwa gingen mehrere hundert Menschen zu einer spontanen Demonstration auf die Straße.

Stonewall-Proteste im Zeichen von Faschisierung und Repression

Die Organisator:innen von antifaschistischen und sozialistischen Veranstaltungen stellten den Anschlag in eine Reihe von Angriffen auf LGBTI+ Personen deutschland- und weltweit. Bei der Kundgebung am vergangenen Sonntag am Brandenburger Tor in Berlin erklärte eine Rednerin der Föderation Klassenkämpferischer Organisationen (FKO): „Permament werden wir von reaktionären Kräften angegriffen, denen unsere Freiheit ein Dorn im Auge ist.“

Demnach reiht sich der Anschlag ein in permanente Angriffe auf CSDs durch faschistische Gruppen, Brandanschläge auf queere Hausprojekte wie etwa in Cottbus oder die Auslieferung der nichtbinären Antifaschist:in Maja nach Ungarn. Für den kommenden Sonntag wurde eine Demonstration in Berlin unter dem Motto „Von Trauer, zu Wut, zu Widerstand“ angekündigt.

 

Perspektive Online
Perspektive Onlinehttp://www.perspektive-online.net
Hier berichtet die Perspektive-Redaktion aktuell und unabhängig

MEHR LESEN

PERSPEKTIVE ONLINE
DIREKT AUF DEIN HANDY!