Wer heute auf Berufs- und Ausbildungsmessen geht, kommt um die Bundeswehr nicht herum. Warum sie kein Ausbildungsbetrieb wie jeder andere ist, kommentiert Samy Herbst.
Auch dieses Jahr sind wieder zehntausende Besucher:innen von Berufsmessen, darunter Schulklassen und Jugendliche, auf der Suche nach Zukunftsperspektiven. Unter den Ausstellenden wirbt in diesem Jahr neben Unternehmen aus Industrie, Handwerk und Dienstleistungssektor auch die Bundeswehr für die Ausbildung im Militär.
Mit VR-Simulationen, Videospielen und guten Ausbildungsgehältern inszeniert sich das deutsche Militär als zukunftsgewandter und sicherer Arbeitgeber. Und das mit einigem Erfolg: Seit Beginn der groß angelegten Werbekampagne der Armee scheint die Allgegenwärtigkeit des Militärs für viele schon zur Normalität geworden zu sein.
Düstere Aussichten für Jugendliche
Die meisten Jugendlichen blicken in Zeiten von steigenden Mieten, zunehmend prekären Arbeitsverhältnissen und der Zuspitzung internationaler Konflikte verständlicherweise voller Pessimismus in ihre Zukunft. Aus der Politik werden die Stimmen lauter, die ganz unverhohlen fordern, dass Studierende sich ihren Unterhalt durch mehrere Nebenjobs finanzieren sollen, dass Krankheitstage nicht mehr bezahlt werden und Teilzeit für Frauen erschwert werden soll – kurzum: Wir sollen den Gürtel enger schnallen, um die Krise zu finanzieren.
Dabei wird uns vermittelt, wir seien geradezu moralisch gegenüber der Gesellschaft dazu verpflichtet, unseren Lebensstandard herunterzuschrauben, bis zum Umfallen arbeiten zu gehen und den Dienst an der Waffe zu leisten. Dabei wird nicht nur an allen Ecken und Enden am Sozialen gespart, auch die Gefahr eines neuen großen Krieges scheint jeden hoffnungsvollen Gedanken an unsere Zukunft zu überschatten.
Während für Krankenhäuser, Schulen oder den öffentlichen Nahverkehr angeblich kein Geld vorhanden ist, werden gleichzeitig Hunderte Milliarden Euro für Aufrüstung bereitgestellt. Die Botschaft ist klar: Gespart werden soll bei den vielen, investiert wird in Militär und Kriegsvorbereitung. Die gleiche Regierung, die für unsere Interessen keinen Cent übrig hat, erwartet von uns die Bereitschaft, im Notfall an der Front zu töten und zu sterben.
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Die Bundeswehr als Alternative?
Paradoxerweise erscheint gerade in dieser Situation die Bundeswehr für einige junge Menschen als sichere Option. Eine Ausbildung, ein festes Einkommen, Ordnung im eigenen Leben und Karrierechancen – all das verspricht die Armee in ihrer Werbekampagne. Dabei muss klar herausgestellt werden, dass die Bundeswehr kein gewöhnlicher Ausbildungsbetrieb ist. Ihre Funktion besteht darin, Soldat:innen für die außen- und machtpolitischen Interessen des deutschen Staates bereitzustellen.
Um zu verstehen, warum die Bundeswehr heute so offensiv um Nachwuchs wirbt, müssen wir deshalb die Frage stellen, welchen Interessen die aktuelle Aufrüstung überhaupt dient. Wer sich konsequent gegen Krieg und Militarisierung stellt, dem wird gerne einmal vorgehalten, „Putinversteher“ zu sein oder schlichtweg zu naiv, um die Unvermeidlichkeit der Aufrüstung zu erkennen. Solchen Argumenten können wir vor allem mit einer klaren Analyse der Lage begegnen: Der deutsche Staat bereitet sich auf einen neuen großen Krieg vor, in dem neben Bomben und Panzern auch Menschen benötigt werden, die bereit sind zu sterben.
Dabei wird argumentiert, es ginge darum, die „Demokratie“ gegenüber einem äußeren Feind zu verteidigen. Dabei haben die vergangenen Jahrzehnte gezeigt, dass Auslandseinsätze und Waffenlieferungen des deutschen Staates keineswegs Ausdruck demokratischer Werte sind. Ob Kosovo, Afghanistan, Mali, Iran oder demnächst in der Straße von Hormus – überall werden militärische Interventionen mit humanitären Begründungen gerechtfertigt.
Kein neutraler Arbeitgeber
Frieden, Stabilität und Demokratie blieben jedoch aus. Stattdessen hinterlassen deutsche Waffen zerstörte Regionen und hunderttausende Tote, während Rüstungsunternehmen wie Rheinmetall und Co. Rekordgewinne einstreichen. In der nationalen Sicherheitsstrategie der Bundesregierung wird das Ziel dieses „Engagements“ der Bundeswehr im Ausland auch ganz klar ausgesprochen: Freie Handelswege und gesicherte Rohstoff- und Energieversorgung.
Die Bundeswehr ist deshalb kein neutraler Arbeitgeber. Sie ist vor allem der verlängerte Arm der imperialistischen Politik einer wirtschaftlichen Großmacht, die ihre wirtschaftlichen Interessen ohne Skrupel auch mit Waffengewalt durchsetzt. Die Rekrutierung junger Menschen ist kein Zufall. Sie ist Teil der konkreten Kriegsvorbereitung. Sich in dieser Lage gegen den eigenen Staat und das eigene Militär zu wenden, ist kein naiver Pazifismus, sondern die einzig konsequente Haltung aus der Perspektive unserer Klasse, auf deren Rücken Krieg und Krise ausgetragen werden sollen.
Mit den Interessen der deutschen Kriegstreiber, Staatschefs und Kapitalist:innen haben wir weniger gemein als mit den Rekrutierten irgendeiner anderen Armee. Darum muss die Antwort für uns heißen, internationale Solidarität zu leisten und den Widerstand gegen Aufrüstung und Krieg aufzubauen.
Unsere wirkliche Perspektive
Die zunehmenden Spannungen zwischen den großen kapitalistischen Machtblöcken, Handelskonflikte, Sanktionen und militärische Drohgebärden sind die Vorboten eines neuen großen Kriegs. Für uns ist das aber kein Grund, uns auf die Linie des deutschen Imperialismus einzulassen.
Eine echte Perspektive haben wir trotzdem: Es ist höchste Zeit, dass wir uns gegen die Angriffe von oben wehren. Überall dort, wo wir das System Tag für Tag mit unserer Arbeitskraft am Laufen halten, können wir auch Sand ins Getriebe streuen.
Wenn wir uns zusammen tun, haben wir den längeren Hebel als die Kriegstreiber und Staatschefs, die als Dank für unsere Arbeit nun auch noch den Tod an der Front für uns vorgesehen haben. Ob auf der Jobmesse, in der Schule oder im Stadtteil, überall wo für den Krieg geworben wird, müssen auch wir sein, um der Kriegspropaganda eine echte Alternative entgegenzusetzen.
Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 112 vom Juli 2026 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.

